Tschechiens Autobranche kommt bislang gut durch die Krise
Die Konzentration auf den europäischen Markt kommt der tschechischen Autobranche zugute. Doch vor allem die Zulieferer brauchen neue Aufträge, um ihre Werke künftig auszulasten.
Markttrends
Tschechien spielt in Europa fast eine Sonderrolle: Die Pkw-Produktion steuert 2026 auf einen Rekord zu. Und auch die Neuzulassungen von Fahrzeugen entwickeln sich sehr positiv. Die positive Konjunkturentwicklung befeuert die Nachfrage nach Fahrzeugen in Tschechien. Analysten von PricewaterhouseCoopers (PwC) erwarten für 2026 bis zu 260.000 Neuwagen. Damit rückt das Marktvolumen an den früheren Höchststand heran (2017: 272.000 Neuzulassungen). Im 1. Halbjahr 2026 stiegen die Verkäufe um 6 %. Als Gründe für die Kauffreude nennt PwC unter anderem das wachsende Angebot an Elektroautos, attraktive Leasingangebote sowie den Markteintritt neuer Anbieter. Vor allem chinesische Marken bauen ihre Präsenz aus.
Im Markenranking kaum Verschiebungen
Dank des neuen Elektromodells Elroq und einiger Facelifts der volumenstarken Modelle konnte Škoda seinen Marktanteil von 34 % in Tschechien 2025 stabil halten. Die Modelle Octavia, Kamiq, Karoq, Kodiaq, Fabia und Scala waren die sechs meistverkauften Automodelle im Land. Erst dahinter folgte der Hyundai i30. Die Südkoreaner kommen auf einen Marktanteil von 8 % und lagen wieder vor Toyota. Die Marke Volkswagen hielt ihren Marktanteil von 6,7 % und belegte Platz 4. Auch die deutschen Hersteller Mercedes-Benz (Platz 7) und BMW (10) verteidigten ihre Marktposition.
Aus dem Stand heraus in die Top 25 schaffte es 2025 die chinesische Marke Jaecoo. Jaecoo setzt stark auf Plug-in-Hybride und kommt damit am tschechischen Markt gut an, wo reine Elektroautos noch geringe Akzeptanz haben. Insbesondere profitieren die Chery-Modelle von der Strategie, über lokale Händler die Präsenz auszubauen. Führende Gebrauchtwagengruppen vermarkten aktiv chinesische Marken, allen voran die Aures Holding (AAA Auto). Sie importieren chinesische Neuwagen direkt von lokalen Partnern und sorgen auch für Service und Ersatzteile.
Dominierender Treibstoff bei neu zugelassenen Fahrzeugen war mit leicht gestiegener Tendenz zum Vorjahr Benzin (68 %, inklusive Hybridmodelle). Diesel verlor auf Jahressicht 5 Prozentpunkte und kam auf einen Anteil von 25 %. Reine Batterieautos erreichten knapp 6 % und damit nur wenig mehr als 2024.
Škoda jetzt zweitstärkste Automarke in Europa
Auch die tschechische Fahrzeugproduktion wächst, vor allem dank Škoda Auto. Die Volkswagen-Tochter konnte ihre Auslieferungen 2025 weltweit um 13 % auf über 1 Million Fahrzeuge steigern. Ihr Umsatz erreichte ein Allzeithoch von rund 30 Milliarden Euro. Im 1. Quartal 2026 setzte Škoda Auto seine Erfolgsgeschichte fort. Die Auslieferungen stiegen noch einmal um 14 % gegenüber der Vorjahresperiode. In Europa war der tschechische Hersteller erstmals die zweitmeistverkaufte Pkw-Marke nach Volkswagen und vor Toyota.
Anders sieht es bei den beiden anderen tschechischen Fahrzeugfabriken, Hyundai in Nošovice und Toyota in Kolín, aus. Beide mussten ihre Produktion 2025 drosseln.
Toyota baut künftig Elektroautos in Tschechien
Am Standort Kolín wollen die Japaner ihre erste Produktionsstätte für Elektroautos in Europa errichten. Für die Werkserweiterung plant Toyota Ausgaben von rund 680 Millionen Euro. Die tschechische Regierung zahlt davon 64 Millionen Euro als Investitionsanreiz für ein Batteriemontagewerk.
Bei Škoda wird das neue kompakte Elektro-SUV Epiq nicht in Tschechien, sondern im nordspanischen VW-Werk Pamplona produziert. Die Kapazitäten im Heimatmarkt braucht Škoda ab diesem Jahr für das Familien-SUV Peaq. Der Siebensitzer wird das neue elektrische Spitzenmodell der Marke. Er soll wie die Elektroautos Enyaq und Elroq im Stammwerk Mladá Boleslav vom Band laufen.
Dagegen läuft es bei Hyundai in Nošovice derzeit nicht so gut. Der Gewinn des einzigen europäischen Werks der Südkoreaner war 2025 um 60 % eingebrochen. Auch für 2026 rechnet der Konzern mit einem Rückgang der Produktion. Für das Jahresende hat Hyundai den Produktionsstart eines neuen Modells angekündigt. Experten rechnen mit einer Erweiterung der Elektrifizierungsstrategie.
Zulieferer bieten sich der Rüstungsbranche an
Während Tschechiens Autohersteller relativ stabile Ergebnisse erzielen, kommen die Zulieferer stärker unter die Räder. Vor allem die Krise beim deutschen Volkswagen-Konzern belastet das Geschäft. Rund 200 tschechische Firmen sollen VW beliefern. Ihre Aufträge sind in den vergangenen Monaten um mehrere Dutzend Prozent eingebrochen, sagte Petr Knap, strategischer Berater der tschechischen Automobilindustrie, der Presseagentur ČTK. Die Maschinenbaugruppe Brano, die Tür‑ und Sitzsysteme herstellt, berichtete laut Tageszeitung Hospodářské noviny von Bestellrückgängen in Westeuropa von bis zu 30 %.
Die Teilehersteller suchen ihr Heil daher in der Rüstungsindustrie. Doch der Zugang zur Rüstungsbranche ist schwierig, erklären Branchenvertreter. Die Sicherheits‑ und Zertifizierungsanforderungen seien sehr streng, die Stückzahlen klein und die Produkte sehr speziell. Daher bleibt die Verteidigungsindustrie bislang nur ein Nischenmarkt, der die Einbußen im traditionellen Geschäft nicht ausgleicht.
E-Mobility
Steigende Benzinpreise, eine größere Modellauswahl, mehr Reichweite und sinkende Preise erhöhen auch in Tschechien das Interesse an Elektroautos. Die Inlandsproduktion steigt, bleibt jedoch weiter hinter dem europäischen Durchschnitt zurück. In der EU stieg der Absatz von Batterieautos zwischen Januar und Mai 2026 laut Herstellerverband ACAE um 36 %, in Tschechien jedoch nur um 17 %. Beim Anteil an den Neuzulassungen verzeichnen nur sechs der 27 EU-Staaten niedrigere Werte. Das liegt an fehlenden staatlichen Kaufprämien für die Anschaffung von Elektroautos.
Firmenkunden treiben das Geschäft voran
Impulse für den Markt in Tschechien entstehen besonders durch Firmenkunden. Aktuell gehen laut Marktkennern rund 90 % der neu zugelassenen Elektroautos an Unternehmen. Die hohen Benzin- und Dieselpreise und die verbesserte Ladeinfrastruktur lassen auch immer mehr einheimische Firmen auf Elektroantrieb umsteigen. Dazu tragen die neuen Modelle von Škoda bei, der traditionell beliebtesten Marke in Tschechiens Firmenflotten.
Besonders große Zuwächse bei neu zugelassenen Elektrofahrzeugen gibt es bei Nutzfahrzeugen. Die Verkäufe von elektrisch betriebenen Lkw haben sich 2025 gegenüber dem Vorjahr verfünffacht. Der Marktanteil blieb mit 1,5 % aber noch sehr gering.
Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile
Dank des neuen Modells Elroq und des weiter erfolgreichen SUV Enyaq konnte Škoda Auto 2025 seinen Marktanteil bei den Neuzulassungen von Elektroautos 2025 mehr als verdoppeln. Auf die tschechische Marke entfielen 38 % aller Verkäufe. Der bisherige Spitzenreiter Tesla dagegen halbierte seine Marktposition auf 14 %. Die drei deutschen Hersteller Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz verloren Marktanteile in einem insgesamt wachsenden Markt. Bei BMW sanken die Verkäufe sogar in absoluten Zahlen – im Ergebnis schrumpfte der Marktanteil um 2 Prozentpunkte auf 3 %.

Škoda größter Batterielieferant im VW-Konzern
Die tschechischen Autohersteller investieren weiter in Technologien für Elektroautos. Škoda Auto eröffnete im Februar 2026 im Hauptwerk Mladá Boleslav eine neue Montagehalle für Batteriesysteme und ist nun der größte Produzent dieser Komponenten im VW‑Konzern. In das Projekt investierte Volkswagen über 200 Millionen Euro. Bis zu 335.000 Einheiten pro Jahr können dort produziert werden.Das Škoda‑Stammwerk ist der erste Produktionsstandort des Konzerns in Europa, der Cell‑to‑Pack‑Batteriesysteme für den Einsatz in elektrischen Volumenmodellen herstellt.
Nach Angaben des Automobilverbands AutoSAP liefen in Tschechien 2025 über 224.000 Elektroautos vom Band, fast doppelt so viel wie 2024. Hinzu kamen 61.000 Plugin-Hybride (+60 %).
Der Löwenanteil der E-Auto-Produktion entfällt auf Škoda. Laut AutoSAP produzierte die VW-Tochter 2025 fast 190.000 reine Elektroautos (BEV), ein Plus von 137 % zum Vorjahr. Zugleich verdoppelte Škoda seine Auslieferungen an BEV und wurde in diesem Segment zur viertgrößten Marke in Europa. Mit dem Kleinwagen Epiq und dem Familien-Van Peaq kommen 2026 zwei neue Modelle auf den Markt, auf die der tschechische Autobauer große Hoffnungen setzt.
Branchenstruktur
Auch wenn die Produktionszahlen nahe der Rekordstände liegen, steht auch Tschechiens Automobilindustrie vor einer Zeitenwende. Immer mehr Zulieferer müssen ihre Werke schließen. Tschechien kann sich der Krise der europäischen Autoindustrie nicht gänzlich entziehen. Zu eng sind die Verflechtungen vor allem mit dem deutschen Fahrzeugbau. Die Branche befinde sich in der schwierigsten Phase seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte Jaroslav Povšík, Betriebsratschef bei Škoda Auto, Mitte Juli 2026 in einem Interview. Die geplante Umstrukturierung von Volkswagen könnte seiner Ansicht nach die Zukunft der Škoda-Kleinwagen gefährden.
Bei Škoda und den anderen Herstellern geht der Großteil der Produktion ins Ausland. Tschechien exportierte 2025 Pkw im Wert von über 32 Milliarden Euro. Davon entfielen mehr als 70 % auf die EU. Märkte in Übersee spielen bislang nur eine Nebenrolle. Der Autoexport nach China betrug lediglich 8,4 Millionen Euro, in die USA nur 2,9 Millionen Euro.
Wachstumsmärkte liegen in Asien
Für Škoda Auto liegen die Wachstumsmärkte in Zentralasien, Vietnam und vor allem Indien, wo die VW-Tochter eigene Werke betreibt. Allein 2025 investierte Škoda Auto fast 2,1 Milliarden Euro und damit 14 % mehr als im Vorjahr.
Auch bei Hyundai gehen die Investitionen trotz Absatzschwäche weiter. Für 2026 plant Hyundai in Nošovice Anlagen zur automatischen Positionierung von Windschutzscheiben, zur Messung der Passgenauigkeit von Türen und Motorhauben sowie zur Erkennung von Lackfehlern.
Das Toyota-Werk Kolín profitiert vom Start des neuen Hybrid-Modells Aygo X, das seit Ende 2025 in Tschechien vom Band läuft. Bei den weiteren Investitionen in die Fabrik streben die Japaner bis 2030 CO₂-Neutralität an.

Lkw-Produktion wird sprunghaft steigen
Neben der starken Autoindustrie ist Tschechien auch ein wichtiger Produktionsstandort für Busse und Lastkraftwagen. Der einzige Lkw-Hersteller Tatra Trucks, der zur Rüstungsholding CSG gehört, plant bis 2028 eine neue Produktionshalle im mährisch-schlesischen Kopřivnice. Bis 2030 will Tatra die Jahresproduktion auf 3.000 Fahrzeuge verdoppeln, vor allem dank Aufträgen aus dem Verteidigungssektor.
Keine Traktorenproduktion mehr in Tschechien
Dagegen ist die Traktorenproduktion in Tschechien Geschichte. Der letzte Hersteller Zetor stellte die Fertigung am Stammsitz Brno im Sommer 2026 nach 80 Jahren ein. Künftig werden Zetor-Traktoren nur noch in Indien hergestellt. Bei Bussen hat Tschechien mit Iveco, SOR Libchavy, KHMC und Škoda Electric noch vier Hersteller. Sie steigerten ihre Produktion 2025 um mehr als ein Viertel.
Milliardenumsatz bei den Zulieferern
Die tschechische Kfz-Zulieferindustrie erzielte 2024 einen Umsatz von rund 31,7 Milliarden Euro. Nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel liefern rund 900 Unternehmen der Automobilindustrie zu. Den Großteil der Umsätze in der Kfz-Industrie erzielen Unternehmen unter ausländischer Kontrolle. Viele der führenden TIER-1-Unternehmen und Hunderte von Zulieferfirmen fertigen im Land. Die umsatzstärksten sind Continental, Bosch, Mobis und Faurecia. Durch die geringere Nachfrage in den europäischen Automobilfabriken sinkt aber die Auslastung der tschechischen Zulieferbetriebe.
Hoher Bedarf an Komponenten
Tschechiens Bedarf an Komponenten für die Fahrzeugproduktion ist weiterhin sehr hoch. Im Jahr 2025 importierte das Land Kfz-Teile im Wert von fast 18 Milliarden Euro. Ein Drittel davon kam aus Deutschland. Im 1. Halbjahr 2026 war der Einfuhrwert stabil. Die Importe von Komponenten aus Deutschland stiegen um 1,5 %.
Viele Investitionen in Batterietechnologien
Die aktuellen Projekte in der tschechischen Automobilindustrie konzentrieren sich vor allem auf Technologien für Batterieautos. Außerdem investieren die Unternehmen in die Automatisierung der Produktion und in Energieeffizienz.
Foto: Škoda Auto
