Erst das Produkt, dann der Bedarf

Wie man sich seinen Markt schafft und zum Weltmarktführer wird

1977, eine Garage, ein Mann, eine Idee. Wir sind nicht im kalifornischen Palo Alto, sondern im westfälischen Vreden. Und es geht auch nicht um eine IT-Revolution, sondern um den Schutz von Arbeitern, Schweißern, von denen die meisten an chronischem Husten leiden. Dass Milch wirklich gegen den gefährlichen Schweißrauch hilft, das wollte Gerd Kemper nicht glauben.

1977 erfindet der 29-jährige Kaufmann in seiner Garage den ersten Punktabsauger für Schweißrauch in Deutschland. Sein Gerät saugt den giftigen Rauch ab, bevor er sich in den Lungen der Schweißer ausbreiten kann. Arbeitsschutz war damals noch keine Selbstverständlichkeit. Gerd Kemper muss Überzeugungsarbeit leisten und Klinken putzen. In den Betrieben demonstriert er, wie viel Dreck sein Filter aus der Luft holt. Dreck, den die Arbeiter täglich einatmen. Das bringt viele zum Nachdenken. Und die Zeit war reif für mehr Arbeitsschutz. Seine Methode findet sich später schließlich sogar im neuen Gesetz wieder: Seit den 80er Jahren ist vorgeschrieben, Schadstoffe dort abzusaugen, wo sie entstehen. Kemper hat damit einen Markt für sein Produkt.

Eine Nische besetzen und wachsen

Firmengründer Gerd Kemper

Seitdem besetzt das westfälische Familienunternehmen erfolgreich diese Nische. Wachsen kann allerdings nur, wer Risiko eingeht. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs folgt Kemper seinen Kunden aus der Automobilindustrie und Metallverarbeitung Richtung Osten. „Wir haben 1994 in Tschechien einen jungfräulichen Markt vorgefunden und hatten die Möglichkeit, das zu wiederholen, was wir in Deutschland geschafft haben“, erklärt Geschäftsführer Björn Kemper, der das Unternehmen 2007 von seinem Vater übernommen hat, „Produkte auf den Markt zu bringen, die bisher noch keiner kannte.“

Inzwischen ist Tschechien der größte Standort von Kemper, 200 der insgesamt 370 Mitarbeiter arbeiten in der tschechischen Produktion. „Es gibt hier viele gute Metallbauer und Schweißer“, betont Kemper. Jedoch sieht er im Fachkräftemangel eine der größeren Herausforderungen für die Zukunft. Kemper kooperiert mit örtlichen Schulen und bildet tschechische Nachwuchskräfte intern nach eigenen Maßstäben aus, um den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern abzufedern.

Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Unternehmens werden auch in der Krise geprüft. 2009 bricht der Umsatz um 40 % ein, trotz Kurzarbeit müssen Mitarbeiter entlassen werden. In dieser schwierigen Phase steigt Kemper in das boomende Solarbusiness ein und entwickelt eigene Solartracker. Auch wenn dieser Geschäftszweig nicht von Dauer war, ist Björn Kemper überzeugt: „Die Entscheidung war in dem Moment absolut richtig. Wir konnten dadurch freie Kapazitäten nutzen.“ Und Arbeitsplätze retten.

Die Zukunft ist digital – auch beim Schweißen

Kemper stammt aus dem westfälische Vreden. Noch immer ist dort die Hauptniederlassung.

Das Kerngeschäft rund um den Schweißrauch bietet selbst genügend Herausforderungen. Auch hier hält die Digitalisierung Einzug. „Wir produzieren künftig ausschließlich vernetzte Produkte“, kündigt Björn Kemper an. Schon jetzt überwacht und steuert das neue Produkt AirWatch die Schadstoffwerte und Absauggeräte für unterschiedliche Arbeitsplätze vom Tablet aus. Das ist die Welt des IoT.

Übrigens, die Universität St. Gallen listet Kemper seit 2018 als „Future World Champion“. Björn Kemper lacht: „Nach unserer eigenen Definition sind wir schon der absolute Weltmarktführer.“ Aber auch die Kriterien der Uni St. Gallen sollen in wenigen Jahren erreicht sein. Dazu fehlt lediglich ein noch größerer Umsatz: mehr als 40 Mio. Euro hat Kemper 2018 umgesetzt, ein Plus von 13 % gegenüber dem Vorjahr. Für 2025 peilt das Unternehmen die 60 Millionen-Euro-Marke an.

Den Pioniergeist aus der Gründerzeit hat die Firma sich bewahrt und bietet inzwischen auch Belüftungsanlagen für ganze Produktionshallen an. Kemper betont aber: „Die Punktabsaugtechnologie ist auch heute noch das meist verkaufte Verfahren.“

Die Garage, in der Gerd Kemper den ersten Punktabsauger zusammenschraubte, gibt es heute nicht mehr. Der Stadt Vreden ist Kemper dennoch treu geblieben. Eine Familie verpflanzt man eben nicht so leicht.

Text: Sebastian Stachorra

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