Jedes Land ist verantwortlich für die Zuverlässigkeit seines Energiesystems
Interview mit dem tschechischen Minister für Industrie und Handel Karel Havlíček
Ein Gespräch über wettbewerbsfähige Energiepreise, Versorgungssicherheit und darüber, wie die unterschiedlichen Energiesysteme Tschechiens und Deutschlands zu einer Chance werden
Herr Minister, wie bewerten Sie derzeit die deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen? Welche Auswirkungen hat die wirtschaftliche Schwäche in Deutschland auf Tschechien?
Sie sind außerordentlich eng und für die tschechische Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Deutschland ist einer unserer wichtigsten Handelspartner, und unsere Unternehmen sind durch Produktion, Investitionen und Entwicklung eng miteinander verflochten. Eine schwächere deutsche Nachfrage wirkt sich daher unmittelbar auf die Auftragslage tschechischer Zulieferer aus, insbesondere in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. Wir können jedoch nicht einfach auf eine Erholung der deutschen Wirtschaft warten. Wir müssen unsere eigene Innovationskraft stärken, weitere Exportmärkte erschließen und zugleich gemeinsam mit Deutschland zentrale Probleme angehen – vor allem hohe Energiepreise und übermäßige Bürokratie.
„Kernenergie und Erneuerbare können sich in einem vernetzten System ergänzen.“
Was können und sollten beide Länder gemeinsam wirtschaftspolitisch anstreben und erreichen in den nächsten zwei Jahren, bilateral und auf europäischer Ebene?
Ich sehe drei Prioritäten: wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie und schnellere Investitionen. Bilateral sollten wir die Verkehrs- und Energieverbindungen ausbauen, die Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung vertiefen und Projekte mit höherer Wertschöpfung voranbringen. Auf europäischer Ebene müssen wir uns für realistische Rahmenbedingungen für die Industrie, Technologieoffenheit und einfachere Genehmigungsverfahren einsetzen. Innerhalb von zwei Jahren können wir nicht das gesamte Energiesystem umbauen. Wir können aber konkrete Hürden beseitigen, die Projektvorbereitung beschleunigen und Unternehmen verlässlichere Rahmenbedingungen für Investitionen bieten.

Welche Themen möchten Sie gemeinsam mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche voranbringen? Bei welchen Themen sind Sie sich einig, bei welchen nicht?
Ich möchte an unsere Gespräche in Berlin anknüpfen, bei denen es um Energiesicherheit, Energiepreise, kritische Infrastruktur und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ging. Ein gemeinsames Interesse sehe ich darin, europäischen Unternehmen Investitionen zu ermöglichen und ihre Wettbewerbsfähigkeit im globalen Umfeld zu sichern. Dafür brauchen wir auch auf europäischer Ebene eine engere Abstimmung. Unterschiede bestehen vor allem bei den energiepolitischen Wegen unserer Länder: Tschechien betrachtet die Kernenergie als wesentlichen Bestandteil der künftigen Energieversorgung, Deutschland hat sich anders entschieden. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die europäischen Regeln unsere Entscheidung ebenso respektieren wie die deutsche.
„Aufpassen, dass die Unterstützung der Industrie nicht zu einem Wettbewerb der nationalen Haushalte wird.“
Wie Sie schon angesprochen haben, verfolgen Tschechien und Deutschland unterschiedliche Energiestrategien. Tschechien setzt auf Kernenergie, Deutschland auf Erneuerbare. Ist das eher ein Problem für die Zusammenarbeit – oder steckt auch eine Chance darin?
Es ist auf jeden Fall eine Chance, wenn wir pragmatisch vorgehen. Kernenergie und Erneuerbare können sich in einem vernetzten Energiesystem gegenseitig ergänzen. Dafür brauchen wir jedoch ausreichend leistungsfähige Netze, Speicherkapazitäten und Energiequellen, die auch bei ungünstigen Wetterbedingungen eine sichere Versorgung gewährleisten. Gleichzeitig muss jedes Land Verantwortung für die Zuverlässigkeit seines eigenen Energiesystems übernehmen. Wir können nicht alle davon ausgehen, dass wir bei Stromknappheit einfach Strom aus den Nachbarländern importieren. Zusammenarbeit muss auf real verfügbaren Kapazitäten und gegenseitigem Respekt beruhen.
„Ich möchte, dass tschechische Unternehmen Technologien für Projekte im Ausland liefern.“
Trotz unterschiedlicher Strategien und Technologien haben Tschechien und Deutschland beide das gleiche Problem: Zu hohe Energiepreise belasten die Industrie. Das zeigt unsere Konjunkturumfrage ganz klar. Was muss getan werden, damit Energie für Unternehmen wieder wettbewerbsfähiger wird?
Wir müssen den gesamten Endpreis betrachten, also den Preis für die eigentliche Energie, die Netzentgelte und weitere Abgaben. Deshalb hat der Staat die Finanzierung der geförderten Energiequellen übernommen, wodurch die Stromrechnung der Unternehmen gesenkt wurde. Langfristig brauchen wir ausreichende Erzeugungskapazitäten, eine effizientere Nutzung der Netze, Energieeinsparungen und langfristige Lieferverträge. Auf europäischer Ebene setze ich mich für eine Reform des Emissionshandelssystems und für eine Verringerung der regulatorischen Belastung ein. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass die Unterstützung der Industrie nicht zu einem Wettbewerb der nationalen Haushalte wird, in dem kleinere Länder nicht mithalten können.

Die Regierung will den halbstaatlichen Energiekonzern ČEZ vollständig unter staatliche Kontrolle bringen und verspricht sich davon auch niedrigere Energiepreise. Wie genau soll das zu niedrigeren Strompreisen führen, wenn die Preise weiterhin wesentlich vom Markt bestimmt werden?
Der Staat verfügt bereits heute über die Mehrheit bei ČEZ. Unser Ziel ist die vollständige Kontrolle über den Erzeugungsbereich des Unternehmens, damit eine langfristige Energiestrategie konsequenter umgesetzt werden kann. Eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse allein wird den Börsenpreis jedoch nicht senken. Den Hauptvorteil sehe ich vor allem bei Entscheidungen über neue Erzeugungskapazitäten und bei der Möglichkeit, langfristige Liefermodelle mit besser planbaren Preisen zu entwickeln. Solche Verträge müssen wirtschaftlich tragfähig sein und den europäischen Regeln entsprechen. Wenn wir über günstigeren Strom sprechen, müssen wir auch sagen, aus welchen Quellen er kommen soll, unter welchen Bedingungen und wer die Kosten trägt. Staatliches Eigentum ist ein Instrument, aber für sich allein keine Garantie für niedrige Preise.
„Tschechien verfügt auch in der Fusionsforschung über eigene Expertise.“
Wie soll der tschechische Energiemix künftig idealerweise aussehen? Welche Rolle sollen dabei erneuerbare Energien spielen?
Das Rückgrat der Stromerzeugung sollte die Kernenergie bilden, ergänzt durch erneuerbare Energien, Speicher und flexible Kapazitäten. In der Übergangsphase wird auch Erdgas eine wichtige Rolle spielen, insbesondere beim Ersatz von Kohle und in der Wärmeversorgung. Erneuerbare Energien haben dabei einen festen Platz: Photovoltaik, Windkraft, Wasserkraft sowie die nachhaltige Nutzung von Biomasse und Biogas. Ihr Ausbau muss jedoch mit den Möglichkeiten der Netze und dem tatsächlichen Verbrauch abgestimmt sein. Kohle müssen wir so ersetzen, dass tatsächlich verlässliche Alternativen zur Verfügung stehen. Entscheidend sind Versorgungssicherheit, Gesamtkosten und die Reduzierung von Emissionen.
Tschechien setzt auf neue Kerntechnologien wie Small Modular Reactors und will darin weltweit führend werden. Warum?
Weil es sich zugleich um eine energiepolitische und eine industrielle Chance handelt. Kleinere Reaktorblöcke ermöglichen einen schrittweisen Ausbau der Kapazitäten und können neben Strom auch Wärme liefern. Die Serienfertigung hat das Potenzial, den Bau zu vereinfachen; ob sie auch wirtschaftlich überzeugt, muss sich jedoch erst in der Praxis zeigen. Tschechien verfügt über erfahrene Unternehmen im Nuklearbereich, und durch die Partnerschaft von ČEZ mit Rolls-Royce SMR haben wir die Möglichkeit, uns in eine entstehende internationale Lieferkette einzubringen. Ich möchte, dass tschechische Unternehmen Technologien auch für Projekte im Ausland liefern. Dadurch können wir Aufträge, Know-how und qualifizierte Arbeitsplätze gewinnen.

Deutschland setzt auf Kernfusion, und versucht in dieser Technologie die Führung zu übernehmen. Was halten Sie von diesem Weg, und sprechen Sie mit der Bundes- oder der bayerischen Regierung über Möglichkeiten der Zusammenarbeit?
Die Unterstützung der Fusionsforschung halte ich für richtig. Es handelt sich um eine Technologie mit großem Potenzial, sie kann jedoch in den kommenden Jahren noch nicht die Grundlage einer sicheren Stromversorgung bilden. Deshalb müssen wir gleichzeitig auf verfügbare und bewährte Energiequellen setzen. Tschechien verfügt auch in der Fusionsforschung über eigene Expertise, beispielsweise mit dem Projekt COMPASS Upgrade am Institut für Plasmaphysik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Für eine Zusammenarbeit mit deutschen Forschungseinrichtungen und Unternehmen sehe ich hier durchaus Potenzial, insbesondere bei der Technologieentwicklung und der Einbindung der Industrie.
„Die grenzübergreifenden Netze mit Deutschland sind für den Handel und für die Versorgungssicherheit zentral.“
Die Stromnetze müssen in den kommenden Jahren stark modernisiert werden. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf – und wie wichtig ist dabei der Ausbau der grenzübergreifenden Infrastruktur zwischen Tschechien und Deutschland?
Wir müssen sowohl das Übertragungsnetz als auch die Verteilnetze ausbauen, Umspannwerke modernisieren und den Anschluss neuer Erzeuger und Verbraucher beschleunigen. Ebenso wichtig sind intelligente Netzsteuerung, Speicher, Cybersicherheit und eine bessere Nutzung der bereits vorhandenen Kapazitäten. Es ist nicht sinnvoll, teure Infrastruktur dort zu bauen, wo sich ein Problem durch einen effizienteren Betrieb lösen lässt. Die grenzübergreifenden Netze mit Deutschland sind sowohl für den Handel als auch für die Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung. Sie müssen jedoch mit dem Ausbau der internen Netze auf beiden Seiten Schritt halten. Außerdem brauchen wir schnellere Genehmigungsverfahren, sonst wird die Infrastruktur hinter dem Wandel des Energiesystems zurückbleiben.
Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Ministerstvo průmyslu a obchodu, Archiv DTIHK | ČNOPK
