In wenigen Jahren werden vermutlich Deutsche in Tschechien um Arbeit anheuern
Interview mit David Havrlant, Chefvolkswirt ING Tschechien
Die europäische Wirtschaft steht immer mehr unter Druck. Eine Krise nach der anderen poppt auf und entwickelt sich zu Energiekrisen. Europas größte Volkswirtschaft Deutschland stagniert. Wie geht es weiter? Welche Länder in der EU haben bessere Chancen auf Wachstum? Und gibt es tatsächlich ein „altes“ und ein „neues“ Europa?
David Havrlant, Chefvolkswirt der ING-Bank in Tschechien, sieht ganz klar die osteuropäischen EU-Staaten am Zug und stellt Deutschland ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Dabei mag Havrlant Deutschland und kennt es gut. Er hat in Prag neben dem tschechischen auch das deutsche Abitur gemacht und zeitweise in Deutschland studiert.
Mit Karrierestationen bei Accenture, J&T, Moody’s, der Tschechischen und der Europäischen Zentralbank, der EU-Kommission sowie beim „King Abdullah Petroleum Studies and Research Center“ in Riad, ist David Havrlant ein spannender Counterpart für ein „Krisengespräch“.*
* geführt am 20. März
Die Weltkonjunktur leidet, Europa leidet, Deutschland leidet. Der Irankrieg hat die Probleme extrem verschärft. Wie stellt sich die Lage aus Ihrer Sicht dar?
Die hohen Ölpreise haben dramatische Folgen vor allem für Asien, aber auch für Europa. Und wir erkennen jetzt, dass Europa – insbesondere Deutschland – in den letzten 15 Jahren in der Energiestrategie einige Fehler gemacht hat. Auch Bundeskanzler Merz hat es vor Kurzem ganz klar gesagt: Es war ein schwerer strategischer Fehler, aus der Atomkraft auszusteigen. Wenn sich die aktuelle Krise für viele Monate hinzieht und wir bis Dezember Ölpreise von über 100 Dollar pro Barrel haben, dann kommt es zu Non-Linearitäten im Krisenverlauf mit erheblichen Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft.

Sie haben die unterschiedlichen Strategien angesprochen: Deutschland setzt auf erneuerbare Energien, Tschechien hingegen auf den weiteren Ausbau der Atomkraft. Das hat aber doch nur mittelbar mit dem Energiepreisschock zu tun. Denn Öl wird in der Industrie für alle möglichen Bereiche benötigt.
Ja, aber wir erleben zugleich auch einen Schock bei den Gaspreisen. Und das war die Karte, auf die Deutschland gesetzt hat. Jede Produktion ist zu einem großen Anteil nur Transformation von Energie. Und Europa ist in den letzten 15 Jahren – polemisch gesagt – davon ausgegangen, es könnte Wachstum haben ohne Energie.
Aber es geht nicht nur um Energie an sich, sondern zum Beispiel auch um Düngemittel, die sehr viel im Nahen Osten produziert werden, weil die Produktion sehr energieaufwendig ist. Falls die Krise andauert, erleben wir noch starke Schocks bei den Nahrungsmittelpreisen. Da kommt eines zum anderen. Laut Internationalem Währungsfonds IWF senkt jede 10 %-prozentige Ölpreis-Erhöhung das Wachstum der globalen Wirtschaft um 0,2 Prozentpunkte. Und schon bei 30 % oder 40 % kommt die non-lineare Krisenentwicklung ins Spiel, Kettenreaktionen, Dominoeffekte, mit weitaus schlimmeren Folgen für unsere Volkswirtschaften.
„In den letzten 15 Jahren ziemlich viele wirtschafts- und energiepolitische Fehler.“
Die Verfechter der Energiewende sagen jetzt, Deutschland hätte noch früher und massiver die erneuerbaren Energien ausbauen müssen und verweisen auf Spanien. Dort ist der Strom auch aktuell noch deutlich billiger. Und in Tschechien, wo die Energiepreise auch über EU-Durchschnitt liegen, hilft der geplante Ausbau der Atomenergie auch erst in rund 15 Jahren.
Spanien und Deutschland sind in Energiefragen nicht vergleichbar. Denn Spanien hat erstens ganz viel Sonne, und zweitens ist es nicht so stark industrialisiert wie Deutschland, wo die Industrie einen wesentlich höheren Energiebedarf hat. Stark industrialisierte Länder wie Tschechien und Deutschland brauchen stabilen Zufluss von Energie. Ich glaube nicht, dass ein noch massiverer Aufbau von Erneuerbaren das Problem in Deutschland lösen würde. Aber auch die Deutschen selbst erkennen langsam, dass sie in den letzten 15 Jahren ziemlich viele wirtschafts- und energiepolitische Fehler gemacht haben.
Was sind denn aus Ihrer Sicht die drei größten wirtschaftspolitischen Fehler, die Deutschland in den letzten Jahren gemacht hat?
Es sind Fehler, die heute die größten strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft verursacht haben. Das ist erstens die Energiestrategie, die eigentlich nicht funktioniert hat und die eine Umkehr Richtung Realität braucht. Zweitens ist es die Überregulierung. In Deutschland, aber auch in Europa generell, ist alles so stark reguliert, dass die Bedingungen für Unternehmertum und Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr gut sind. Viele Industrieunternehmen gehen daher ins Ausland, nach Asien oder in die USA.
Und drittens ist die großzügige Sozialpolitik ein Fehler. Die Motivation der Menschen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist zu gering. Das zeigt sich auch beim Thema Migration. Tschechien hat per capita die höchste Rate an Flüchtlingen aus der Ukraine, die meisten von ihnen sind ganz schnell in den Arbeitsmarkt integriert worden. Diese Erwerbsquote ist in Deutschland viel geringer. Deutschland ist reif für eine große Reform des Arbeitsmarktes und der Sozialleistungen.

Aber laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) haben ausländische Unternehmen ihre Investitionen in ihre deutschen Standorte 2025 mit 96 Mrd. € verdoppelt, auch wegen stabiler Rahmenbedingungen und hoher Rechtssicherheit. Deutsche Exporte stiegen trotz globaler Störungen um 1 %. Und fast 3.600 neue Startups wurden 2025 gegründet, 29 % mehr als im Vorjahr und etwa viermal so viele pro Kopf wie in Tschechien. Das sind doch eigentlich positive Signale…
Ja, die Frage ist natürlich, wie lange es dauert, bevor die Startups wirklich etwas zum Wachstum beitragen. Schauen wir uns die wichtigen Bruttoanlageinvestitionen für die gesamte Wirtschaft an, da ist Deutschland ungefähr auf dem Niveau von 2014. Wir sehen seit 2019 Stagnation und einen Abwärtstrend. Ganz anders in den USA, wo auch nach Covid diese Investitionen ständig gewachsen sind. Und auch Tschechien steht wieder besser da. Deutschland leidet schon lange an einem Investitionsstau. Und Investitionen von heute sind nun mal das Wachstum von morgen.
„Deutschlands Industrie produziert auf dem Niveau von 2010.“
Seit über drei Jahrzehnten ist Deutschland eigentlich ein Motor für die tschechische Industrie. Wie geht es in dieser aktuellen Situation weiter mit unseren bilateralen Wirtschaftsbeziehungen?
Ich sag es mal etwas provokativ: In wenigen Jahren werden vermutlich Deutsche in Tschechien um Arbeit anheuern und nicht mehr umgekehrt.
Im Ernst?
Ja. Meiner Meinung nach hat die tschechische Wirtschaft weniger strukturelle Probleme als die deutsche. Das kann man an vielen Indikatoren sehen, vor allem an der Industrieproduktion. Sie war von 2014 bis 2018/2019 in beiden Ländern auf Wachstumskurs. Seitdem aber sehen wir in Deutschland einen langen und sich verstärkenden Abwärtstrend. Deutschlands Industrie produziert eigentlich auf dem Niveau von 2010. Das ist heftig, und das spüren auch die deutschen Haushalte. In Tschechien hingegen stagnierte in dieser Zeit die Industrieproduktion, ist aber wieder auf Wachstumskurs.

Und der Konsum der Haushalte hat in Tschechien zu 2,5 % BIP-Wachstum geführt …
Richtig. Und wenn wir einen Blick auf die tschechischen Firmen werfen, dann sehen wir, dass sie sich der Situation in den letzten zwei Jahren angepasst haben. Viele unserer Kunden bei ING haben sich aufgrund der anhaltend schlechten Situation in Deutschland neue Direktkunden und Absatzmärkte in Amerika, im Nahen Osten oder in Asien gesucht. In den letzten vier Jahren sehen wir einen Prozess der Entkopplung zwischen der tschechischen und der deutschen Industrie. Und der verstärkt sich.
„Die günstigen chinesischen Autos senken bereits die Inflation in Polen.“
Aber beide Volkswirtschaften sind doch ähnlich strukturiert, industriell und exportorientiert. Und Energie ist auch in Tschechien teurer als im EU-Durchschnitt. Was macht denn jetzt den entscheidenden Unterschied aus?
Der Unterschied betrifft nicht nur Tschechien und Deutschland. Generell sehe ich, dass die östlichen EU-Länder politisch viel pragmatischer handeln als Deutschland, Frankreich oder die anderen traditionellen EU-Länder Westeuropas.
Das ist beim Thema Energiepreise zu sehen. Die tschechische Regierung ist entschlossen, gegen die ETS vorzugehen, also die Emissionszertifikate in der bisherigen und in der geplanten Form der ETS2. Das wäre in Deutschland noch schwer vorstellbar.
Und weiteres Beispiel für den Pragmatismus ist die Autoindustrie, systemrelevant in Deutschland, aber auch in Tschechien. Volkswagen hat eigentlich allen gezeigt, wie man es nicht machen sollte. Die Konzerntochter Škoda hingegen hat ganz bewusst auch die Verbrennermodelle weitergeführt und -entwickelt, verkauft sie in Europa und exportiert sie zum Beispiel viel nach Indien. Es war nicht richtig, diese europäische Spitzentechnologie so leichtfertig den Chinesen zu überlassen.
Tschechien war und ist eins der Länder, das bei der Elektromobilität immer auf der Bremse stand. Aber genau in dieser Technologie kommt nun die große Konkurrenz aus China.
An dieser Zurückhaltung gegenüber der Elektromobilität erkennt man wieder diesen pragmatischen Ansatz, über den wir schon gesprochen haben. Wir sehen jetzt in Polen, dass sich dort die Konkurrenz aus China durchsetzen kann, sogar schon mit makroökonomischen Folgen. Denn die günstigen chinesischen Autos senken bereits die Inflation in Polen. Die Tschechen und die Deutschen hängen an ihren Automarken, da stoßen die Chinesen noch an Grenzen. Aber wenn die Taschen der Haushalte bald leerer sind, auch wegen den hohen Energiepreise, dann werden sich auch hier viele für die chinesischen Autos entscheiden.
„Man muss aufpassen, dass keine Fördergeldwirtschaft entsteht.“
Aber hätte man dann nicht doch früher und massiver auf Elektromobilität setzen müssen, um konkurrenzfähig zu sein gegenüber China, anstatt weiter am Verbrenner festzuhalten?
Eine gute Idee zu fördern, ist in Ordnung, aber dabei muss man aufpassen, dass keine „Fördergeldwirtschaft“ entsteht. Denn in so einem Wirtschaftssystem ist es schwer, ein normales Businessmodell zu haben, zu dem es ja auch gehört, dass der Konsument die Wahl hat. Ich bin für die Elektromobilität, auch für eine gewisse Förderung. Aber wenn über diese Technologien die Politik entscheidet und sie nicht mehr die Struktur der Ökonomie und die Wünsche des Konsumenten respektiert, dann kommt man in eine Sackgasse.

Laut Handelsblatt wandern Premiumhersteller im Automobilbereich aus Deutschland nach Mittelosteuropa ab. Das heißt, die Zukunft des Wachstums liegt auch Ihrer Meinung nach eher in Mittelosteuropa als in den alten EU-Staaten?
Falls die westeuropäischen Staaten nicht etwas an ihrer Haltung ändern, wird das so kommen. Ich sehe in Osteuropa viel mehr Appetit zu wachsen, erfolgreich zu sein, während Westeuropa auf viele Fragen sehr ideologisch reagiert, wie zum Beispiel bei der Dekarbonisierung. Die östlichen Länder hingegen sind fähig, sich auf die wichtige Frage zu konzentrieren, wie wir bei einem soliden Wachstum bleiben?
„Europa reguliert sich einfach aus dem Wachstum heraus.“
Aber – polemisch gefragt: Was hilft es Tschechien, wenn die Wirtschaft wächst, aber der Planet kollabiert?
Wenn Deutschland kein Wachstum hat und sich deindustrialisiert – was bereits stattfindet – kann das das Klima retten? Man kann etwas unternehmen, wenn alle in guten, ruhigen Zeiten mitspielen. Diese Zeiten sind aber vorbei. Und das bleibt so für die nächste Dekade. Da muss man sich mental anpassen und andere Probleme lösen.
China öffnet ein Kohlekraftwerk nach dem anderen und produziert mit über 30 % das meiste CO2 weltweit. Europa rund 8 %. Und um diese 8 % zu beseitigen, reguliert sich Europa einfach aus dem Wachstum heraus. Wir müssen uns jetzt ganz nüchtern fragen: Was verlieren wir und was können wir gewinnen? Aber bei diesen Trade-offs ist Europa nicht sehr gut. Denn bisher war Europa reich. Aber gerade in dieser Krise haben wir jetzt neue und große Aufgaben im Bereich Militär auf dem Tisch.
Genau, aber da will das „pragmatische“ Tschechien ja nicht mitspielen und ignoriert die Nato-Entscheidung, 5 % des BIP für Verteidigung auszugeben!
Ich denke, diese Position wird sich in Tschechien noch ändern. Wir haben eine Zeit von Allianzen vor uns. Und jeder Staat in Europa und Europa insgesamt wird sich die Frage stellen müssen, was es heißt, ein Alliierter zu sein? Was hat man zu bieten? Langsam erkennen auch viele, dass Ausgaben für das Militär nicht nur aus dem Fenster geworfenes Geld ist, sondern auch Investitionen in angewandte Forschung und Entwicklung. Das sieht man an der Ukraine, die viel Know-how in den Kriegsjahren gewonnen hat und auch ihre eigenen Technologien entwickelt. Die Ukraine hat jetzt etwas anzubieten.

Unternehmen brauchen Planbarkeit, Verlässlichkeit und Rechtsstaatlichkeit. In den mittelosteuropäischen Visegrád-Staaten keine Selbstverständlichkeit mehr. Wie passt das mit den positiven Wachstumsperspektiven zusammen?
Natürlich, das ist eine problematische Situation, und das können wir auch an den aktuellen Wachstumsdaten ablesen. Die Slowakei wird das Wachstum deutlich unter einem Prozent haben, und Ungarn hat ohnehin große wirtschaftliche Probleme. Aber immerhin sind es Demokratien und demokratisch gewählte Regierungen. Veränderungen könnten kommen, wenn die Wirtschaft stagniert und das auf dem Arbeitsmarkt spürbar wird.
Sie haben es schon angesprochen: Europa muss agiler und handlungsfähiger werden. Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil kam Anfang des Jahres wieder mit der Idee eines Kerneuropas. Mit dabei sollten auf alle Fälle Deutschland, Frankreich, Italien und Polen sein. Wie bewerten Sie den Vorschlag?
Vor allem ein Klub der traditionellen EU-Länder. Bis auf Polen, das mit über 3% des BIP darin das wachstumsstärkste Land wäre. Ich frage mich, warum Polen das eigentlich machen sollte. Denn die großen Staaten wie Deutschland, Frankreich und Italien stagnieren entweder oder sie haben riesige Haushaltsdefizite.
Zumindest was die Dynamik und das Wachstum betrifft, sehe ich bessere Zukunftsaussichten in der Region von Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Österreich, Bayern und Norditalien. Diese Staaten und Regionen sind sich auch pragmatisch-politisch näher. Da kann ich mir vorstellen, dass so eine Konstellation zumindest wirtschaftlich vorangehen kann. Europa hat keine Zeit zu verlieren.
Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Archiv David Havrlant, Ivana Barková
