Chef gesucht

Die Gründer von Familienunternehmen werden älter und halten nach Nachfolgern Ausschau

Auf den ersten Blick scheint alles normal: Die eine Generation baut eine Firma auf, und wenn die Zeit kommt, übergibt sie das Unternehmen an die folgende Generation. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Viele tschechische Familienunternehmen stehen vor einer schwierigen Phase, für die sie kaum Vorbilder haben

„Derzeit ist das eines der drängendsten Probleme in der Unternehmenswelt hierzulande“, sagt Libor Musil von der Firma für Innenausbau Liko-S (siehe auch Portrait). Musil gehört auch dem Vorstand des Verbandes kleiner und mittlerer Unternehmen sowie der Gewerbetreibenden in Tschechien (AMSP ČR) an. Laut dieser Vereinigung sind 85 Prozent der Firmen hierzulande in den Händen von Familien, und die meisten beschäftigt die Nachfolge oder die Übergabe an die Kinder.

Während Familienunternehmen in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken können, kommen sie in Tschechien erst in eine neue „Entwicklungsphase“. Meist sind sie zu Beginn der 1990er Jahre entstanden, ihre Gründer erreichen nun aber das Rentenalter. Was nun, fragen sich viele. „Es ist die erste Gründergeneration seit 70 Jahren, die sich mit der Nachfolge beschäftigen muss. Nach der langen Zeit der staatlich gelenkten Wirtschaft zu kommunistischen Zeiten lassen sich schwerlich erfolgreiche Beispiele heranziehen“, sagt AMSP-Generaldirektorin Eva Svobodová. Bisher hätten sich die meisten Familien in diesem Fall auf ihre Intuition verlassen, fügt sie hinzu. In letzter Zeit haben sich jedoch die Beratungsmöglichkeiten stark verbessert, zudem gibt es vermehrt Literatur zu dem Thema.

Der Plan fehlt

Laut der Unternehmensberatung KPMG sollte allein im vergangenen Jahr in einem Drittel der tschechischen Familienunternehmen die Nachfolge geregelt werden. Und dieser Trend hält weiter an. Meist besteht aber kein konkreter Plan, wie und an wen die jeweilige Firma übergeben wird.

„Das Thema wird für die Unternehmensgründer immer aktueller. Die meisten von ihnen drehen sich mehrere Jahre lang gedanklich im Kreis, wobei mehrere Varianten für die Zukunft von Firma und Familie im Spiel sind. Mit jedem Jahr nimmt dabei der innere Druck zu“, sagt David Krajíček, Experte für Firmennachfolge. Dabei gehört nicht nur das Weiterreichen der Firma an die eigenen Kinder zu den Möglichkeiten, sondern auch der Verkauf oder die Einsetzung eines Managers. Die Gründer erwarten dabei häufig, dass ihre Kinder die Unternehmensleitung übernehmen, ohne mit ihnen zuvor darüber gesprochen zu haben. Über 70 Prozent der Firmen wollen die Nachfolge innerhalb der Familie regeln, zeigt eine Umfrage des Verbandes AMSP. Und falls dies nicht klappen sollte, würde fast die Hälfte der Unternehmer am liebsten an einen anderen tschechischen Familienbetrieb verkaufen.

Herausforderung für beide Generationen

„Die größte Herausforderung beim Generationswechsel in Familienunternehmen sind die Erwartungen und die Motivation auf beiden Seiten. Diese beiden Faktoren zu unterschätzen, ist häufig der Grund für ein Misslingen der Firmenübergabe und für künftige Konflikte“, sagte Krajíček.
Laut Libor Musil, selbst Eigner eines Familienunternehmens, in dem die Nachfolge gerade „im Prozess“ ist, wollen die Nachkommen meist in die Fußstapfen der Eltern treten und im Betrieb unterschiedliche Positionen durchlaufen.
Entscheidend ist aber, dass die Firmengründer nach der Übergabe ihren Kindern nicht mehr hineinreden. Nach dem jahrelangen Aufbau des Unternehmens fällt das aber meist schwer. Das bestätigt etwa der Gründer der Textilfirma Grund, Jiří Grund Senior, der seinen Betrieb sowie ein Golf-Ressort an seine Söhne übergeben hat. „Das hat mich belastet. Jeden Tag musste ich mir sagen: Geh dort nicht hin, rede ihnen nicht rein“, so der Unternehmer gegenüber der Wirtschaftszeitung E15.
Die Übernahme der Firma hat aber die Söhne nicht vor eine komplett neue Herausforderung gestellt, sie hatten vorher bereits Erfahrungen gesammelt. „Zunächst waren wir als Hilfsarbeiter beschäftigt. Nach dem Abitur sind wir als Angestellte eingestiegen, wir haben uns von der Pike auf Managerpositionen hochgearbeitet“, schilderte Jiří Grund Junior der Zeitung Hospodářské noviny. Und genau das ist auch in den Augen von Krajíček wichtig. Denn die Kinder müssen die Firma nicht nur gut kennen, sondern sich auch Respekt verschaffen innerhalb der Belegschaft. Eine Firmenübergabe ist nicht nur für beide Generationen eine Herausforderung, sondern in gleichem Maße auch Risiko und Gelegenheit.

Pavla Francová

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