Debatten, mehr auf das Ergebnis konzentrieren
Interview mit Claudia Viohl, CEO und Vorstandsvorsitzende E.ON CZ
Claudia Viohl verfügt über jahrzehntelange Erfahrung auf dem deutschen Energiemarkt, vor allem in Führungspositionen bei E.ON, und seit über fünf Jahren steuert Sie E.ON CZ, einen der großen Energieversorger Tschechiens, der über seine Netztochter EG.D zugleich einer der wichtigsten Stromnetzbetreiber des Landes ist.
Die Energieversorgung ist zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor für Unternehmen geworden. Wie beurteilen Sie die Situation in Tschechien mit Blick auf Preise, Versorgungssicherheit und Planbarkeit?
Tschechien startet aus einer vergleichsweisen starken Position: Es verfügt über eine robuste Energieinfrastruktur, eine zentrale Lage in Europa mit starken grenzüberschreitenden Verbindungen und einem recht diversifizierten Energiemix. Die entscheidende Frage ist nicht mehr nur, ob wir ausreichend Energie bereitstellen können. Die eigentliche Herausforderung besteht vielmehr darin, die notwendigen Investitionen zu mobilisieren, die für den Aufbau eines bezahlbaren, widerstandsfähigen und klimaneutralen Energiesystems nötig sind, und zugleich die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der tschechischen Industrie zu sichern . Der jährliche Investitionsbedarf in das Energiesystem könnte sich in den kommenden Jahrzehnten nahezu verdoppeln, weshalb Planbarkeit fast ebenso wichtig ist wie Bezahlbarkeit. Unternehmen brauchen stabile Regulierung, schnellere Genehmigungsverfahren und die Zuversicht, dass sich Investitionen in erneuerbare Energien, Stromnetze und energieeffiziente Lösungen auch Jahre später noch lohnen.
„Planbarkeit ist fast ebenso wichtig wie Bezahlbarkeit“
Tschechien steht vor einem tiefgreifenden Umbau seines Energiesystems. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen – und wo die größten Chancen?
Die größte Herausforderung ist auf jeden Fall der enorme Investitionsbedarf. Wir bewegen uns von einem System, das auf fossilen Brennstoffen beruht, hin zu einem System, das auf erneuerbaren Energien, Kernenergie, Elektrifizierung, intelligenten Stromnetzen und der nötigen Flexibilität basiert, um eine deutlich dynamischere Energielandschaft auszubalancieren. Die jährlichen Energieinvestitionen in Tschechien könnten von heute rund 200 Milliarden CZK auf fast 380 Milliarden CZK in den kommenden Jahrzehnten steigen. Doch genau in dieser Herausforderung liegt auch eine enorme Chance. Denn der Umbau des Energiesystems und damit einhergehend eine Elektrifizierung kann dort, wo diese wirtschaftlich sinnvoll ist, die Abhängigkeit von Brennstoffimporten verringern, die Energiesicherheit stärken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Wenn wir es richtig machen, kann dies eines der größten Modernisierungsprojekte in der Geschichte der tschechischen Wirtschaft werden.

Welche drei Dinge müssen jetzt geschehen, damit dieses Mega-Projekt gelingt?
Für mich sind die Netze das Rückgrat und der Schlüssel für eine erfolgreiche Transformation. Wir können mehr erneuerbare Erzeugung bauen, Speicher ausbauen und Wärmepumpen sowie Elektrofahrzeuge schneller verbreiten. Ihr Potenzial bleibt jedoch begrenzt, wenn das Netz sie nicht effizient anschließen, steuern und optimieren kann. Die Verteilnetzbetreiber in Tschechien investieren bereits mehr als 30 Milliarden CZK jährlich in Modernisierung und Ausbau. Drei Dinge sind deswegen entscheidend: weitere Investitionen in stärkere, digitalere und intelligentere Netze, deutlich schnellere Genehmigungen und Unterstützung der Elektrifizierung. Diese Themen gehören zusammen. Ein Netz wird bezahlbarer, wenn es effizienter genutzt wird, und genau dazu trägt Elektrifizierung durch zusätzliche Nachfrage bei.
E.ON ist sowohl in Deutschland als auch in Tschechien stark präsent. Wo unterscheiden sich die beiden Energiemärkte und die jeweiligen Transformationspfade besonders – und was können beide Länder voneinander lernen?
Die beiden Länder verfolgen unterschiedliche, aber sich gegenseitig ergänzende Transformationspfade. Deutschland verfügt über jahrzehntelange Erfahrung mit dem großflächigen Ausbau erneuerbarer Energien und mit den Herausforderungen, die die Integration wachsender Mengen variabler Erzeugung mit sich bringt. Tschechien geht von einem anderen Energiemix aus, in dem – neben dem wachsenden Einsatz erneuerbarer Technologien – die Kernenergie die bedeutende Rolle spielt. Es geht nicht darum, dass das eine Modell besser wäre als das andere, vielmehr hält jedes wertvolle Erfahrungen bereit. Deutschland hat Erfahrung, neue Technologien zu skalieren und erneuerbare Energien ins System zu integrieren. Tschechien zeigt, wie wichtig es ist, Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und öffentliche Akzeptanz miteinander in Einklang zu bringen. Die europäische Energiewende wird beide Perspektiven brauchen: Innovation und Praxistauglichkeit.
„Eines der größten Modernisierungsprojekte in der Geschichte der tschechischen Wirtschaft “
Deutschland setzt stark auf erneuerbare Energien, während Tschechien an der Kernenergie als wichtiger Säule seines Energiemixes festhält. Können sich diese Ansätze im europäischen Energiesystem sinnvoll ergänzen?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube nicht, dass Europas künftiges Energiesystem auf einer einzigen „Gewinnertechnologie“ aufbauen wird. Erneuerbare Energien können zunehmend günstigen Strom liefern und die Abhängigkeit von Brennstoffimporten verringern, während die Kernenergie stabile, CO₂-arme Erzeugung bietet und die Versorgungssicherheit stützt. Zusammen mit modernen Netzen, Speichern, Flexibilität und grenzüberschreitenden Märkten können sie sich sehr gut ergänzen. Wir sollten weniger Zeit mit ideologischen Debatten verbringen und uns auf das Ergebnis konzentrieren: Energie, die sicher, bezahlbar, wettbewerbsfähig und CO₂-arm ist. Länder mögen unterschiedliche Wege wählen, tragen aber dennoch zu einer gemeinsamen europäischen Lösung bei.

Energiesicherheit endet nicht an nationalen Grenzen. Wo sehen Sie das größte Potenzial für eine engere deutsch-tschechische Zusammenarbeit – etwa bei Netzen, Speichern, Flexibilität oder grenzüberschreitenden Energieflüssen?
Das größte Potenzial sehe ich bei der grenzüberschreitenden Infrastruktur und der Flexibilität. Strom macht an nationalen Grenzen nicht halt, also sollte auch unsere Planung nicht dort enden. Stärkere Verbindungsleitungen können überschüssigen Strom dorthin bringen, wo er gebraucht wird, während eine engere Abstimmung zwischen Übertragungs- und Verteilnetzen die Speicherung, Flexibilität, Digitalisierung und grenzüberschreitende Energieflüsse verbessern kann. Deutschland und Tschechien stehen vor vielen gleichen praktischen Herausforderungen, von Genehmigungsverfahren bis zum Netzausbau. Ich wünsche mir daher, dass unsere Zusammenarbeit noch praxisnäher wird und darauf ausgerichtet ist, ein integriertes, widerstandsfähiges regionales Energiesystem zu betreiben.
„Die europäische Energiewende braucht beides: Innovation und Praxistauglichkeit“
Unternehmen sollen elektrifizieren und in klimafreundlichere Technologien investieren, benötigen dafür aber wettbewerbsfähige Energiepreise und verlässliche Rahmenbedingungen. Was erwarten Sie hier von der Politik in Tschechien, Deutschland und auf EU-Ebene?
Die Richtung steht nicht mehr infrage. Die Frage ist, ob wir schnell genug vorankommen. In ganz Europa sind Unternehmen bereit, in Elektrifizierung und CO₂-arme Technologien zu investieren, aber sie brauchen die Gewissheit, dass das Geschäftsmodell langfristig tragfähig bleibt. Das bedeutet vorhersehbare Regulierung, schnellere Entscheidungen und einen klaren Fokus auf die Umsetzung. Aus meiner Sicht hat Vereinfachung die höchste Priorität. Wir müssen schneller genehmigen, stärker investieren und unnötige Regulierung abbauen, um Investitionen zu ermöglichen statt zu bremsen. Die Politik sollte klare Ziele setzen und zugleich Raum für Innovation und Technologieoffenheit lassen. Wenn es Europa gelingt, Dekarbonisierung mit Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit zu verbinden, werden die Investitionen folgen. Es fehlt der Energiewende nicht an Ambition. Was sie jetzt braucht, ist Umsetzung in großem Maßstab und hohem Tempo.

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Archiv DTIHK | ČNOPK, E.ON Česká republika
