Gesicht dieses Wandels

Interview mit Ivo Vondrák, dem Kreishauptmann von Mährisch-Schlesien

Ivo Vondrák liebt die Veränderung. Mit seiner langen Erfahrung als Professor in Österreich und als Entwickler bei einem großen Unternehmen in den USA wird er 1998 Professor für Ingenieurinformatik an seiner Heimatuniversität in Ostrava und gut zehn Jahre später ihr Rektor. Heute ist er als Hauptmann Chef des gesamten Mährisch-Schlesischen Kreises (MSK). Und Veränderung ist damit zu seiner Hauptaufgabe geworden.

Sie sind ein echter Ostrauer. Welches Bild kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an die Stadt und den Mährisch-Schlesischen Kreis (MSK) in Ihrer Kindheit denken?

Die Schwerindustrie, die Schächte. Wo immer wir auch hinfuhren, haben wir Fördertürme gesehen – wie sich ihre Räder drehten, wie die Schloten rauchten. Damals nannte man Ostrava das „stählerne Herz“ der Republik. Auf der anderen Seite hat mir das Leben in Ostrava immer irgendwie Spaß gemacht. Die Schwerindustrie war zum Beispiel sehr spendabel gegenüber den Sportstätten. Ich habe viele Jahre Tennis gespielt, übrigens auch mit Ivan Lendl. Wir waren im selben Alter, beim Abitur habe ich ihm mit darstellender Geometrie geholfen. Meine Frau ist mit ihm sogar in eine Klasse gegangen. Die Stadt war natürlich auch dreckig. Aber am schlimmsten war wahrscheinlich, dass sie eine Hochburg der Kommunisten war…

Sie haben das Leben auf dem „Schwarzen Stern“, wie die Stadt auch manchmal genannt wird, am eigenen Leib erfahren. Wie ist die Situation heute?

Die Transformation in den neunziger Jahren war zwar schmerzhaft, aber nun ernten wir die ersten Früchte. Es haben sich Firmen angesiedelt, die sich mit neuen Technologien befassen. Ganz wichtig die Mechatronik, also Brose Fahrzeugteile, die Entwicklung von Elektromotoren bei Siemens, Lichttechnik und Elektronik mit Hella und Varroc Lighting und viele weitere. Es freut mich immer, wenn der Varroc-Geschäftsführer sagt, dass er nirgendwo bessere Ingenieure gefunden hat als in unserem Kreis. Man spricht immer vom „Schwarzen Ostrava“. Steigen Sie doch aber mal auf den Bolt Tower in Vítkovice! Dann stellen Sie fest, dass Ostrava zu den grünsten Städten in ganz Tschechien gehört. Heute arbeiten immer noch 18.000 Leute in der Hüttenindustrie, aber mittlerweile auch 18.000 im IT-Bereich. Wichtig ist, dass sich IT auf industrielle Anwendungen konzentriert.

Also Industrie 4.0 …

Ja, in der Digitalisierung der Industrie sehe ich eine riesige Chance für unsere Region.

„Ich habe da eine Art Dreieck gesehen“

Im letzten Jahr haben wir ein Magazin über das innovative Brünn mit Hightech und Startups herausgebracht. Brünn konkurriert mit Prag um ausländische Studenten, Investoren usw. Das Erfolgsrezept ist die Innovationsstrategie der Stadt und des Kreises. Wo stehen Ostrava und der MSK im Vergleich zu Brünn und Umland?

Wir haben gerade die Erfahrungen aus Brünn genutzt, was die Förderung von Innovationen anbelangt. Voriges Jahr haben wir das Mährisch-Schlesische Innovationszentrum (MSIC) eröffnet, auf der Plattform des Wissenschafts- und Technologieparks Ostrava. Konzipiert ist es als wichtiger Überbau für Innovationssteuerung und –coaching. Stadt und Kreis halten jeweils 45 % der Anteile, die übrigen 10 % gehören den Universitäten. Ich bin auch froh, dass wir einen Weg gefunden haben, wie wir mit dem Unternehmerzentrum zur Innovationsförderung an der Uni zusammenarbeiten. Dort haben wir ein Umfeld für Studenten geschaffen, in dem sie ihre Firma gründen können. Hunderte Leute arbeiten dort. Ich habe da eine Art Dreieck gesehen: zum einen die Uni als Quelle für Ideen, dann das Förderzentrum für Innovationen an der Uni, das aus den Ideen Prototypen schafft, und der Wissenschafts- und Technologiepark bzw. das Mährisch-Schlesische Innovationszentrum, das diese Firmen dann auf den internationalen Markt bringt, und zwar schon mit einem fertigen Produkt.

Hat die Zusammenarbeit eine thematische Ausrichtung?

Die Mechatronik, einer der wichtigsten Bereiche, Industrie 4.0, Biomedical Engineering und die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien.

Wo liegen die Schwachstellen?

Etwas kritisch sehe ich es, dass sich Präsident Zeman darum bemüht hat, eine Reifenproduktion aus China hierher zu holen. Glücklicherweise wurde das fallengelassen. Dort würde sowieso niemand arbeiten. Menschen, die heute keine Arbeit haben, sind oft hochverschuldet. Wenn sie arbeiten würden, müssten sie einen Teil ihres Gehalts an Gläubiger abführen. Deshalb arbeiten sie lieber schwarz und leben von der Stütze. Die große Gefahr, die ich sehe: die Abwanderung von Talenten. Davor habe ich Angst. Die Bevölkerungszahl in unserer Region rückläufig. Und es tut mir leid, wenn gerade junge Leute ihre Heimat verlassen. Wir wollen systematisch die Leute überzeugen zurückzukommen, die von Ostrava zum Beispiel nach Prag gezogen sind. Wir können ihnen einen interessanten Job anbieten. Gute Arbeitgeber zahlen hier keine schlechteren Gehälter als anderswo. Und die Lebenshaltungskosten sind bei uns viel niedriger.

 Wie sieht es mit der Infrastruktur aus? Gerade für Investoren ein wichtiges Thema…

Wir liegen quasi an der Kreuzung zwischen West-Ost und Nord-Süd. Die Autobahn D1 führt mittlerweile bis nach Ostrava und abgesehen vom schrecklichen Abschnitt zwischen Prag und Brünn fährt man eigentlich ganz entspannt. Ostrava liegt zudem an der Hauptstrecke der Bahn, und wir bemühen uns, dass wir an die geplante Hochgeschwindigkeitstrasse angebunden werden. Und wir haben auch einen Flughafen, der sogar über die längste Start- und Landebahn Tschechiens verfügt.

„Und den Vorteil will ich nutzen“


Das ist schön. Aber wohin kann man fliegen?

Uns ist bewusst, dass die Voraussetzungen für den innereuropäischen Flugverkehr bei uns nicht so günstig sind wie bei unseren polnischen Nachbarn. Deshalb hat uns Katowice bei den Billigfliegern überholt. Wir wollen den Rückstand wettmachen. Momentan bieten wir Flüge nach Prag, London und Mailand an. Und es soll bald noch weitere geben, zum Beispiel nach Warschau. Nachdem wir die Leitung des Flughafens ausgetauscht haben, haben wir ein Wachstum von 25 %, bei Frachtgut sogar noch mehr. Gerade im Cargo-Bereich sehe ich Potential. Neben dem Flughafen entsteht gerade ein großes Logistikzentrum. Ob Schiene, Straße oder Luftraum: Ostrava ist ein Verkehrsknotenpunkt. Und den Vorteil will ich nutzen.

In Sachen IT waren wiederum Sie schneller. Sie haben sich persönlich dafür eingesetzt, dass an der TU Ostrava ein sogenannter Supercomputer steht, an die 20 Schränke. 

Als wir ihn vor zwei Jahren in Betrieb genommen haben, stand er auf der Liste der weltweit leistungsstärksten Supercomputer auf Platz 40 und war der größte in Mittelosteuropa.

So ein Superrechner ist eine super Marketingsache, andererseits aber auch super teuer. Was leistet der Computer wirklich? Für die Universitäten, aber auch auf die Unternehmen? Ich denke dabei an Industrie 4.0.    

Die öffentlichen Zuschüsse schränken den Spielraum ein, so dass wir der Industrie nicht so viel geben können, wie wir wollen. Unser Superrechner gehört heute allerdings zu den am stärksten ausgelasteten in Europa. Er dient vor allem wissenschaftlichen Berechnungen in den Bereichen Medizin und Biologie, aber auch Festigkeitsberechnungen. Ein großes Thema für uns ist das sogenannte Biomedical Engineering. Unser Innovationszentrum wird zum Beispiel von Invent Medical genutzt. Die Firma entwickelt verschiedene Prothesen und Spezialgeräte für Kinder, deren Schädelknochen nicht richtig wachsen. Da sehe ich ein Riesenpotential. Der Supercomputer ist eigentlich ein Labor. Sachen, für die man in normalen Labors Wochen oder Monate braucht, lassen sich am Superrechner extrem schnell umsetzen. Ein anderer Bereich ist die Verkehrsüberwachung. Wenn die Nationale Verkehrsinformationszentrale (NDIC) den Autofahrern eine bestimmte Strecke vorschlägt, dann stammen die Datenermittlungen von unserer Universität.

Ein anderes Thema ist der Technologietransfer in die Unternehmen. Welche Hürden gibt es dabei?

Nur 15 Prozent der Rechnerleistung ist für die Industrie bestimmt, was eine Bedingung der Europäischen Kommission war. Das bremst uns ein bisschen aus. Aber unter uns gesagt: Kein Superrechner auf der Welt kommt ohne die öffentliche Hand aus. Auch nicht in Deutschland.

Sie hatten schon kurz über digitale Lösungen, Smart City und intelligente Infrastruktur gesprochen. Der Mährisch-Schlesische Kreis war die „Smart Region 2017“. Was macht Ihren Kreis so „smart“?

Auf jeden Fall mehr als die üblichen Sitzbänke mit USB-Anschluss. Die Verkehrssysteme der Stadt und des Kreises sind verbunden und komplett aufeinander abgestimmt. Sämtliche Bus- und Zugverbindungen, die Anschlüsse im ÖPNV – alles wird über das einheitliche Koordinierungssystem ODIS geregelt. Mit nur einem Ticket fahren die Reisenden dann durch den ganzen Kreis, bezahlt wird mit Kreditkarte. Außerdem wollen wir die gesamte Region mit Hochgeschwindigkeitsinternet versorgen. Leider steht da die öffentliche Verwaltung – und überhaupt die tschechische Politik – immer noch in der Schuld. Wir möchten als Kreis ein einheitliches Informationsökosystem für unsere öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser aufbauen. Hier versagt leider der freie Wettbewerb. Die Telekommunikationsanbieter bei uns gehören noch immer zu den teuersten in Europa, und die Kommunikation mit ihnen ist äußerst schlecht.

 „Mehr als die üblichen Sitzbänke mit USB-Anschluss“

 Ostrava ist zur „Unternehmerstadt 2017“ gewählt worden, weil die öffentlichen Verwaltung bei Anfragen und Problemen von Unternehmen sehr entgegenkommend und schnell agiert, auch digital. Kann so etwas ein Vorbild für den ganzen MSK sein?

Auf jeden Fall. Ich denke aber, dass auch andere Städte modern aufgestellt sind. Třinec zum Beispiel setzt verstärkt auf Elektromobilität und intelligente Technologien. In der Stadt sind mehrere Elektrobusse unterwegs, außerdem werden dort Ladestationen für Elektrofahrräder hergestellt. Als Kreis vermieten wir an zehn touristischen Orten solche E-Bikes. Diese Sachen breiten sich immer mehr aus.

Thema Ausbildung: In Tschechien, aber auch in Deutschland herrscht ein großer Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Mährisch-Schlesien ist der Kreis mit der höchsten – wenn auch verhältnismäßig niedrigen – Arbeitslosenquote. Wie gehen Sie damit um? Werden Bergleute umgeschult? Geht das überhaupt?

Bergleute brauchen keine Umschulung. Das Bergbau-Unternehmen OKD bietet gerade 280 offene Stellen an. Trotzdem gibt es Umschulungsmaßnahmen für alle, die Interesse haben. Allgemein haben wir aber zu wenig Leute, die eine Berufsausbildung machen wollen. Alle wollen auf´s Gymnasium. Und es stellt sich heraus, dass das nicht funktioniert. Die Zahlen, die gerade durch die Presse gingen – wie viele Schüler beim Abitur durchgefallen sind – zeigen doch: Manche Schüler haben einfach nicht das Zeug dazu. Das Problem ist, dass sich die Finanzierung der Schulen nach der Anzahl der Schüler richtet. So lief das auch an unserer Universität. Als ich Rektor wurde, hatten wir 25.000 Studenten. Heute haben wir 15.000. Optimal wären meiner Meinung nach 10.000 bis 12.000 Studenten, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Studienfach. Wir haben zudem als Kreis ein Pilotprojekt gestartet, bei dem wir die duale Ausbildung an Mittelschulen einführen. In Deutschland ist das gang und gäbe. Bei uns hingegen funktioniert das nicht. Ich bin aber überzeugt, dass die duale Ausbildung gerade für eine Industrieregion wie unsere ungeheuer wichtig ist.

Warum funktioniert das in Tschechien nicht?

Weil es keine Gesetzgebung dafür gibt. Mit unserem Pilotprojekt leisten wir in Tschechien Pionierarbeit. Mit dem Bildungsministerium, einigen Unternehmen und ausgewählten Mittelschulen haben wir eine Absichtserklärung unterzeichnet, wonach wir das duale Ausbildungssystem gemeinsam angehen wollen. Wir wollen erst einmal Erfahrungen sammeln und anschließend ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen.

Es gibt doch genug Beispiele dafür, wie es funktioniert.

Ich weiß. In Tschechien herrscht da so ein Konservativismus. Die Berufsausbildung haben wir komplett zerstört. In den neunziger Jahren gehörten unsere Mittelschulen noch mit zu den besten. Trotzdem bin ich vorsichtig damit, schnell etwas „von oben“ zu ändern. Das verursacht nur Probleme, Stichwort: Inklusion an Schulen. Wir wollen den Weg der Pilotprojekte gehen. Niemand hat bisher den Mut aufgebracht zu sagen: Und jetzt kommt die duale Berufsausbildung! Einmal hatten wir hier ein Treffen mit dem Oberbürgermeister von Stuttgart. Er sprach auch darüber, wie Mercedes, Kärcher und andere Unternehmen den Schulen praktischen Unterricht anbieten und wie groß die Nachfrage der Schulen ist. Ein Teilnehmer fragte damals: ´Wie wird das staatlich gefördert?´ Darauf der Oberbürgermeister mit dem entscheidenden Satz: ´Für Unternehmen wie Mercedes und Kärcher ist es eine Frage der Ehre, das zu finanzieren´. Bei uns fehlt das. Das will ich ändern.

 „Duale Ausbildung für eine Industrieregion ungeheuer wichtig“

Erklären Sie mir, wo es politisch hakt.

Eines der Hauptprobleme besteht in der Finanzierung des Schulwesens. Heutzutage unterrichten nicht die Besten. Wir müssen die Lehrer besser bezahlen. Das ist die erste poltische Aufgabe. Als nächstes sollte man die Finanzierung nicht von der Zahl der Studenten abhängig machen, sondern von den Kosten. Die duale Ausbildung wollen wir ganz sicher durchsetzen. Daran haben wir ein grundlegendes Interesse. Das braucht Partnerschaften mit Unternehmen. Ich bin froh, dass wir hier Firmen wie ArcelorMittal, Brose und noch viele weitere haben, die mit an Bord sind.

Seit Ende 2016 sind Sie Hauptmann des MSK. Was erachten Sie als Ihren bisher größten Erfolg?

Dass sich das Image unseres Kreises verändert. Das zeigt sich auch daran, dass es in Ostrava auf einmal viel mehr sportliche und kulturelle Veranstaltungen gibt. Investoren lassen sich hier nieder, wie Siemens mit der Entwicklung von elektrischen Motoren. Als Generaldirektor Palíšek in Ostrava war, sagte er: „Wir haben festgestellt, dass es hier eine kluge Regionalregierung gibt. Deshalb haben wir unser Entwicklungszentrum hier errichtet.“ So funktioniert das. Ich hoffe, dass ich als das Gesicht dieses Wandels gelte.

Im vergangenen Jahr sind Sie der ANO-Bewegung beigetreten, womit ihre politische Karriere begann. Inzwischen sind Sie auch Abgeordneter. Wohin soll die Reise noch gehen?

Das habe ich auch schon Herrn Babiš gesagt, als wir uns über das Bildungsministerium unterhielten. Ich werde zunächst sehen, wie sich meine Vorhaben hier umsetzen lassen. Kreishauptmann macht mir Spaß. Und solange ich in diesem Amt das Revier noch nicht ganz abgesteckt und die nötigen politischen Erfahrung gewonnen habe, werde ich mich nicht nach anderen wichtigen Posten umschauen.

Interview: Christian Rühmkorf

Bildquelle: Tomás Železný

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.