Martin Janáček: „Brünn ist ein klasse Ort für IT-Spezies“

Interview mit Martin Janáček, dem Chef der Brünner SAP-Filiale, die 2016 ein Teil des internationalen Netzwerks von SAP Labs wurde

„Su z Brna“, sagt Martin Janáček im lokalen Dialekt. Er ist ein Brünner mit einer Brünner Karriere: Zunächst besuchte er das Gymnasium Vídeňská, wo er die Fachrichtung Programmierung wählte, es folgte die Mendel-Universität, Fachrichtung System Engineering und Informatik. Janáček hat zwei Kinder, 12 und 10 Jahre alt, und lebt, mit einer kurzen Unterbrechung von 18 Monaten, schon sein gesamtes Leben in der südmährischen Metropole. Damals war er in Deutschland in Walldorf, um bei der SAP-Zentrale die Unternehmenskultur vor Ort zu erleben. Die Abteilung in Brünn hat immer direkt für Walldorf entwickelt und ist auf Wachstumskurs.

Was hat sich seit dem vergangenen Jahr, als Sie ein Teil von SAP Labs wurden, in der Brünner Filiale geändert?

Davor waren wir eines von mehr als 100 kleineren Entwicklungszentren. Weltweit gibt es jedoch nur 19 SAP Labs. Das bedeutet für uns mehr Prestige und die Möglichkeit künftigen Wachstums. Durch SAP Labs kam zudem eine weitere Einheit hinzu – die Entwicklung von UX (User Experience), also Front-End-Anwendungen in der SAP Fiori UX-Technologie. Wir haben hier jetzt 80 neue Mitarbeiter, die für die Kunden auf der ganzen Welt moderne Benutzerschnittstellen entwickeln. Im Bereich der Lokalisierung unterstützen wir Märkte in ganz Europa oder auch in Südamerika.

Warum ist SAP Labs in Brünn und nicht in Prag?

Der Hauptgrund dafür ist wohl, dass Brünn eine echte Universitätsstadt ist …

Das ist Prag aber auch, oder?

Ja, aber Brünn ist die Stadt mit dem höchsten Studentenanteil. Es leben hier fast 400.000 Einwohner, davon sind ca. 70.000 Studenten, also etwa ein Sechstel. Es gibt hier jedes Jahr rund 17.000 Absolventen, davon etwa 4.000 aus dem IT-Bereich. Wir sind also wirklich eine Universitätsstadt. Auch Bratislava, Olomouc und Ostrava sind nicht weit. In unserer Filiale gibt es zudem viele Mitarbeiter aus Nordmähren, aber ebenso aus der Slowakei. Darüber hinaus gibt es in Brünn viele moderne Büroräume und einen durchdachten öffentlichen Nahverkehr. Auch nachts kommt man in der Stadt gut überall hin. Aus denselben Gründen haben hier auch weitere Technologiefirmen ihren Sitz.

Gibt es bei Ihnen Nachtschichten?

Ich denke eher an das Privatleben unserer Mitarbeiter. Brünn gehört auch zu den führenden Städten, was die Lebensqualität betrifft. Ich glaube, Brünn belegt in Tschechien den ersten Platz im Index.

Wie viele Mitarbeiter hat SAP Labs? Werden noch weitere eingestellt?

Zurzeit haben wir rund 250 Mitarbeiter. Und in diesem Jahr wollen wir weiter wachsen, um etwa 40 Leute. Momentan befinden wir uns im Rekrutierungsprozess.

Aus Brünn kommen bekannte Startups und IT-Firmen. Bei der Mitarbeitersuche herrscht hier viel Konkurrenz. Wie suchen Sie neue qualifizierte Mitarbeiter?

Es stimmt, die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird nicht besser. Wir spüren mehr Wettbewerb, aber zum Glück finden wir bis jetzt gute Mitarbeiter. Am besten ist natürlich die Weiterempfehlung durch zufriedene Mitarbeiter. Sie geben über den  dem Bewerber eine glaubwürdige Referenz, wenn sie ihn direkt kennen. Wir arbeiten auch mit Universitäten und Karrierezentren zusammen, werben auf Karriereportalen und nutzen Personalagenturen. Wir suchen ebenso über soziale Netzwerke, insbesondere LinkedIn.

Martin Janáček, Quelle: SAP

Brünn hat ein bisschen den Ruf des tschechischen Silicon Valley. Wie arbeiten Sie als Großunternehmen mit Startups?

In unserer Filiale haben wir mehr als 20 Jahre Erfahrung und gleichzeitig auch viele neue Kollegen, meist junge Leute. Daher sind wir nun in der Lage, unsere Erfahrung und den Hintergrund eines Konzerns mit einem Startup-Umfeld in der neuen Abteilung UX zu kombinieren. Inspiriert ist das Ganze vom Konzept „AppHaus“: Die Zusammenarbeit und das innovative Denken sollen unterstützt werden. Ansonsten arbeiten wir mit verschiedenen Organisationen im Startup-Bereich, zum Beispiel mit dem Südmährischen Innovationszentrum (JIC).

Und wie sieht die Zusammenarbeit mit der Stadt Brünn aus?

Bisher haben wir noch keine enge Partnerschaft. Aber ich finde es sehr gut, wie der Kreis, die Stadt, die Universitäten, Vertreter aus der Wirtschaft und verschiedene Organisationen wie das JIC zusammenarbeiten. Vor Kurzem gab es in unseren Räumen eine Sitzung der Arbeitsgruppe „Attraktive Region“ der Regionalen Innovationsstrategie des Kreises Südmähren. Das Ziel des Projekts ist es, eine Kommunikationsstrategie zu schaffen und Leute in die Region zu holen. Wenn hier jede Firma nur für sich alleine kämpft, erreichen wir nichts.

Das ist in Prag komplizierter. Wenn man Ihnen eine noch höhere Position bei SAP in Prag anböte, würden Sie Brünn verlassen?

Ich würde Brünn nicht verlassen. Bereits in der Vergangenheit hatte ich die Möglichkeit, in Deutschland zu bleiben. In Brünn fühle ich mich wohl. Es ist ein guter Ort zum Leben, egal ob man nun Familie hat oder vor allem Sport- und Freizeitangebote nutzt. Man fährt nur ein paar Kilometer und ist aus der Stadt. In der letzten Zeit gibt es viele neue Konzepte von Restaurants und Cafés. Man hat hier ein gutes Leben und die Wirtschaft brummt. Brünn ist ein hervorragender Ort für IT-Spezies und Technologieenthusiasten. Ich will die Stadt nicht schlecht machen, aber nach Prag würde ich nicht ziehen.

Für mich geht’s jedenfalls nun zurück nach Prag. Vielen Dank für das Interview!

Interview: Christian Rühmkorf

Quelle des Beitragsbildes: SAP

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