{"id":555,"date":"2017-05-15T18:09:30","date_gmt":"2017-05-15T16:09:30","guid":{"rendered":"https:\/\/emagazin.plus\/?p=555"},"modified":"2020-03-27T15:16:11","modified_gmt":"2020-03-27T14:16:11","slug":"jobwunder-tschechien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emagazin.plus\/cz\/jobwunder-tschechien\/","title":{"rendered":"Tschechien erlebt sein blaues Jobwunder"},"content":{"rendered":"<p><em>Tschechien plagt ein Luxusproblem: Die gute Konjunkturlage hat den Arbeitsmarkt leergefegt; um \u00fcber 200.000 ist die Zahl der Erwerbslosen in den vergangenen vier Jahren gesunken. Mit einer Quote von nur noch 3,4 Prozent hatte Deutschlands Nachbar im Januar die niedrigste Arbeitslosigkeit in ganz Europa. Und der Bedarf an noch mehr Mitarbeitern bleibt hoch. Laut Personaldienstleister Manpower will aktuell jedes vierte Gro\u00dfunternehmen im Land neue Jobs schaffen. <\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Arbeitnehmer ein Segen ist, stellt die Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Fast jeder Betrieb klagt \u00fcber Fachkr\u00e4ftemangel, Werkserweiterungen werden verschoben, Investitionsprojekte abgesagt. \u201eDie Personalsituation ist sehr angespannt. Viele Firmen in unserer Region suchen h\u00e4nderingend Mitarbeiter, um ihren Auftragsbestand zu bew\u00e4ltigen. Das hemmt definitiv das Wachstum&#8221;, sagt Niclas Pf\u00fcller, General Manager beim Automobilzulieferer Brose in Ostrava. Zugleich erodieren die steigenden Arbeitskosten die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Landes.<\/p>\n<p>\u201ePersonal fehlt auf allen Ebenen\u201c, berichtet Milan \u0160\u00edma, seit 20 Jahren Berater bei der Personalvermittlung Teamconsult in Prag. Gesucht w\u00fcrden nicht nur Fachkr\u00e4fte, sondern auch einfache Flie\u00dfbandarbeiter, Qualit\u00e4tsmanager, Vertriebsspezialisten oder Instandhaltungsmechaniker. \u201eFr\u00fcher gab es Bewerber um Arbeitspl\u00e4tze. Jetzt m\u00fcssen sich die Firmen um einen Arbeitnehmer bewerben\u201c, beschreibt \u0160\u00edma die Lage.<\/p>\n<p>Im Februar waren \u00fcber 140.000 offene Stellen bei den Arbeits\u00e4mtern gemeldet. Dem standen zwar offiziell 380.000 Arbeitslose entgegen. Doch in manchen Regionen gibt es inzwischen mehr freie Stellen als Erwerbslose, etwa in Pardubice oder am \u0160koda-Standort Rychnov nad Kn\u011b\u017enou bei Hradec Kr\u00e1lov\u00e9.<\/p>\n<h3>Fachkr\u00e4fte kennen ihren Marktwert sehr genau<\/h3>\n<p>F\u00fcr Kandidaten auf Jobsuche ist das eine Traumkonstellation. \u201eDie Leute kennen ihren Marktwert. Sie wissen, dass die Wirtschaft w\u00e4chst und dass sie h\u00f6here Gehaltsforderungen durchdr\u00fccken k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt Personalexperte \u0160\u00edma.<\/p>\n<p>Laut Tschechischem Statistikamt sind die L\u00f6hne 2016 im Durchschnitt nominal um 4,2 Prozent auf 27.600 K\u010d gestiegen und erreichten umgerechnet erstmals einen Wert von \u00fcber 1.000 Euro. In Prag liegen die Geh\u00e4lter um ein Viertel \u00fcber dem Landesdurchschnitt. F\u00fcr weniger als 40.000 K\u010d unterschreiben dort kaum noch gute Leute mit Fremdsprachenkenntnissen und Berufserfahrung einen neuen Arbeitsvertrag.<\/p>\n<p>Der Konjunkturaufschwung und die niedrige Erwerbslosenquote treiben die L\u00f6hne weiter nach oben. Das Finanzministerium rechnet f\u00fcr dieses und f\u00fcr die kommenden zwei Jahre mit einem Anstieg des nominalen Lohnniveaus um jeweils \u00fcber 4 Prozent. F\u00fcr Furore sorgt zurzeit Lebensmitteldiscounter Lidl, der das Einstiegsgehalt zum 1. M\u00e4rz 2017 gleich um ein Viertel angehoben hatte. Damit verdient eine Kassiererin selbst in strukturschwachen Regionen nun von Beginn an mindestens 23.330 K\u010d (rund 860 Euro) \u2013 mehr als viele Industriearbeiter im Schichtbetrieb bekommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Headhunter wie Teamconsult bedeutet Tschechiens Jobwunder erheblich mehr Aufwand. \u201eBei F\u00fchrungspositionen kann die Suche und der Auswahlprozess jetzt vier bis sechs Monate dauern\u201c, sagt Experte \u0160\u00edma. Teamconsult-Gr\u00fcnder Oliver Schmitt erg\u00e4nzt: \u201eDie Leute sind durch die Krise vor einigen Jahren loyaler geworden und nun schwerer abzuwerben. Sie honorieren, dass die Firma in schwierigen Zeiten zu ihnen gehalten hat.\u201c<\/p>\n<h3>Besserverdiener suchen Aufstiegschancen und Zusatzleistungen<\/h3>\n<p>Laut Schmitt ist nur bei Jobs bis 40.000 K\u010d die Lohnh\u00f6he das wichtigste Entscheidungskriterium. Bei besser bezahlten Positionen spielten zus\u00e4tzlich Faktoren wie Personalf\u00fchrung und Hierarchien im Unternehmen, Aufstiegschancen, Dienstwagen, Urlaubstage oder der Ruf der Firma eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>Die Unternehmen investieren darum viel Geld in das Image als attraktiver Arbeitgeber. \u201eWir versuchen, die Menschen m\u00f6glichst gut \u00fcber unsere \u00fcberdurchschnittlichen Leistungen und ihre Perspektiven bei Brose zu informieren\u201c, sagt Manager Pf\u00fcller. Das soll sich in der Region Ostrava herumsprechen, um so potenzielle Mitarbeiter f\u00fcr den Betrieb zu interessieren.<\/p>\n<p>Von seiner guten Reputation profitiert traditionell \u0160koda Auto. Laut Personalvorstand Bohdan Wojnar kann der Fahrzeughersteller eine hohe Loyalit\u00e4t der Mitarbeiter vorweisen, eine \u00fcberdurchschnittlich lange Betriebszugeh\u00f6rigkeit und wenig Fluktuation. \u201eWir nehmen viel R\u00fccksicht auf die Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten, auf ihr Alter, die pers\u00f6nliche und famili\u00e4re Situation\u201c, nennt Wojnar einen Grund daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Tschechiens Arbeitnehmer suchten heute moderne und hochqualifizierte Arbeitspl\u00e4tze mit viel Wertsch\u00f6pfung. \u201eWir geben ihnen die M\u00f6glichkeit, sich pers\u00f6nlich zu entwickeln, Verantwortung zu \u00fcbernehmen oder bei Projekten im Ausland Erfahrungen zu sammeln\u201c, erkl\u00e4rt Wojnar. Au\u00dferdem bietet \u0160koda Extraleistungen wie Sprachkurse und Krankenversicherungen sowie Erfolgsbeteiligungen.<\/p>\n<p>Dennoch braucht der Autohersteller aus Mlad\u00e1 Boleslav mehr Mitarbeiter. \u201eDerzeit suchen wir Spezialisten f\u00fcr die Produktion, Kfz-Mechatroniker, Lackierer, Schwei\u00dfer oder Lagerarbeiter\u201c, sagt Personalvorstand Wojnar. Auch in den Bereichen IT, Finanzen, technische Entwicklung und HR seien Stellen vakant. \u201eNat\u00fcrlich ist der Arbeitsmarkt in Tschechien angespannt. Deshalb w\u00fcnschen wir uns eine bessere Qualit\u00e4t der Ausbildung, mit einem st\u00e4rkeren technischen Fokus.\u201c Helfen k\u00f6nnte, wenn der Staat die Mobilit\u00e4t der Arbeitnehmer f\u00f6rdern w\u00fcrde und die Bereitschaft, f\u00fcr einen neuen Job umzuziehen. Daf\u00fcr m\u00fcsste der Mietwohnungsmarkt entwickelt werden, meint Wojnar.<\/p>\n<h3>Immer mehr Gastarbeiter dr\u00e4ngen auf den Arbeitsmarkt<\/h3>\n<p>Ein anderer Ausweg aus der Fachkr\u00e4ftekrise sind Gastarbeiter. Offiziell str\u00e4ubt sich Tschechien gegen Immigration, doch in der Praxis kommt die Wirtschaft l\u00e4ngst nicht ohne Helfer aus Rum\u00e4nien, Bulgarien oder der Ukraine aus. Rund 400.000 Ausl\u00e4nder arbeiten bereits im Land, angelockt von einem stabilen Umfeld und den f\u00fcr Mittelosteuropa guten L\u00f6hnen. \u201eWenn im Inland langfristig Arbeitskr\u00e4fte fehlen, f\u00fchrt kein Weg an der Besch\u00e4ftigung von Ausl\u00e4ndern vorbei\u201c, meint \u0160koda-Personalvorstand Wojnar. Arbeiter aus 40 Nationen stehen bei dem Autohersteller bereits unter Vertrag.<\/p>\n<p>Selbst die Regierung musste erkennen, dass der Konjunkturmotor ohne Zuwanderung ins Stottern k\u00e4me. F\u00fcr 2017 erlaubt das Kabinett die Anwerbung von 5.000 Ukrainern. Der deutsche Kfz-Zulieferer Borgers nutzt diese Regelung bereits. Derzeit arbeiten rund 20 Ukrainer in den vier tschechischen Werken des Fahrzeug-Innenraumausstatters. Au\u00dferdem sind 1.000 der rund 3.500 Mitarbeiter von Agenturen geliehen, darunter viele Rum\u00e4nen und Bulgaren. \u201eMit den Zeitarbeitern k\u00f6nnen wir die saisonalen Auftragsschwankungen ausgleichen\u201c, erkl\u00e4rt Uwe Hengstermann, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer bei Borgers CS. Mittelfristig plant Borgers allerdings, den Anteil der Leiharbeiter auf zehn Prozent zu begrenzen. \u201eWir wollen mehr Stammpersonal, denn das ist zuverl\u00e4ssiger und bringt bessere Qualit\u00e4t\u201c, so Hengstermann. Bei den geliehenen Arbeitnehmern sei die Fluktuation sehr hoch.<\/p>\n<p>Borgers produziert an vier Standorten in der Region Plze\u0148 textile Verkleidungen f\u00fcr Kofferraum, Fahrgastraum oder Unterboden. T\u00e4glich verlassen rund 200.000 Teile die Werke und gehen an VW, BMW, Mercedes, Porsche, Bentley und Rolls Royce. Bei der Fertigung ist Handarbeit, Erfahrung und Geschick gefragt. Um das Personal zu binden, investiert Borgers deshalb viel Geld. \u201eWir schauen uns genau an, was die anderen Unternehmen in der Region bezahlen und passen unsere L\u00f6hne entsprechend an\u201c, sagt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hengstermann. Zus\u00e4tzlich schickt der Kfz-Zulieferer private Pendelbusse in die umliegenden D\u00f6rfer und bringt die Mitarbeiter zur Arbeit. Wer selbst anreist, bekommt Kilometergeld. Sogar einen Heiratsbonus offeriert Borgers. Und f\u00fcr jedes Jahr Betriebszugeh\u00f6rigkeit gibt es zwei Tage Extraurlaub (bis maximal sechs Tage).<\/p>\n<h3>Ferienlager, Massagen und elternfreundliche Schichtzeiten<\/h3>\n<p>Im Sommer organisiert Borgers Ferienlager f\u00fcr die Kinder der Besch\u00e4ftigten, schlie\u00dflich sind in der Fertigung die H\u00e4lfte der Besch\u00e4ftigten Frauen. Ihre Schichtzeiten m\u00fcssen so getaktet sein, dass die Kita\u00f6ffnung oder der Schulschluss mit der Arbeitszeit harmonieren. Die rund 100 N\u00e4herinnen bekommen regelm\u00e4\u00dfig Massagen von erfahrenen Physiotherapeuten.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Ma\u00dfnahmen ergreift Brose f\u00fcr seine Fertigungsst\u00e4tten im \u00e4u\u00dfersten Osten des Landes. Das Familienunternehmen produziert in Kop\u0159ivnice und Ro\u017enov bei Ostrava mit \u00fcber 3.400 Mitarbeitern unter anderem Sitzstrukturen, Antriebe f\u00fcr Heiz- und Klimagebl\u00e4se und T\u00fcrschl\u00f6sser. \u201eDer Betriebskindergarten, die Sch\u00fclerbetreuung am Nachmittag und Ferienausfl\u00fcge helfen insbesondere, Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4fte zu gewinnen\u201c, berichtet Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Pf\u00fcller. Eine eigene Kantine, Physiotherapie und Gesundheitsvorsorge geh\u00f6ren zum Gesamtpaket, um die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. Daf\u00fcr gab es sogar eine Auszeichnung vom tschechischen Gesundheitsministerium.<\/p>\n<p>Und trotzdem bleibt die Personalsuche schwierig, weil der Arbeitsmarkt in den industriellen Zentren leergefegt ist. Im Gro\u00dfraum Plze\u0148 beteiligt sich Kfz-Zulieferer Borgers deshalb an Jobb\u00f6rsen, \u00fcbernimmt Vortr\u00e4ge an der Uni, organisiert Betriebsf\u00fchrungen f\u00fcr Gymnasiasten oder sponsert Warnwesten in Kinderg\u00e4rten. \u201eDamit wollen wir auf uns als attraktiver Arbeitgeber positionieren\u201c, erkl\u00e4rt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hengstermann.<\/p>\n<p>Angesichts der gestiegenen Kosten konkurriere Tschechien heute nicht mehr mit Produktionsstandorten im Osten Europas, sondern mit Deutschland. \u201eDarum m\u00fcssen wir auch hier die Werke st\u00e4rker automatisieren\u201c, glaubt der Borgers-Manager. Bei Brose in Ostrava sieht Firmenchef Pf\u00fcller ebenso den Einsatz von mehr Robotertechnik als einen Ausweg. \u201eDas reduziert den Personalbedarf und die k\u00f6rperliche Belastung am Arbeitsplatz.\u201c<\/p>\n<h3>Personalmangel verst\u00e4rkt Trend zu Automatisierung<\/h3>\n<p>Borgers und Brose sind damit in bester Gesellschaft. Denn laut einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters Manpower will jede siebte Firma im Land in den kommenden zwei Jahren Teile der Produktion automatisieren. Au\u00dferdem f\u00fchrt der Personalmangel zu mehr innerbetrieblicher Ausbildung. \u0160koda Auto macht es in Mlad\u00e1 Boleslav vor und bildet dort in einer eigenen Mittleren Berufsschule f\u00fcr Maschinenbau seinen Nachwuchs selbst aus. Die Sch\u00fcler bekommen sogar ein kleines Stipendium von bis zu 1.400 K\u010d im Monat. Anders als sonst in Tschechien \u00fcblich, findet ein Teil der Ausbildung direkt in der Produktion statt. Auch Brose qualifiziert an seinem tschechischen Standort die Mitarbeiter immer h\u00e4ufiger selbst.<\/p>\n<p>Ein Gewinner der Arbeitsmarktkrise d\u00fcrften die HR-Abteilungen der Unternehmen sein, denn Personalplanung bekommt pl\u00f6tzlich eine ganz neue Bedeutung. \u201eDas haben aber noch zu wenige Unternehmen erkannt\u201c, warnt Teamconsult-Chef Oliver Schmitt. \u201eDie HR-Abteilung ist in diesen Zeiten keinr rein administrative Einheit mehr, sondern ein wichtiger Partner f\u00fcr das strategische Management.\u201c<\/p>\n<p>Autor: Gerit Schulze, GTAI<\/p>\n<p>Quelle des <a href=\"https:\/\/cs.wikipedia.org\/wiki\/%C5%A0koda_Auto#\/media\/File:%C5%A0koda_Auto_Mlad%C3%A1_Boleslav.jpg\">ersten Beitragsbildes<\/a>: <span class=\"mw-mmv-source-author\"><span class=\"mw-mmv-author\"><a title=\"User:Zden\u011bk Fiedler\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Zden%C4%9Bk_Fiedler\">Zden\u011bk Fiedler,<\/a><\/span> <a class=\"mw-mmv-license\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/span><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tschechien plagt ein Luxusproblem: Die gute Konjunkturlage hat den Arbeitsmarkt leergefegt; 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