Wenn Töchter groß werden

Deutscher Bergbauzulieferer hat gezeigt, was geht, wenn das unternehmerische Umfeld Kurs auf Krise nimmt.

Es ist ein Sterben auf Raten, das die mährisch-schlesische Bergbauregion seit Jahren erlebt. Ein Elektronikhersteller aus Baden-Württemberg hat aber gezeigt, wie man sich rechtzeitig vom Bergbauzulieferer zu einem modernen Technologieunternehmen mit Hightech-Produkten entwickelt – und im Geschäft bleibt.

Milliardenumsätze im Bergbau locken nach der Wende viele Unternehmen nach Mährisch-Schlesien. Auch die baden-württembergische „bebro electronic“ erkennt den neuen Absatzmarkt mit günstigen Produktionsbedingungen und gründet 1993 in Horní Suchá die Tochter „befra electronic“. Mit anfänglich nur fünf Mitarbeitern montieren sie elektronische Steuerungssysteme und beliefern den Kohleförderer OKD und die ansässigen Gruben. „Damals waren das abenteuerliche Situationen vom Grundstückskauf über Gebäudebau bis zu Genehmigungen“, erinnert sich Ernst Käppeler an die Anfänge. Er führt das Unternehmen bis heute.

Abenteuerlich, aber es hat sich gelohnt! Bis Ende der 90er Jahre konnte man im Bergbau große Geschäfte machen. Aber: „Mit nur einem Großprojekt pro Jahr für die OKD-Gruben ist das Geschäftsrisiko zu groß“, erklärt der Firmenchef. Außerdem steuerte der Bergbau durch die schwierige Transformation, veraltete Technologien und die steigende Konkurrenz auf den Weltmärkten langsam aber sicher in die Krise. Käppeler war klar: eine Kursänderung war angezeigt.

Es sollte in Richtung Entwicklung und Erweiterung des Produktportfolios gehen. Man wollte fortan auch andere Branchen bedienen und vor allem neue Kunden an Land ziehen. Das Unternehmen entwickelt heute an die 700 Gerätetypen und produziert jährlich 1,6 Millionen Elektroniken und Geräte für die unterschiedlichsten Branchen. Seine Elektronik wird für industrielle Einsätze, Messtechniken, Bedieneinheiten für BMW-Motorräder und sogar für den medizinischen Bereich verwendet. Seine Produkte seien meist das Schlüsselelement für die Produkte der Kunden, „das Herz der Gesamtanlage“, so der befra-Chef. Heute erzielt das Tochterunternehmen für seine baden-württembergische Mutter einen Umsatz von rund 35 Millionen Euro und ist auf 300 Mitarbeiter angewachsen.

Mit einer durchschnittlichen Losgröße von 500 Stück gehört „befra electronic“ zwar nicht zu den Großserienfertigern, aber die Firma zeichnet sich durch ihre Exportstärke aus. Durchschnittlich 90 % der Produktion gehen an internationale Kunden, der Großteil nach Deutschland.

Also, Kurs korrigiert, das Business läuft. Aber Ausruhen auf dem Erfolg steht nicht auf der Tagesordnung. Fachkräftemangel, steigende Löhne und Digitalisierung – das sind die aktuellen Herausforderungen, die auch befra electronics beschäftigen. Aber auch hier erweist sich das Unternehmen als flexibel.

„Bis vor vier Jahren ist es uns noch leicht gefallen gutes Personal zu finden, heute spüren wir den Fachkräftemangel“, so Käppeler. Der Geschäftsführer nutzt die geografische Lage seines Unternehmensstandortes. Polen liegt nur einen Katzensprung entfernt. „Bis jetzt haben wir dort qualifiziertes Personal gefunden, das nicht nur in der Produktion, sondern auch in den Bereichen F&E und Engineering tätig ist. Außerdem haben wir sehr gute Führungskräfte aus Polen“, erzählt der Ingenieur und Manager.

Neuerdings werden beim Mittelständler zwei Roboter zur Verklebung und Montage von bestimmten Baugruppen eingesetzt. „Natürlich sind es nur zwei Roboter und keine 20, aber das sind auf jeden Fall Technologien, mit denen wir uns beschäftigen und die uns die Produktion erleichtern“, erzählt der Geschäftsführer. In der Zukunft möchte er die Effizienz weiter steigern und technisch auf einem hohen Niveau bleiben. Dafür sollen die Entwicklungskapazität weiter ausgebaut und neue technologische Standards gesetzt werden. Denn auch für „befra electronic“ gilt heute: Tschechien ist nicht mehr die „Montagehalle“ mit Niedriglöhnen wie in den 90ern.

Und auch diesen Wandel hat die bebro-Tochter erfolgreich gemeistert und sich zu einem eigenständigen modernen Technologieunternehmen gemausert.

Autorin: Kristina Wagner

Bildquelle: Befra electronic

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