Marktprognose Automotive

Die Automobilindustrie bewegt sich zwischen Krise und Umbruch. Wie sieht die Zukunft der Branche aus? Für viele ist das ein Blick in die Kristallkugel. Wir fragen lieber zwei Experten – aus Deutschland und Tschechien.

Ing. Jindřich Frič, Ph.D.

leitet seit 2016 das Verkehrsforschungszentrum (Centrum dopravního výzkumu – CDV). Außerdem ist er u. a. Mitglied des Regierungsrates für Straßenverkehrssicherheit und des Wissenschaftlichen Rates des tschechischen Verkehrsministers. Er hält auch Vorlesungen an der TU Ostrava sowie der Polytechnischen Hochschule in Jihlava.

Ist die eMobilität die nachhaltige Antriebsart der Zukunft?

Die E-Mobilität sehen wir als eine von vielen Antriebsvarianten. In der Praxis beobachten wir, dass sich die „Elektrizität“ in der sogenannten Mikromobilität, zu der zum Beispiel E-Bikes und E-Scooter gehören, immer mehr durchsetzt. Ein bedeutender Faktor ist jedoch die Art der Stromerzeugung. Es ist wichtig, dass die Nachhaltigkeit während des gesamten „Lebenszyklus“ eines Fahrzeuges berücksichtigt wird. Und es werden sich in absehbarer Zeit wahrscheinlich auch andere Kraftstoffe stärker etablieren. Am häufigsten wird Wasserstoff genannt: Im Nationalen Aktionsplan „Saubere Mobilität“ („Čistá mobilita“) gilt er gemeinsam mit der elektrischen Energie und CNG/LNG als Treibstoff der Zukunft.

Bedeutet das autonome Fahren das Ende des Privatautos?

Mittelfristig gesehen, also in den nächsten zehn bis 15 Jahren, bestimmt nicht. Die bisherige Entwicklung deutet jedoch darauf hin, dass der autonome Transport – zusammen mit der ablehnenden Haltung, ein Fahrzeug zu besitzen – in Zukunft überwiegen könnte. Der autonome Transport muss in erster Linie gefahrlos sein, sowohl für die Passagiere als auch vor allem für andere Verkehrsteilnehmer. Dieses gewisse Gefühl von „Freiheit“, wenn man Auto oder Motorrad fährt, ist tief in der europäischen Gesellschaft verwurzelt, und der Wandel verläuft nicht sprunghaft. Die junge Generation will schon in der Regel kein Auto mehr besitzen. Das Interesse am operativen Leasing steigt, vor allem in größeren Städten sind Car- oder Bikesharing immer mehr im Kommen.

Was für ein Kern-Produkt wird die heutige Automotive-Industrie im Jahr 2050 herstellen?

Wir gehen davon aus, dass sich die Automotive-Industrie im Jahr 2050 schon ganz überwiegend als Dienstleister präsentiert, die den Transport von A nach B sicherstellt. Wir bestellen individuell ein entsprechendes Fahrzeug für den Transport. Für die Beförderung einer einzigen Person wird kein 1,5-Tonnen-Fahrzeug mit fünf Sitzen benötigt, sondern zum Beispiel eines mit einem Gewicht von 350 Kilogramm. Das senkt die Betriebskosten und Emissionen erheblich. Die Fahrzeuge werden praktisch ständig in Bewegung sein, abgesehen vom Aufladen oder Betanken. Die Folge? Vielleicht schon nach zwei Jahren werden die Fahrzeuge ökologisch entsorgt und durch neue Fahrzeuge ersetzt, die fortschrittlicher und damit auch sicherer sind. Die maximale Sicherheit ist hierbei das Ziel Nummer eins. Die Revolution im Automotive-Bereich, an deren Schwelle wir heute stehen, wird sicher einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Das Problem der Sicherheit lässt sich aber nicht lösen, indem man nur eine einzige – wenn auch bedeutende – Komponente im System verbessert. Wir müssen auch die Verkehrsinfrastruktur und den Einfluss des menschlichen Faktors im Blick behalten.

Das Verkehrsforschungszentrum CDV mit Sitz in Brünn hat eine mehr als 60-jährige Tradition. Es befasst sich mit den Schlüsselfragen der Verkehrsentwicklung in Tschechien. Dazu gehören u. a. effiziente und intelligente Verkehrsplanung und -steuerung, Verringerung von Unfällen und Umweltbelastungen, Nachhaltigkeit von Verkehrsbauten sowie autonome, smarte Systeme und Hyperloop. „Verkehr für die Zukunft“ lautet seit 2018 das zentrale Motto des CDV.


Prof. Dr. Barbara Lenz

…, Leiterin der Arbeitsgruppe 2 „Alternative Antriebe und Kraftstoffe für nachhaltige Mobilität“ der NPM / Leiterin Institut für Verkehrsforschung, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt  e. V. (DLR).

Was sind alternative Antriebe und Kraftstoffe für eine nachhaltige Mobilität?

„Es wird nicht den einen Antrieb oder Kraftstoff geben, mit dem die Herausforderungen des Mobilitätssektors gelöst werden können. Stattdessen gilt es, denjenigen Technologie-Mix zu finden, der den größtmöglichen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes leisten kann. Inzwischen scheint der Markt für Elektromobilität an Fahrt aufzunehmen – allerdings beschränkt sich diese Lösung zumindest vorläufig auf den Pkw. Für andere Verkehrsbereiche, wie zum Beispiel die Seeschifffahrt oder den Langstrecken-Luftverkehr, müssen andere Lösungen gefunden werden.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass innovative Technologien zwar der größte Hebel für die Reduktion von Emissionen sind. Die Akzeptanz auf Seiten der Nutzerinnen und Nutzer ist jedoch unerlässlich. Ohne breiten Rückhalt in der Bevölkerung werden die neuen Technologien allenfalls in ‚Nischen‘ zum Einsatz kommen.“

Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität wurde 2018 von der Bundesregierung in Leben gerufen, sie ist der zentrale Ort zur Diskussion strategischer Weichenstellungen im Mobilitätsbereich. In insgesamt sechs Arbeitsgruppen setzen sich Expertinnen und Experten verschiedenster Fachbereiche mit den zentralen Entwicklungen im Verkehrsbereich auseinander. Die Arbeitsgruppen diskutieren technologieneutral mögliche Handlungsoptionen und formulieren Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung. Die an der Plattform beteiligten Akteure arbeiten unabhängig und unentgeltlich.
Der erste Kurzbericht der AG 2 „Elektromobilität. Brennstoffzelle. Alternative Kraftstoffe – Einsatzmöglichkeiten aus technologischer Sicht“ erscheint im Herbst 2019.