Rüstungsindustrie: Automotive kann helfen die Skalierung zu erreichen
Interview mit Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München
Die deutsche Leitbranche Automobil steht enorm unter Druck. Gleichzeitig wächst in Europa der Druck, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München, meint: Mit der richtigen Strategie können wir beides im Hightech-Bereich verbinden, zum Beispiel in der Robotik. Außerdem kann die Rüstungsindustrie in Sachen Massenfertigung und Skalierung einiges von der Automobilindustrie lernen. Auch darüber sprach Rafaela Kraus auf dem German Czech Economic Forum 2025 in Prag.
Frau Prof. Kraus, die deutsche Industrie und mit ihr im Grunde ja auch die europäische Industrie, steht am Scheideweg. Wie dramatisch ist die Lage des früheren Exportweltmeisters Deutschlands? Wagen Sie bitte eine schonungslose Diagnose.
In erster Linie ist es das, was man als Innovators-Dilemma kennt. Wir haben uns so lange darauf ausgeruht, dass unsere Autos weltweit nachgefragt sind, dass wir große Märkte auch in Übersee haben, in China, in den USA. Und jetzt stellen wir plötzlich fest, wir haben extreme Abhängigkeiten. Wir haben eine Rohstoffabhängigkeit, die ganz viele Industriezweige, betrifft – die Luftfahrt, die Verteidigungsindustrie, viele Hightech-Branchen. Und wir haben eine Abhängigkeit im Bereich der Komponentenproduktion, die kommt ja auch größtenteils nicht aus Deutschland.
Wir haben die Innovationsfähigkeit unserer geopolitischen Partner und Konkurrenten unterschätzt. Wir haben das Thema Wandel durch Handel, wenn es um China geht, sehr naiv betrachtet. Und jetzt müssen wir die Zeche dafür zahlen.

„Wir haben die Innovationsfähigkeit unserer geopolitischen Partnern und Konkurrenten unterschätzt.“
In Tschechien fragt man sich mit Sorge, wie es denn beim großen Nachbarn Deutschland nun weitergeht? Sie haben da ein gewisses Maß an Optimismus. Woher nehmen Sie den?
Ich versuche mir diesen Optimismus zu bewahren, und ich glaube auch, er ist angebracht. Wir haben eine hervorragende Innovationslandschaft, tolle Universitäten mit vielen Innovatorinnen und Innovatoren, mit super Startups, nicht nur im Bereich Mobility oder Automotive, sondern auch im Bereich Defence, wo wir sehen: Es geht schon was in Europa!
Bei den ganzen Schlüsseltechnologien, die in der Zukunft eine Rolle spielen, wie Quantum Computing oder Space Technology, da brauchen wir uns als Europa nicht zu verstecken, wenn wir es in diesen innovativen Technologien auch schaffen, zu skalieren und Industrieunternehmen zu formen, die unsere Wirtschaft erneuern. Denn diese Erneuerung brauchen wir definitiv.
„Unsere Kapitalmärkte sind in einem ganz großen Nachteil gegenüber den USA.“
Aber diese Innovationslandschaft gab es ja auch schon vor der Krise. Warum soll das jetzt zu einer gesteigerten Wettbewerbsfähigkeit führen? Oder anders gefragt: Was muss jetzt noch „on top“ kommen?
Kapital ist sehr wichtig. Unsere Kapitalmärkte sind in einem ganz großen Nachteil gegenüber den USA. Da hört man immer wieder: Wenn man in Deutschland in junge Unternehmen investiere, koste das fünfmal so viel und bringe fünfmal so wenig Ertrag. Wir sind da sehr unattraktiv und gehandicapt auch durch die Art und Weise, wie bei uns das Thema „Venture“ gesehen wird. Venture ist was Positives, etwas wie ein Abenteuer, eine Unternehmung, eine tolle Sache, die man angeht. Bei uns wird es als „Risikokapital“ bezeichnet. Bei „Risiko“ leuten sofort die Alarmglocken.
Wir haben auch bei uns tolle Forschende im Bereich AI oder auch in der Batterietechnologie sowie weiteren Hardware-Bereichen. Das sind aber sehr investitionsintensive Branchen. In der Raumfahrt zum Beispiel können mit 10 Millionen Euro keine Raketen-Startups skalieren, das wird dann ziemlich dürftig vor sich hin kümmern. Und darum brauchen wir den Mut, hier mehr zu investieren.
„Die Rüstungsindustrie braucht Impulse und Innovationsfähigkeiten von außen.“
Kommen wir auf Dual-Use-Technologien zu sprechen, weil die doch eine gewisse Rolle spielen können bei dem Entstehen von Innovations-Synergien, bei der Zusammenarbeit zwischen Sektoren, vor allem der Automobil- und der Rüstungsbranche. Geben Sie uns bitte mal ein Beispiel.
Wir sind noch zu stark auf das Auto als Hardware, als Schlüssel- oder Leitprodukt der deutschen Industrie fokussiert. Aber schauen wir, welche Technologien für den Automotive-Bereich heute relevant sind: Internet of Things, Space-Technology für die Konnektivität, die Sensorik, die autonomen Systeme sowie die ganzen digitalen Services, die ans Auto angegliedert sind. Das sind ja alles eigentlich nicht Dual-Use, sondern Omni-Use Technologien und Plattformen, die fast für jeden Wirtschaftszweig relevant sind, ob Landwirtschaft, die Medizin, Logistik oder Infrastruktur.
Wir haben mit diesen technologischen Kompetenzen, mit unseren Unternehmen, mit unserem Mittelstand große Chancen, im Bereich der Multi-Purpose-Roboter erfolgreich zu sein. Ein echtes Dual-Use-Produkt, wo wir Anwendungen im Zivilen und in der Verteidigung haben. Da haben wir definitiv gute Chancen.

Es gibt Stimmen, die sagen, Dual-Use sei nur ein Hype und keine Lösung für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem sei das Mindset zwischen der zivilen Automobilindustrie und der Rüstungsindustrie so unterschiedlich, dass die gar nicht zusammenfinden. Was antworten Sie da?
Die Verteidigungsindustrie war ja eigentlich seit dem Ende des Kalten Kriegs recht stark von Stagnation geprägt. Die Budgets schrumpften, wir haben uns gefühlt wie von Freunden umgeben, mit Rüstung wollte man eigentlich nichts zu tun haben. Und das erklärt natürlich, dass in diesem Bereich weniger Bewegung und weniger Dynamik war als in anderen Industrien.
Und jetzt werden in Deutschland, in Europa, große Investitionen in die Verteidigung getätigt. Da weckt natürlich Begehrlichkeit bei allen anderen Industriezweigen, die jetzt gerade in der Krise stecken, dabei zu sein. Und es stimmt, die bisher abgeschottete Rüstungsindustrie braucht auch Impulse und diese Innovationsfähigkeiten von außen. Da müssen wir mehr Durchlässigkeit schaffen, das Onboarding von neuen Playern im Verteidigungssektor ist momentan sehr suboptimal.
Ich bekomme sehr viele Anfragen von Unternehmen, die jetzt neu in den Verteidigungssektor gehen möchten oder von Startups, die diesen Sektor besser verstehen wollen, und die tun sich alle wahnsinnig schwer damit. Es gibt ein Informationsdefizit und noch wenig Transparenz, auch wenn gerade die Industrie- und Handelskammern sehr viel unternehmen, diese Durchlässigkeit zu erhöhen.
„Es gibt ein Informationsdefizit und noch wenig Transparenz.“
Konkret – wo bringt ein Unternehmen zum Beispiel aus der Autoindustrie Kompetenzen mit, welche die Rüstungsindustrie so nicht hat?
Ein Bereich, in dem zivile Unternehmen wichtige Kompetenzen mitbringen, sind die Fertigung und die Fertigungstechnologien. Rüstungsunternehmen haben ja zumeist kleinzahlig produziert, teilweise wirklich als Manufaktur. Und hier können die Fertigungskompetenzen, die wir in der Autoindustrie haben, sehr helfen, um die jetzt notwendige Skalierung zu erreichen. Ich glaube, dass die Verteidigungsindustrie nach nach Unternehmen sucht, die ihnen bei genau dieser Herausforderungen helfen können: Wie können wir in der Verteidigung zügig hundertmal mehr Produkte fertigen als in der Vergangenheit. Wir erleben das in der Ukraine: Da braucht es plötzlich Systeme, die sehr kostengünstig sind, wo sozusagen die Masse dann die eigentliche Qualität ausmacht.

Drohnen…
Genau. Wir sprechen von Loitering Munition, also im Prinzip Wegwerfdrohnen, die man einsetzt einmal und die dann ihren Zweck erfüllt haben und die man in großer Zahl braucht.
Dennoch würde ich davor warnen, dass man sich als Unternehmen jetzt ganz stark oder vielleicht sogar ausschließlich auf den Verteidigungsbereich konzentriert. Der Verteidigungsbereich ersetzt in unserer Wirtschaft nicht den Automotive-Sektor, er ist deutlich kleiner. Wir müssen uns daher schon überlegen, welche Produkte wir denn im zivilen Bereich in Zukunft fertigen wollen, wenn das Auto nicht mehr unser Leitprodukt ist.
„Viele Startups gehen daher heute in die Ukraine und testen dort.“
Worauf müsste sich jetzt ein „ziviler“ Zulieferer aus Ihrer Sicht einstellen bei der Konzeption seines Unternehmens und der Erweiterung seine Geschäftstätigkeiten?
Ich sehe als essentiell an, dass man Kontakte knüpft, auch zu den großen Primes, die dann als Systemintegratoren Produkte von Zulieferern in ihre Produktwelt integrieren können. Die Vernetzung ist das A & O. Die großen Hersteller sind schon eine Art Gatekeeper auch für neue Player. Denn man kann nicht „stand alone“ eine Drohne in die Bundeswehr integrieren. Das ist immer Teil eines Gesamtsystems.
Und gleichzeitig ist es extrem wichtig, dass man den Nutzer, den Kunden besser kennt. Viele haben heute nicht mehr gedient, die kennen die Bundeswehr nur aus Erzählungen oder aus der Presse. Aber man muss als Unternehmen verstehen, was die tatsächlichen Anwendungsfälle sind. Wir erleben das ja in der Startup-Szene. Die Investoren wollen sehen, ob dieses Produkt überhaupt sinnvoll einsetzbar ist. Viele Startups gehen daher heute in die Ukraine und testen dort in der Gefechtsfeld-Situation, um zu sehen, ob die Produkte von den Soldatinnen und Soldaten auch angenommen werden. Daher ist die Initiative der Bundeswehr richtig, nun ein Innovationszentrum am ehemaligen Fliegerhorst in Erding einzurichten. Denn da stellt man auch gerade diesen Austausch her.
Gerade Tschechien hat hervorragende Ingenieure und Startups im Breich künstlicher Intelligenz, Robotik oder Automatisierung. Gibt es da Potenzial, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu intensivieren?
Jeder, der halbwegs verstanden hat, wie unsere geopolitische Lage ist, der kann gar nicht anders denken, als das Ganze europäisch anzugehen. Wir müssen uns zusammentun, denn als einzelne Nationen mit unseren 27 verschiedenen Systemen, Regularien, Behörden, Strukturen, Prozessen, da sind wir einfach viel zu langsam, wenn es um die gemeinsame Verteidigungsfähigkeit geht. Da müssen wir europäisch viel besser zusammenarbeiten. Das betrifft natürlich auch das Thema Beschaffungswesen, aber eben auch das Thema Kapitalmärkte, und natürlich Talente und Arbeitsmarkt.
„Keine einzige Professur für Militärökonomie in Deutschland.“
Talente, Arbeitsmarkt, Ausbildung – gute Stichworte am Ende. Was muss sich in diesem Bereich verändern?
Was die Ausbildung betrifft, da hätte ich tatsächlich ein paar Wünsche. Wir haben in Deutschland über 80 Tourismusstudiengänge, wir haben 120 Pflegemanagementstudiengänge, aber wir haben keinen einzigen Studiengang, wo man als junger Mensch Verteidigungswirtschaft studieren kann. In ganz Deutschland gibt es keinen Studiengang für zivile Studierende, wo man lernt, wie das Verteidigungsbusiness, wie die öffentliche Beschaffung funktioniert. Wir haben keine einzige Professur für Militärökonomie in Deutschland. Da sehe ich auch ein großes Defizit.

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Jaromír Zubák
