Frau, 40, lächelt

Iterait: Wie ein Startup aus Prag mit einer kleinen Box den stationären Einzelhandel verändern will

Bisher beschäftigten sie sich mit den Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse. Sie tüftelten an einer App für Hörgeschädigte, befassten sich auch mit künstlicher Befruchtung. Und im vergangenen Jahr entwickelten sie ein Werkzeug im Kampf gegen Corona. Hinter alledem stecken keine „Götter in Weiß“, sondern Mitarbeiter eines erfolgreichen Startups. Sie sitzen in keinem Gründerzentrum, sondern mitten in Prag, in einem noblen Palais aus der Barockzeit.

Die Firma Iterait ist ein Senkrechtstarter auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Seit 2018 bietet sie „komplexe KI-Lösungen, mit denen Unternehmen ihre Effizienz und Produktivität steigern sowie Kosten senken können“. So steht es auf der Website.

Die drei Gründer Adam Blažek, Filip Matzner und Petr Bělohlávek – alle U30 – wollen mit ihrem Startup Grenzen überschreiten. „Wir kommen dem Break-Even immer näher. Derzeit wollen wir vor allem wachsen, ein starkes Vertriebsnetz in Europa aufbauen und unsere Produktpalette erweitern“, sagt CEO Blažek.

Am Anfang konzentrierte sich das Unternehmen noch auf einzelne Projekte, überwiegend im Medizinbereich. Heute entwickelt es vor allem eigene Produkte, die zumeist auf linguistischer Datenverarbeitung und Computer Vision basieren. „Die erste Zeit mit ganz unterschiedlichen Projekten war für uns alle wichtig und brachte uns weiter in ganz unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen. Doch dieses breite Projektspektrum kann für ein Startup kein Dauerzustand sein“, meint Blažek. „Die Einzelprojekte mussten ja langfristig betreut werden, was arbeitsintensiv war.“

Etwas Neues musste also her. Und so planten die drei Jungunternehmer schon 2019, etwas Multifunktionales auf den Markt zu bringen, das weiterentwickelt und in vielen Bereichen einsetzbar war. Die Idee für Vividi war geboren.

v. l. Filip Matzner, Adam Blažek und Petr Bělohlávek – Gründer, Iterait

Smart und sicher

Momentan dreht sich bei Iterait fast alles um eine kleine, schwarze Box – nicht größer als ein Handy. Vividi funktioniert so ähnlich wie Google Analytics, nur in der „Offline-Welt“. Eine smarte KI-Kamera erfasst Passanten, erkennt deren Alter, Geschlecht und Gemütslage und vermerkt, wo und wie lange sie sich an einem Punkt aufhalten. Zum Einsatz kommt Vividi vor allem im Einzelhandel, aber auch in der Gastronomie, der Werbebranche oder der Landwirtschaft. „Die meisten Abnehmer kommen aus Tschechien, aber wir erschließen allmählich auch andere EU-Länder. Derzeit herrscht großes Interesse an der Technologie, auch im Ausland“, sagt PR-Managerin Dominika Pokorná.

Die Corona-Krise hat dem Startup einen Schub verliehen. Ein Grund sind die Beschränkungen beim Einkaufen. Schon während der ersten Corona-Welle entwickelte Iterait das Modul „Vividi Stay Safe“. Dadurch erfahren Einzelhändler, wie viele Kunden sich gerade in ihrem Geschäft aufhalten und können deren Anzahl regulieren. Mit Blick auf den Datenschutz verspricht Petr Bělohlávek: „In der Box werden nur statistische Angaben gespeichert. Und auch die lassen sich nicht auf eine konkrete Person beziehen.“ Ein Vividi-Nutzer erhält nur Informationen wie „Frau, 40, lächelt“. Dank der Edge-AI-Technologie sei Vividi „absolut sicher“. Die Daten werden ausschließlich auf dem Gerät verarbeitet.

Von der Uni zum Startup

Petr Bělohlávek lernte Blažek und Matzner schon an der Karls-Uni kennen, wo sie dasselbe Studienfach belegten: Künstliche Intelligenz. Auch nach ihrem Abschluss ging das Trio gemeinsame Wege, arbeitete zunächst bei IBM in Chodov, später bei einem Tech-Startup in Karlín. Im August 2018 dann das eigene Unternehmen.

Erste Lorbeeren erntete Iterait als Entwicklungspartner für die medizinische Bildanalyse. Für die Web-App „IsletNet“ erhielt das Startup den „Czech DIGI@MED Award 2020“. Ärzte können damit besser herausfinden, welche Inselzellen sich für eine Transplantation bei der experimentellen Therapie des Typ-1-Diabetes eignen. Mittlerweile nutzen Kliniken auf der ganzen Welt die Technologie. Aber auch gute Ideen scheitern manchmal: 2019 arbeiteten die Entwickler an einer App für Hörbehinderte, die Gebärden- in Lautsprache übersetzen soll, und umgekehrt. Das Projekt erreichte in der Finanzierungsphase nicht die Funding-Schwelle. Abhaken, weiter geht´s!

Text: Marcus Hundt
Foto: Iterait

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