Vom Wandel getrieben

Der Weg zu neuen Rekorden in Tschechiens Autoindustrie wird steiniger. Noch 2017 glänzte die Branche mit Höchstwerten. In den Fabriken der drei einheimischen Hersteller liefen 1,413 Millionen Fahrzeuge von den Bändern – ein Plus von 5 % im Vergleich zum Vorjahr. In den ersten sieben Monaten 2018 stieg die Produktion nur noch um 0,5 %. Das Hyundai-Werk in Nošovice verzeichnete sogar starke Rückgänge, weil die Nachfrage im Vereinigten Königreich und auf anderen wichtigen Absatzmärkten sinkt.

Außerdem drückt die schwierige Lage am Arbeitsmarkt auf die Stimmung der Autoindustrie und auf die Gewinne. Personal für neue Produktionslinien fehlt, die Stammbelegschaft setzt sich mit hohen Lohnforderungen durch. Bei Škoda Auto wurden die Tariflöhne im April 2018 um 12 % angehoben. Hyundai hat die Einstiegslöhne zum 1. Juli um 8 % erhöht. Weitaus mehr Gefahr könnte dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes allerdings durch die technologische Zeitenwende drohen. Denn noch immer läuft in Tschechien kein abgasfreies Auto vom Band, lediglich ein Hybridmodell bei Hyundai. Dabei steigt weltweit die Nachfrage nach alternativen Antriebsarten, nach vernetzten Autos, Assistenzsystemen und Mobilitätsdiensten, nach neuen und leichteren Materialien. Auf diesen Gebieten haben tschechische Zulieferer noch erheblichen Nachholbedarf.

Autobranche investiert jährlich zwei Milliarden Euro

Immerhin gehört der Fahrzeugsektor zu den investitionsfreudigsten Wirtschaftszweigen im Land. Nach Berechnungen des Industrieministeriums haben Tschechiens Autohersteller und Zulieferer 2017 zwei Milliarden Euro in Anlagen und den Ausbau der Kapazitäten gesteckt. Im Land sind die wichtigen internationalen Teilehersteller mit eigenen Produktionsstätten vertreten – von Erstausrüstern (OEMs) bis hin zu Sublieferanten aller Ebenen. Die im Branchenverband AutoSAP organisierten 93 Zulieferer erzielten 2017 einen Rekordumsatz von umgerechnet 17.5 Milliarden Euro. Dennoch werden die Zeiten schwieriger. Marktexperten der Komerční banka (KB) in Prag erwarten für die kommenden beiden Jahre einen Rückgang der tschechischen Autoproduktion um jeweils knapp 3 %. Als Grund nennt die Bank in einer aktuellen Studie die Abschwächung der EU-Konjunktur in Folge einer möglichen Rezession in den USA. Nach Einschätzung der KB liegen die Zukunftsmärkte für tschechische Autos vor allem in Asien. Das erfordere allerdings neue Ansätze bei Design und Ausstattung im Vergleich zu den bislang vorrangig belieferten Märkten in Europa. Die Studie weist darauf hin, dass die einheimische Automobilindustrie einige strukturelle Schwächen habe. So sei die Branche nur unzureichend vorbereitet auf die technologischen Herausforderungen der Zukunft, namentlich bei künstlicher Intelligenz und autonomem Fahren. Außerdem stagniere die Produktivität je Beschäftigten. Das Beratungsunternehmen EY und der Branchenverband AutoSAP hatten im Frühjahr 2018 untersucht, welchen Einfluss ein Erfolg der Elektromobilität auf Zubehörhersteller in Böhmen und in Mähren haben könnte. Sollten sich Batterieautos massiv durchsetzen, wären fast alle traditionellen Zulieferer betroffen: Hersteller von Motoren, Getrieben und Vergasern, von Tanks und Treibstoffsystemen, von Auspuffen, Bremsen, Karosserien und Flüssigkeitsfiltern. Die befragten Unternehmen erzielen in Tschechien bislang noch 40 % ihrer Umsätze mit Teilen, die nur in Autos mit Verbrennungsmotor gebraucht werden.

Jeder zweite Zulieferer produziert bereits Teile für Elektroautos

Immerhin jeder fünfte Hersteller will bis 2020 die Produktion „kritischer Komponenten“ einschränken. Die meisten Unternehmen sind zuversichtlich, dass sie auch bei den neuen Kfz-Teilen für elektrische Antriebe ihre bisherigen Kompetenzen und Produktionskapazitäten nutzen können. Jeder zweite Zubehörlieferant in Tschechien hat laut der EY-Studie schon heute Komponenten für Elektroautos im Portfolio. Dazu gehört Continental mit seinem Reifenwerk Otrokovice. Wie Sprecherin Regina Feiferlíková auf Anfrage mitteilte, produziert die Fabrik seit einigen Jahren Pneus für Elektro- und Hybridfahrzeuge. Das US-Unternehmen Dura Automotive gab im Frühjahr 2018 bekannt, innerhalb der nächsten sieben Jahre in Tschechien 28 Millionen US-Dollar in die Teilefertigung für Elektroautos zu investieren. Unter anderem sollen hier Batteriehalter für Daimler und Tragelemente für Armaturenbretter im elektrischen Porsche Macan produziert werden, berichtete die Nachrichtenagentur ČTK. Dura Automotive hat zurzeit drei Werke in Südböhmen und eines in Mährisch-Schlesien. Der britische Kfz-Zulieferer TI Automotive plant in Liberec sein europäisches Entwicklungszentrum für Brennstoffsysteme und Teile für Elektroautos. Auch bei der Bosch Group in Tschechien sind die Umwälzungen zu spüren. Das Werk in Jihlava ist weltweit einer der größten Standorte für Dieselkomponenten, unter anderem Einspritzpumpen. In České Budějovice produziert Bosch Module zur Stickoxid-Reduktion und für die Kraftstoffzufuhr. Trotz des Schwerpunkts auf Technologien für Verbrennungsmotoren sei das Unternehmen gut aufgestellt für die Herausforderungen der Zukunft, meint Milan Šlachta, Repräsentant der Bosch Group für Tschechien und die Slowakei. Bosch investiere sowohl in die Elektromobilität als auch in die Perfektionierung der Verbrennungsmotoren. „Dafür erweitern wir in České Budějovice nicht nur unsere Produktion, sondern errichten auch ein neues Entwicklungszentrum.“ Die tschechischen Bosch-Produkte hätten eine Zukunft, weil sie helfen, die Emissionswerte unter die gesetzlichen Anforderungen zu drücken. Zugleich sei aber die Zahl der Projekte mit Fokus auf elektrische Antriebssysteme bereits merkbar gestiegen, erklärt Šlachta. Ab 2020 erwartet Bosch den Durchbruch, wobei das Unternehmen wieder zu einem führenden Spieler werden will.

Autobauer und Zulieferer müssen an einem Strang ziehen

Das Jahr 2020 könnte in Tschechien entscheidend sein, weil dann der wichtigste einheimische Anbieter Škoda Auto sein erstes rein elektrisch betriebenes Fahrzeug auf den Markt bringen will. Bis 2025 soll die Flotte der Elektromobile und Hybridautos auf zehn Modelle anwachsen. Laut Sprecher Štěpán Řehák plant Škoda Auto, dass alternative Antriebsarten dann für ein Viertel der Gesamtumsätze sorgen. Für die Umstellung auf Batterieantrieb steht die VW-Tochter bereits in Verhandlungen mit einheimischen Zulieferern, sagt Řehák. „Wir weisen sie auch darauf hin, welche Komponenten künftig nicht mehr gefragt sein werden.“ Der Mix verschiedener Antriebsformen stelle die Zusammenarbeit zwischen den Teileherstellern und den Autofabriken vor Herausforderungen. Vor einem Jahr hatte Škoda Auto seine Strategie 2025 entwickelt. Der Fahrzeughersteller bekennt sich dazu, in Zukunft nicht mehr nur Autos, sondern Mobilitätslösungen verkaufen zu wollen. Ein Teil der Erlöse soll durch digitale Dienstleistungen hereinkommen. In seinem neuen DigiLab in Prag entwickelt Škoda Geschäftsmodelle für Carsharing, Fahrgemeinschaften und intelligentes Parken. Das Unternehmen ist aktiver Partner bei Smart-City-Projekten in Tschechien. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will die VW-Tochter zwei Milliarden Euro in Elektromobilität und damit zusammenhängende Dienste investieren. Der Firmensitz Mladá Boleslav soll bei der Produktion von Elektroautos die Hauptrolle spielen. Ob die E-Mobile mit dem Flügelpfeil auch im Heimatmarkt auf Nachfrage treffen, muss sich noch zeigen. Im 1. Halbjahr 2018 hatten Pkw mit Batterieantrieb einen Anteil von mageren 0,2 % an den Neuwagenverkäufen. Der Durchbruch werde erst kommen, wenn es eine engmaschige Infrastruktur an Schnellladestationen gibt, glaubt Škoda-Sprecher Štěpán Řehák.

Regierung finanziert Ausbau des Ladesäulennetzes

Die Regierung in Prag konzentriert ihre Förderpolitik daher auf den Ausbau des Ladenetzes. In zwei Jahren soll es 1.300 Stationen im Land geben (aktuell 300), davon 500 Schnellladepunkte. Mit Hilfe von EU-Fonds fließen fast 50 Millionen Euro in den Ausbau des Netzes. Damit werden auch Tankstellen für Autogas (LNG), komprimiertes Erdgas (CNG) und Wasserstoff finanziert. Das Ministerium für Industrie und Handel (MPO) geht davon aus, dass sich bis 2020 die Zahl der Elektroautos in Tschechien gegenüber 2017 auf 5.000 vervierfacht. Die Zahl der Hybridautos könnte sich bis dahin auf 12.000 verdoppeln. Für 2025 rechnet die Behörde sogar mit 100.000 E-Autos. Bedarf für die Wagen wäre auf jeden Fall vorhanden, wie eine Untersuchung von Volkswagen Financial Services ergeben hat. Demnach plant jeder zweite Tscheche innerhalb der nächsten zehn Jahre die Anschaffung eines Elektromobils. Der Anfahrtsweg zur Arbeit liegt laut der Befragung in der Regel bei 15 bis 30 Minuten, so dass ein batteriebetriebenes Auto ideal wäre. Eine andere Befragung von EY bestätigt diesen Trend. Demnach interessieren sich zwei Drittel der tschechischen Autofahrer für Elektromobilität, jeder Dritte würde ein Auto mit Batterieantrieb kaufen, wenn die Preise sinken. Etwa 95 % der E-Auto-Käufe entfallen zurzeit auf Firmenwagen. Viele Unternehmen schaffen sich aus Imagegründen abgasfreie Autos an und sorgen so für den meisten Schub am Markt. Die Moneta Money Bank hat bei Volkswagen gleich 150 E-Golfs geordert und will ihre Flotte innerhalb von fünf Jahren komplett auf Elektroautos umstellen. In der neuen Firmenzentrale in Prag entstehen 50 Ladepunkte. Der Elektronikhersteller Foxconn hat ebenfalls mit der Elektrifizierung seines Fuhrparks in den Werken Pardubice und Kutná Hora begonnen. Das Unternehmen will in Tschechien auch Batteriesysteme für Elektroautos entwickeln. Die japanische Central Glass Czech erweitert ihr Werk in Pardubice und will dort Elektrolytflüssigkeiten für Lithiumbatterien herstellen. Toyota betreibt an der Elektrotechnik-Fakultät der ČVUT in Prag ein Entwicklungslabor. Dort wird unter anderem an selbstfahrenden Autos geforscht.

Kleine Firmen nutzen Technologiewandel für Markteinstieg

Neben den traditionellen Zulieferern spült die Technologiewende der Autobranche neue Hersteller nach oben, die mit pfiffigen Ideen den Markt umkrempeln. Die auf Elektronik spezialisierte Firma DEL aus Žďár nad Sázavou etwa hat einen Schnelllader für Elektroautos entwickelt, der die Batterie in kurzer Zeit bis zu 95 % auflädt. Das südböhmische Unternehmen OIG Power, zur deren Eigentümern der ehemalige Wirtschaftsminister Martin Kuba gehört, hat Ladestationen für Elektroautos konzipiert und plant landesweit den Verkauf an Kommunen, Unternehmen und Privathaushalte. Ein Prager Startup lässt zurzeit das tschechoslowakische Kult-Zweirad Čezeta wieder auferstehen – als Elektroroller. Über eine Crowdfunding-Plattform hatte sich das Unternehmen, das ein Brite gegründet hat, das nötige Kapital besorgt, um zunächst 2.000 Exemplare zu montieren. Ebenfalls per Schwarmfinanzierung konnte sich der Prager Nutzfahrzeughersteller Zebra Group Geld für die Entwicklung eines Elektroautos beschaffen. Knapp 240 Anleger gaben dafür rund 310.000 Euro Kredit. Das Unternehmen will einen Kleinlaster mit Elektromotor auf den Markt bringen und damit in direkte Konkurrenz zum deutschen Anbieter Unikont oder zur österreichischen Lindner treten. Bei Elektrofahrrädern gehört Tschechien schon jetzt zu den sechs führenden Herstellerländern in Mittelosteuropa. Nach Angaben der Nachrichtenagentur ČTK werden pro Jahr rund 80.000 Zweiräder mit Batterieantrieb produziert, der Großteil davon für den Export. Bekannte Hersteller sind 4Ever, BPS Bicycle und Bike Fun.

Mehrere Testgelände für autonomes Fahren

Zur Führungsriege in Europa will Deutschlands Nachbarland auch beim autonomen Fahren gehören. BMW richtet in Sokolov eine 500 Hektar große Versuchsanlage zur Erprobung von Elektrifizierung, Digitalisierung und fahrerlosen Autos ein. Die Münchener investieren bis 2020 einen dreistelligen Millionenbetrag. Bis 2022 erschließt die Investitionsgruppe Accolade ein Testgelände in der westböhmischen Stadt Stříbro. Der Investor arbeitet dabei mit den Technischen Hochschulen ČVUT in Prag und VUT in Brno zusammen. Accolade hofft, mit dem Areal Europas führende Entwicklungsbüros für autonomes Fahren anzulocken. Seit Juni dieses Jahres lässt die staatliche Autobahnverwaltung ŘSD auf einer 46 Kilometer langen Teilstrecke im Umland von Prag autonomes Fahren testen, indem sie die Daten der teilnehmenden Fahrzeuge sammelt und auswertet. Weitere Teilabschnitte auf längeren Trassen sollen folgen. Der französische Konzern Valeo entwickelt in Tschechien seit 2013 Sensoren für autonomes Fahren. Am Flughafen Milovice, nordöstlich von Prag, testet der Autozulieferer autonomes Parken, Überholmanöver und adaptive Tempomaten. Die vielen Projekte zeigen, dass Tschechien gute Chancen hat, vom technologischen Wandel zu profitieren. Vielleicht messen sich die Rekorde der Branche künftig nicht in Stückzahlen, sondern in Patenten und Forschungserfolgen.

Autor: Gerit Schulze / Germany Trade & Invest

Bildquelle: Škoda Auto a.s.

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