Patient in guter Verfassung

„Unser Gesundheitssystem ist besser als sein Ruf“, meint Miroslav Palát, Präsident von CzechMed, dem Verband der Lieferanten von Medizintechnik. Mit sieben bis acht Prozent seines Bruttoinlandsproduktes gebe Tschechien für das Gesundheitswesen so viel aus wie der Durchschnitt der OECD-Länder. „Und bei Medizintechnik wächst das Geschäft in absoluten Zahlen“, so Branchenexperte Palát.

Berechnungen von Germany Trade & Invest zeigen, dass der Umsatz mit medizinischen Geräten jährlich 700 Millionen bis 800 Millionen Euro erreicht, je nach Investitionszyklus der Krankenhäuser. Künftig könnte noch mehr Geld in Kliniken und Arztpraxen fließen, denn der aktuelle Wirtschaftsboom beschert den Krankenkassen steigende Einnahmen dank höherer Löhne.

In diesem Jahr stehen Tschechiens Gesundheitssystem nach groben Schätzungen fast 360 Milliarden Kronen zur Verfügung (rund 14 Milliarden Euro; Wechselkurs am 13. November 2017: 1 Euro = 25,565 Kronen). Davon entfallen etwa 240 Milliarden Kronen auf die Ausgaben der Krankenkassen. Aus dem Staatshaushalt kommen 70 Milliarden Kronen hinzu, um die Beiträge für Rentner, Studenten und Erwerbsunfähige zu decken und die Investitionen der Krankenhäuser zu unterstützen. Außerdem zahlen die Bürger rund 65 Milliarden Kronen aus eigener Tasche für Gesundheitsdienstleistungen, zum Beispiel für Zahnbehandlungen, private Labordienste oder für Zusatzversicherungen.

Herz-Kreislauf-Probleme verursachen die größten Kosten

Die größten Ausgaben der tschechischen Krankenkassen verursachen Herz-Kreislauf-Probleme. Auf ihre Behandlung entfallen fast zwölf Prozent des Budgets. Krebserkrankungen haben einen Anteil von zehn Prozent. Dahinter folgen Krankheiten der Muskeln, Knochen und Gewebezellen, der Verdauungsorgane sowie Nieren- und Geschlechtskrankheiten.

Nach Angaben des Statistikamtes gaben die Krankenkassen 2015 für die medizinische Versorgung von Männern durchschnittlich 800 Euro aus, für Frauen 850 Euro. Das ist im Vergleich zu Deutschland immer noch wenig. Dort müssen die gesetzlichen Krankenversicherungen pro Jahr fast 3.000 Euro je Versicherten aufwenden.

Trotz des großen Unterschiedes zum Nachbarn krankt das tschechische Gesundheitssystem nicht an einer Unterfinanzierung, meint Adam Vojtěch, frisch gewählter Abgeordneter im Unterhaus des tschechischen Parlaments. Er gilt als Experte für die Branche und wird als neuer Gesundheitsminister des Landes gehandelt. Allerdings sorge die demografische Entwicklung – mehr alte Menschen brauchen medizinische Betreuung, weniger Junge zahlen in die Krankenkassen ein – für steigende Kosten im Gesundheitssystem, so Vojtěch. Er rechnet deshalb damit, dass Tschechiens Patienten künftig höhere Eigenanteile leisten müssen.

Bildquelle: Universiätskrankenhaus Motol

Aktionsbedarf sieht der Experte bei der medizinischen Grundversorgung. „Wenn bei uns jemand erkrankt, wendet er sich häufig direkt an ein Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen“, erklärt Vojtěch. „Dabei wären die Allgemeinärzte zunächst der bessere Anlaufpunkt.“ Der ANO-Politiker will die Versicherten künftig motivieren, regelmäßiger einen Hausarzt aufzusuchen, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, um so häufige Erkrankungen wie Diabetes frühzeitiger erkennen und behandeln zu können.

Nach Ansicht von Experten gibt es trotz einiger Schließungen immer noch zu viele Krankenhausplätze in Tschechien. Die vorhandenen Betten waren 2015 im Durchschnitt nur an 258 Tagen belegt. Die Auslastung betrug 71 Prozent, die mittlere Aufenthaltsdauer 6,8 Tage. Das ist ein halber Tag weniger als in Deutschland.

Ambulante Behandlung statt teurer Krankenhausbesuche

Miroslav Palát vom Branchenverband Czechmed schätzt, dass in Tschechien – ähnlich wie in den westlichen Ländern – drei Viertel der Gesundheitsausgaben auf chronisch Kranke entfallen. „Ziel muss es sein, sie so lange wie möglich außerhalb der Krankenhäuser zu behandeln.“ Die Bettenüberkapazitäten sollten besser in ambulante Behandlungszentren umgewandelt werden. Die eingesparten Kosten könnten die Effizienz des Gesundheitssystems steigern.

Insgesamt hat Tschechien 187 Krankenhäuser für die Grundversorgung mit knapp 57.000 Betten (Zahlen für 2015). Daneben existieren 161 Fachkliniken mit 21.000 Betten. Für Lieferanten von Medizintechnik sind auch die 88 Heilbäder und Kurhäuser sowie die fast 27.000 ambulanten Einrichtungen und Arztpraxen interessant.

Knapp ein Fünftel der Bettenkapazitäten entfällt auf nichtstaatliche Betreiber, darunter auch die Kirchen. Das Interesse privater Investoren am Betrieb von Krankenhäusern steigt. Der slowakische Unternehmer Tomáš Chrenek will in Prag sogar ein komplett neues Hospital errichten. Das fast 40 Millionen Euro teure Objekt soll zum Flaggschiff seiner Klinikkette Agel werden und wäre nach vielen Jahren der erste Krankenhausneubau in Tschechien.

Agel gehört zu den bekanntesten privaten Akteuren im Gesundheitswesen. Der Konzern erzielte 2016 einen Umsatz von 18 Millionen Euro. Seit September 2017 bildet Agel in Ostrava seinen Nachwuchs selbst aus. Dort entstand die erste private medizinische Fachschule, weil es zu wenig Krankenschwestern oder Laborassistenten gibt. Die Ausbildung ist kostenlos, die Schüler müssen sich aber verpflichten, anschließend in einer Agel-Einrichtung zu arbeiten.

Private Betreiber auf Expansionskurs

Ein weiterer wichtiger Spieler am Markt ist der Medizinkonzern EUC, der seinen Umsatz 2016 um 11 Prozent auf 1,65 Milliarden Kronen (61 Millionen Euro) steigern konnte. Die Gruppe ist in 17 Städten mit ambulanten Behandlungs- und Diagnosezentren vertreten. Zu ihr gehört auch die bei Expats beliebte Privatklinik Canadian Medical Care, die neue Filialen in Prag plant. Das staatliche Homolka-Krankenhaus in Prag hatte 2017 seine „Premium Care“-Abteilung an EUC verkauft.

Auf Expansionskurs ist außerdem die tschechisch-slowakische Investmentholding Penta. Sie hatte im Frühjahr 2017 die Übernahme der Nemos Group bekannt gegeben, die Krankenhäuser und Ambulanzen im Bezirk Karlovy Vary betreibt. Zuvor hatte Penta bereits ein kleines Hospital in Vrchlabí gekauft und ist auf der Suche nach weiteren Objekten in Tschechien.

Die steigenden Einkommen führen dazu, dass bei den Bürgern das Interesse an gehobener medizinischer Versorgung zunimmt. Um lange Schlangen in den Wartezimmern zu vermeiden und sich mehr als umgarnter Kunde statt als Patient zu fühlen, suchen immer mehr Tschechen eine private Klinik auf.

Für Medizintechnikhersteller bleibt aber der öffentliche Sektor am spannendsten, erklärt Karel Kopejtko, Finanzdirektor bei Siemens Healthcare in Prag. Er schätzt, dass nur zehn Prozent des Marktes für Großgeräte auf die privaten Einrichtungen entfallen, der Rest auf staatliche Krankenhäuser.

Medizintechnik meist länger im Einsatz als in Deutschland

Siemens ist in Tschechien vor allem mit bildgebenden Geräten für Computertomografie, Magnetresonanz, Mammografie, Röntgenuntersuchungen und Nuklearmedizin im Geschäft. Auch Marktkenner Kopejtko bestätigt, dass die Ausstattung der tschechischen Krankenhäuser recht gut ist. „Allerdings beobachten wir, dass Medizintechnik hier viel länger im Einsatz ist. Während ein Gerät in Deutschland in der Regel nach acht Jahren durch ein neues ersetzt wird, ist es in Tschechien meist zehn bis zwölf Jahre in Betrieb.“

Außerdem sieht Kopejtko einen Preisverfall für medizinische Produkte. „Die Krankenhäuser kaufen nicht die Ausrüstungen aus dem High-End-Sortiment sondern eher aus dem mittleren Preissegment.“

Das spürt auch der deutsche Hersteller Messer Group, der medizinische Gase für Anästhesie, Chirurgie oder Zahnmedizin produziert. Das Unternehmen liefert in Tschechien an staatliche Krankenhäuser und an private Einrichtungen. „In den Privatkliniken wird häufig ein überdurchschnittlicher Service für die Handhabung unserer Gase verlangt“, so Vladislav Sywala, Geschäftsführer von Messer Technogas in Prag. Die Beschaffungsprozesse dagegen seien ähnlich. Auch die privaten Betreiber suchen ihre Lieferanten per Auswahlverfahren, haben aber weniger Dokumentationspflichten als die staatlich geführten Häuser.

Laut Siemens-Manager Kopejtko hat sich die Beschaffung der Krankenhäuser in den letzten Jahren verändert. „Früher haben oft die Abteilungsleiter in den Kliniken über die benötigten Geräte entschieden, die später auch damit arbeiten mussten. Inzwischen läuft das immer mehr über die Einkaufsabteilungen der Krankenhäuser.“ Außerdem dränge der Staat darauf, dass die technischen Spezifikationen bei den Ausschreibungen allgemeiner gehalten werden. Dadurch sollen mehr Anbieter in die engere Auswahl kommen und so die Preise sinken. „Hochwertige Topprodukte haben dadurch kaum noch eine Chance“, so Kopejtko.

Preis bei öffentlichen Beschaffungen wichtigstes Auswahlkriterium

Verbandschef Miroslav Palát kritisiert, dass der Preis bei öffentlichen Tendern das wichtigste Auswahlkriterium für Medizinbedarf ist. Die Situation könnte sich sogar noch verschärfen, wenn die staatlichen Krankenhäuser wie angedacht zentrale Ausschreibungen durchführen. „Dadurch bekommen wir Messgeräte, die nicht messen, chirurgische Handschuhe, die platzen, und Klebebänder, die nicht kleben.“ Der CzechMed-Präsident setzt sich dafür ein, dass Qualitätskriterien und die Meinung der medizinischen Anwender beim Auswahlprozess stärker berücksichtigt werden.

Siemens-Manager Kopejtko meint, dass auch Merkmale wie Stromverbrauch und Anzahl der möglichen Behandlungsvorgänge je Zeiteinheit bei den Verfahren eine Rolle spielen sollten. Einen positiven Trend für Qualitätsanbieter sieht er bereits: „Häufig werden bei den Ausschreibungen nun Serviceverträge für sechs bis acht Jahre verlangt. Das können Billighersteller nicht leisten.“

Aktuell kann sich Siemens Healthcare über die Auftragslage in Tschechien nicht beklagen. Bei hochwertigen Produkten für die Nuklearmedizin zum Beispiel ist der Münchener Konzern laut Kopejtko Marktführer im Land. Er profitiert damit auch von zahlreichen Investitionsprojekten, die in den öffentlichen Krankenhäusern laufen.

Unter anderem baut die Uniklinik Brünn eine neue Geburtsstation für rund 80 Millionen Euro. Der Bezirk Hradec Králové modernisiert für über 50 Millionen Euro das Bereichskrankenhaus Náchod. Ostrava hat im Frühjahr 2017 den Sanierungsplan für das Städtische Krankenhaus genehmigt. Zu dem mehr als 90 Millionen Euro teuren Vorhaben gehören neue OP-Säle, eine zentrale Notaufnahme sowie ein Parkhaus. Auch in Pardubice und Ústí nad Orlicí steht die Modernisierung der Notaufnahmen an.

Kliniken dank EU-Fonds technologisch auf gutem Niveau

Eine wichtige Quelle für die Investitionen der Krankenhäuser sind die EU-Fonds, besonders das Integrierte Regionale Operationsprogramm (IROP). Aus diesem Topf stehen im aktuellen Förderzeitraum 2014 bis 2020 rund 284 Millionen Euro für die Verbesserung der medizinischen Infrastruktur bereit.

„Dank der Mittel aus EU-Fonds ist die Ausstattung unserer Krankenhäuser aktuell sehr gut“, meint Gesundheitspolitiker Vojtěch. „Die Frage ist, was in fünf bis sechs Jahren passiert, wenn die Geräte ersetzt werden müssen und weniger EU-Gelder zur Verfügung stehen.“ Bis dahin müssten neue Finanzquellen für das Gesundheitswesen erschlossen werden.

Bildquelle: Universitätskrankenhaus Motol in Prag

Das System der staatlichen Krankenhäuser will Vojtěch aber nicht antasten. Hier sieht er nur wenig Bedarf für mehr Wettbewerb mit privaten Betreibern. „Diese würden sich dann die profitablen Standorte herauspicken und bevorzugt Patienten behandeln, die mehr Gewinn versprechen“, glaubt der Experte. Er sei für ein gleichberechtigtes Nebeneinander von öffentlichen und privaten Krankenhäusern.

Als ersten Schritt für mehr Effizienz im Gesundheitssystem plant die Regierung, ab 1. Januar 2018 die neun Universitätskliniken (in Tschechien heißen diese „Fakultätskrankenhäuser“) sowie das Zentrale Militärkrankenhaus in eine neue Rechtsform zu überführen. Das soll das Management vereinfachen und die Beschaffungsprozesse optimieren.

Gesundheitspolitiker Vojtěch sieht darin ein Modell für die Zukunft. Ähnlich wie in Deutschland würde er die Krankenhäuser gern motivieren, sich beim Kauf von Verbrauchsmaterial oder Medizintechnik zusammenzuschließen und so bessere Konditionen auszuhandeln. Lieferanten müssen sich in Zukunft also auf sinkende Margen einstellen, damit Tschechiens Gesundheitssystem weiter genesen kann.

Autor: Gerit Schulze

Germany Trade & Invest

Mehr Infos unter: www.gtai.de/tschechische-republik

oder bei Twitter: @GTAI_Prag

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