„Ein klares Signal für die Energieregion Bayern und Tschechien“
Interview mit dem Bayerischen Staatssektretär für Wirtschaft und Energie Tobias Gotthardt über cross-border Grids und die gemeinsamen Chancen bei Kleinen Modularen Reaktoren und Fusionstechnologie.
Herr Staatssekretär, Bayern und Tschechien sind als Industrieländer wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze brauchen nicht nur Versorgungssicherheit, sondern auch international wettbewerbsfähige Energiepreise und verlässliche Rahmenbedingungen. Wo sehen Sie derzeit im Energiebereich die größten Herausforderungen für Bayern?
Die größte Herausforderung ist tatsächlich, die Bemühungen der letzten 20 Jahre um die Energiewende wieder einzubetten in ein funktionierendes und verlässliches Energiesystem – bei bezahlbaren Preisen. Das heißt, wir müssen nichts zurückdrehen, wir müssen den Zubau von Wind, Sonne, Geothermie nicht ausbremsen, aber wir müssen schauen, dass es zum einen in ein leistungsstarkes Verteilnetz läuft und wir zum anderen die Speicherkapazitäten aufbauen, um das Plus an Energie, das uns die volatile erneuerbare Energie liefern kann, auch wirklich zu 100 % nutzen zu können.
Was muss die Politik tun, damit die Transformation der Energieversorgung nicht weiter zu einem Standortnachteil für die Industrie wird?
Wir müssen zum einen den Preis senken. In Deutschland sind wir mit dem Energiepreis vierfach, fünffach über dem, was andere Weltregionen kosten, die USA zum Beispiel. Zum anderen müssen wir die Verlässlichkeit im Energiebereich für unsere Firmen wiederherstellen und garantieren. Dafür braucht es ein sehr konkretes und völlig ideologiefreies Handeln der Politik. Es braucht eine enge und ambitionierte Zusammenarbeit mit den Netzbetreibern – die stehen in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten. Und es braucht konkrete Investitionen in das gesamte Energiesystem, die jetzt getätigt werden müssen und nicht irgendwann in den nächsten Jahrzehnten.
„Anerkennen, dass der Energiemix nationale Zuständigkeit ist“
Deutschland und Tschechien verfolgen unterschiedliche energiepolitische Strategien, kurz gesagt: Atomkraft versus Erneuerbare Energien. Wo sehen Sie trotz dieser Unterschiede die größten Potenziale für eine engere Zusammenarbeit Bayerns und Tschechiens im Energiebereich?
Ich glaube, zunächst müssen wir anerkennen, dass der Energiemix nationale Zuständigkeit ist. Es steht mir nicht zu, als ein Vertreter einer deutschen Regierung Tschechien für seine Entscheidung und seinen Energiemix zu kritisieren. Selbes gilt andersrum. Wir sollten uns lieber auf die Chancen konzentrieren, die wir haben, wenn wir uns zusammenschalten. Wie beim Projekt Gabreta Smart Grids, ein grenzübergreifendes EU-Großprojekt zur Modernisierung und Digitalisierung der Strom-Verteilnetze zwischen Bayern und der Tschechischen Republik. Das heißt, einen Stromaustausch zwischen unseren Ländern nicht nur auf der Hochspannungsebene über eine Strombrücke zu ermöglichen, sondern auch in der Fläche, im Verteilnetz, das Ganze hinzubekommen. So werden wir das Potenzial des jeweiligen Energiemixes im gesamten Gebiet nochmal deutlich besser nutzen können.

Besteht denn die Chance, dass aus dem Projekt Gabreta tatsächlich konkrete Schritte folgen?
Sicher, Gabreta beinhaltet ja Infrastrukturmaßnahmen. Das Investitionsvolumen insgesamt im dreistelligen Millionenbereich ist ja durchaus beeindruckend. Mit Gabreta zeigen wir, dass es Sinn macht, in unsere Netze diesseits und jenseits der Grenzen intelligent zu investieren und sie besser zu connecten. Und ich bin überzeugt, dass dem diesem Pilotprojekt viele, viele Maßnahmen folgen werden, die unsere Netze im Grunde am Ende zu einem starken Netz vereinen.
„Potenziale des jeweiligen Energiemixes im gesamten Gebiet besser nutzen“
Tschechien möchte die Technologieführerschaft bei den nuklearen „Small Modular Reactors“ übernehmen und Deutschland, insbesondere Bayern, hat große Ambitionen bei der Entwicklung der Fusionstechnologie. Sehen Sie Potenzial, dass beide Länder bei der Entwicklung beider Technologien ihr Know-how zusammenführen?
Ich sehe da ein großes Potenzial für eine enge partnerschaftliche Kooperation. Bei der Fusionstechnologie ist es inzwischen Teil unserer gemeinsamen Agenda, die wir als Tschechien und Bayern vorantreiben wollen. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Stadium der Fusionsforschung gute Möglichkeiten für unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben, gemeinsam an den Projekten zu arbeiten. Bayern selber ist seit 1960 Home of Fusion Technology in Garching und unser Anspruch ist es, in einer führenden Rolle zu bleiben, das aber in einem europäischen Rahmen zu tun. Denn die Antwort auf die Anwendung der Fusionstechnologie wird keine bayerische, keine deutsche oder tschechische sein. Wir werden eine europäische finden.

Und wie sieht es aus bei den SMRs, den Kleinen Modularen Reaktoren?
Bei den Small Modular Reactors sehe ich Tschechien mittlerweile in einer führenden Rolle europaweit. Wir in Bayern wissen, dass wir vorerst in Deutschland nicht den gesetzlichen Rahmen haben, um solche kleineren Kernkraftwerke bei uns anzusiedeln. Gleichzeitig ist unsere Ambition, im Bereich der Kernforschung wieder die Rolle zu spielen, die wir noch vor 15, 20 Jahren eingenommen hatten, und unseren Universitäten in Kooperation mit den tschechischen Nachbarn einen neuen Impuls zu geben. Und wir haben Unternehmen, allen voran Siemens, die zum Beispiel die Schalttechnik für solche SMRs liefern können, egal wo auf der Welt sie entstehen.
Ich gehe davon aus, dass wir in diesen Feldern in den nächsten 10, 20, 25 Jahren große Entwicklungs- und Umsetzungsschritte erleben werden. Jetzt daran gemeinsam zu arbeiten, ist ein klares Signal für die Energieregion Bayern und Tschechien.
Interview: Christian Rühmkorf
Foto: DTIHK | ČNOPK
