Tschechien macht gute Geschäfte mit der Ukraine
Tschechiens Wirtschaft will sich stärker in der Ukraine engagieren und bekommt dafür Garantien der Regierung. Der Handel zwischen beiden Ländern floriert.
Gerit Schulze | Germany Trade & Invest
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Tschechien hohe Energiepreise und einen Rekordzustrom an Geflüchteten beschert. Doch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Prag und Kyjiw haben nicht gelitten. Im Gegenteil: Tschechische Firmen engagieren sich zunehmend zwischen Dnipro und Karpaten. Sie profitieren dabei von staatlicher Unterstützung und Absicherungsinstrumenten.
Erst Anfang September 2025 verlängerte die Regierung in Prag das Programm für humanitäre Hilfe, Stabilisierung und Wiederaufbau der Ukraine. Von 2026 bis 2030 stehen 41 Millionen Euro bereit.
Brüssel überweist Prag Geld für Wiederaufbauprojekte
Im März 2025 genehmigte die EU-Kommission Tschechiens Antrag auf Zahlung von 188 Millionen Euro aus der Ukraine-Fazilität. Davon fließen 100 Millionen Euro in Garantien für Bankkredite zum Wiederaufbau des ukrainischen Energiesektors. Tschechien gibt weitere Haushaltsmittel dazu. Damit stehen der Nationalen Entwicklungsbank NRB rund 200 Millionen Euro zur Verfügung, um tschechischen Unternehmen eine Garantie zu gewähren, wenn diese Kredite bei ukrainischen Banken beantragen.
Außerdem fließen aus der EU-Fazilität 88 Millionen Euro in Tschechiens Programm zur Modernisierung von sechs ukrainischen Krankenhäusern. Sie können damit medizinische Geräte von tschechischen Herstellern erwerben oder tschechische Experten engagieren. Das Programm wird von der Tschechischen Entwicklungsagentur ČRA zusammen mit der NRB umgesetzt.
Tschechien konzentriert sich bei der Wiederaufbauhilfe auf die Bereiche Energie, Wasserreinigung und Gesundheitsversorgung in frontnahen Gebieten. Schwerpunktregion ist die Oblast Dnipropetrowsk, wo bereits 20 tschechische Unternehmen aktiv sind. „Die Region haben wir ausgewählt, weil sie von ihrer Wirtschaftsstruktur mit ihrem hohen Industrieanteil sehr gut zu uns passt“, erklärt Tomáš Kopečný, Tschechiens Regierungsbeauftragter für den Wiederaufbau der Ukraine, auf Nachfrage von Germany Trade & Invest. Er ist bis Ende 2025 Regierungsbeauftragter für den WIederaufbau der Ukraine.

Geschäft konzentriert sich auf die Westukraine
Doch die meisten Aktivitäten konzentrieren sich aus Sicherheitsgründen auf die Westukraine. Dazu gehört das Unternehmen Time & Space aus Brno, das seit 2017 in Stryj (Gebiet Lwiw) Kabelstränge für Autos und Haushaltsgeräte produziert.
Firmenchefin Michaela Macharik würde in Stryj gern einen Cluster für tschechische Firmen schaffen. Mit Dekonta hat sich bereits ein Anbieter von Umwelttechnik aus Mittelböhmen angesiedelt. Das Unternehmen will dort mobile Anlagen zur Wasseraufbereitung produzieren.
In der Westukraine fördert auch der tschechische Rohstoffkonzern MND schon seit über zehn Jahren Erdgas. Das Unternehmen will 2025 eine Rekordmenge von 150 Millionen Kubikmeter Erdgas gewinnen, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Außerdem baut MND Blockheizkraftwerke und investiert in Windkraftanlagen. Ein 59-Megawatt-Park im Gebiet Lwiw ging im September 2024 ans Netz.

Produktion von Biomasse für Heizkraftwerke
Ebenfalls im Energiesektor aktiv ist die Prager Investmentgruppe RSJ. Sie baut in der Ukraine schnellwachsende Pappel-Plantagen auf und will daraus Biomasse zum Heizen erzeugen. Gleichzeitig investiert RSJ in kleine Heizkraftwerke, die Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten dezentral mit Wärme versorgen. Das Unternehmen plant nach eigenen Angaben, bis zu 20 Millionen Euro in der Ukraine zu investieren.
Maschinenbauer DAKO-CZ liefert Bremssysteme und Komponenten für Schienenfahrzeuge in die Ukraine. Das Unternehmen ICE Industrial Services stellt mobile Betondrucker her, die in der Ukraine beim Bunkerbau zum Einsatz kommen. Die Tschechen rechnen sich für den Wiederaufbau des Landes mit 3D-Betondruck gute Geschäftschancen aus.

Großer Investor im Agrarbusiness unterwegs
Einer der größten tschechischen Investoren in der Ukraine ist der Agrarbetrieb Agromino. Das Unternehmen bewirtschaftet 42.000 Hektar Land mit Getreide und Ölsaaten. Eigentümer ist Petr Krogman, dem das tschechische Agrarenergieunternehmen ZD Dobruška gehört.
Gut im Geschäft sind zudem tschechische Hersteller von aufblasbaren Attrappen von Militärgerät. Solche Gummipanzer kosten nur einen Bruchteil einer auf sie abgefeuerten Rakete. Hersteller Inflatech aus der Nähe von Děčín verdreifachte seine Umsätze in der Ukraine seit Kriegsbeginn auf 2,8 Millionen Euro im Jahr 2024. Ein anderer Anbieter ist Kubíček Factory aus Brno.
Besonders enge Wirtschaftsbeziehungen bestehen im Verteidigungssektor. Tschechiens größter Rüstungskonzern CSG plant drei Joint Ventures in der Ukraine zur Produktion von Munition und will dafür mehrere hundert Millionen Euro investieren. Einen Schritt weiter sind die beiden zur Colt CZ Gruppe gehörenden Unternehmen Sellier & Bellot und Česká zbrojovka. Sie produzieren in der Ukraine bereits Munition und Sturmgewehre in Kooperation mit lokalen Partnern.

Außenhandel auf neuem Hoch
Doch auch der gemeinsame Warenaustausch legt kräftig zu: Er erreichte 2024 laut Eurostat einen Rekordwert von 3,3 Milliarden Euro. Dabei erzielt Tschechien einen großen Handelsüberschuss.
Das Positivsaldo entsteht durch die Lieferung elektrischer Geräte für die Energiewirtschaft wie Transformatoren und Stromspeicher, von Kraftwerksausrüstung, Nachrichtentechnik, Fahrzeugen, Rüstungsgütern, Chemikalien, Telekommunikationstechnik, aber auch Lebensmittel und Landmaschinen.
Aus der Ukraine importiert Tschechien vor allem Eisenerze, Stahl, elektrische Maschinen, Lebensmittel, Möbel und andere Holzprodukte.
Der lebhafte Warenaustausch veranlasste Unternehmen aus beiden Ländern Ende 2024, eine tschechisch-ukrainische Handelskammer zu gründen. Anfang September 2025 veranstaltete diese in Prag die Konferenz „Building Bridges“. Dort ermunterte Martin Pospíšil, der damalige Leiter der Europaabteilung im tschechischen Industrieministerium, die Unternehmen, sich stärker in der Ukraine zu engagieren. „Nach dem Krieg werden alle kommen. Und ich hoffe, dass die Ukrainer sich dann erinnern werden, wer schon vorher da war“, sagte Pospíšil.

Foto: Inflatec, MPO
