Tschechiens Unternehmen digitalisieren, um im Rennen zu bleiben

Die Digitalisierung der Geschäftsprozesse steht für immer mehr Unternehmen in Tschechien auf der Investitionsagenda ganz oben. Vorreiter sind die Großen, darunter viele Niederlassungen deutscher Unternehmen. Doch fehlt zu vielen Firmen noch eine digitale Strategie.

Wo ließe sich das Thema Geschwindigkeit in Verbindung mit Datenanalyse besser veranschaulichen, als bei dem Spitzenrennen des Motorsports? Die Formel-1-Weltmeisterschaft 2019 gewann Mercedes-AMG Petronas Motorsport, das Formel-1-Werksteam von Mercedes-Benz. „Ein Sieg befeuert mit Daten“, heißt es dazu auf der Website des US-amerikanischen Softeware-Unternehmens TIBCO. Data-Science- und Analyticslösungen dieses Anbieters versetzen den Rennstall in die Lage, an einem Rennwochenende auf 500 Gigabyte an Echtzeit- und Archivdaten zuzugreifen und sie zu visualisieren. Im digitalen Zeitalter ist dies eine wichtige Voraussetzung, um optimale Entscheidungen zu Fahrzeugkonfiguration und Rennstrategie treffen zu können.

Auch im unternehmerischen Wettbewerb können Schnelligkeit, Effizienz, Flexibilität den Vorsprung bringen. Die Dimension Daten und ihr Management sind dabei essenziell. „Wer aus einem anderen Winkel auf seine Daten blickt, ist beweglicher, kann auch Überraschungen erleben, neue Geschäftschancen erkennen“, erklärt Datenarchitekt Jan Chalas, Partner der Firma DataFriends in Prag. Bei einer praktischen Einführung an den Computern des auf Datenstreaming und -visualisierung spezialisierten Unternehmens stellt er TIBCO Spotfire und andere Software-Tools vor, die aus einem Datenhaufen und einer Fülle von Kombinationen anschauliche Darstellungen machen.

Schlüsselfaktoren, um ein Unternehmen in ein datengesteuertes zu verwandeln, sind für Chalas „Menschen, Plattform, Wille, Know-how“. Menschen, die fortgebildet oder von außen gewonnen werden müssen. Eine technologische Plattform, in die Daten von innerhalb und außerhalb des Unternehmens eingehen. Der Wille, auch nach der Datenlage zu entscheiden. Das Know-how, wie mit Daten gearbeitet werden kann.

Produktivitätsdruck in der Automobilindustrie

Die Daten und ihr Management bilden den Kern, um eine Digitalisierungsstrategie verwirklichen zu können. Wie eine Umfrage des tschechischen Verbands für Industrie und Transport unter mehr als 100 Unternehmen ergab, will die Hälfte von ihnen in den kommenden fünf Jahren mehr Geld für die Digitalisierung und Maßnahmen der Industrie 4.0 ausgeben, weil es für ihre Zukunft wichtig ist. Bei den großen Unternehmen sind es mehr als zwei Drittel. Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und die Steigerung der Produktivität stehen als Motiv ganz vorn. „Eine digitale Strategie aber haben nur 36 % der Firmen, so dass es sich bei der Mehrheit der realisierten Projekte wohl eher um eine unsystematische Implementierung isolierter Teillösungen handelt“, sagt Eduard Palíšek, Mitglied des Verbandsvorstands und Geschäftsführer Siemens Tschechische Republik. Schon seit Jahrzehnten steht die Automobilindustrie unter enormem Produktivitätsdruck. Nicht zufällig sind ihre Unternehmen unter den Industriebranchen in der Metamorphose zur digitalen Fabrik am weitesten fortgeschritten. Häufig sind es Pilotprojekte, die die Basis legen für eine weitere Digitalisierung des Werks.

Innovation muss Wirtschaftlichkeit langfristig sichern

Bei Brose CZ, einem der größten Kraftfahrzeugzulieferer in der Region Mährisch-Schlesien, war es die Errichtung eines aufsehenerregenden vollautomatischen Hochregallagers, das 2014 in Kopřivnice den Betrieb aufnahm. „Dieses Projekt, zu dem die Vorarbeiten 2011 starteten, ist für uns die Basis für die Industrie 4.0 gewesen“, sagt Niclas Pfüller, Geschäftsführer von Brose CZ. Die beiden Werke in Kopřivnice und Rožnov liegen in der Nähe von Ostrava und bilden den größten Standort von den weltweit über 60 Werken des Familienunternehmens aus Coburg. Hergestellt werden Verstellsysteme für Vorder- und Rücksitze, Schließsysteme und Elektromotoren.

„Die Vorgabe war: Was müssen wir tun, um ein gesamtheitlich innovatives Logistikkonzept für das Werk zu erstellen, das uns langfristig Wirtschaftlichkeit sichert“, beschreibt Pfüller den Ausgangspunkt. In Kooperation mit der TU München und mit SSI Schäfer als Generalunternehmer entstand eine vollautomatische Routenzug-Beladung und Produktionsversorgung, komplett integriert und gesteuert mit SAP Extended Warehouse Management (EWM). Sie kommt ohne Gabelstapler aus. „Von da aus haben wir andere Themen vorangetrieben“, berichtet Pfüller. So können im Presswerk neuere Produktionsanlagen über ein Manufacturing Execution System (MES) mit den Mitarbeitern quasi kommunizieren, indem sie über E-Mail oder SMS mitteilen, wie die Anlage produziert hat oder was sie hätte erbringen sollen, warum sie stillstand und woran das lag, so dass Aufschreibungen von Hand entfallen und sich Reaktionszeiten verkürzen. „Diese Digitalisierung steigert Effizienz und Schnelligkeit“, so Pfüller.

Eine Herausforderung sieht er darin, von Pilotprojekten überzuleiten zu einer gesamtheitlichen Implementierung. „Diese Fabrik wandelt sich kontinuierlich, ich habe keinen scharfen Schnitt, wo ich von heute auf morgen mit meinem Piloten auf die ganze Fabrik übergehe“, erklärt der Geschäftsführer. Vielmehr sei das ein Prozess im Laufe des Lebenszyklus von Projekten, die bei Autositzen etwa sechs Jahre betragen. „Kontinuierlich laufen in einer so großen Fabrik Projekte aus und neue an. Mit den neuen versuchen wir dann schon die nächste Evolutionsstufe einzuführen, wobei Digitalisierung und Automatisierung da eng verknüpft sind.“

Foto: Brose

Digitalisierung ein Muss

Ein wichtiger Anbieter von digitalen Lösungen, z. B. die virtuelle Abbildung und Simulation über einen digitalen Zwilling, ist der Technologiekonzern Siemens. Auch in seinen eigenen Betrieben setzt er diese ein. Die tschechischen Siemens-Elektromotorenwerke in Mohelnice und Frenštát pod Radhoštěm sind dadurch heute Beispiele der Industrie 4.0. Sie haben eine hohe Stufe der Digitalisierung erreicht, die die gesamte Wertschöpfungskette erfasst – Konstruktionsentwurf, Herstellung des Produkts, Lieferprozesse und Service. „Wir haben die Produktivität erhöht, die Entwicklungszeiten verkürzt, und die Fertigung ist wesentlich flexibler“, fasst Eduard Palíšek, Geschäftsführer von Siemens Tschechien, die Ergebnisse zusammen.

Das Elektromotorenwerk in Frenštát nutzt einen digitalen Zwilling in allen Phasen – Produktentwticklung, Produktion und Performance. So kann es 70.000 Motoren jährlich produzieren, von denen kaum einer dem anderen gleicht. Durchschnittlich gesehen handelt es sich um „Serien“ von 1,8 Einheiten. Die Welt, in der Motoren per Katalog in größeren Serien bestellt wurden, scheint Lichtjahre entfernt. Heute geht das nach Maß und Vorgabe der Kunden. Der Wettbewerbsvorteil liegt auf der Hand. In der Folge hat binnen drei Jahren der Umsatz um 70 % angezogen, die Beschäftigtenzahl nur um 25 %.

Digitalisierung ist heute nicht mehr ein Kann, sondern ein Muss für Unternehmen, die wettbewerbsfähig, produktiv und profitabel bleiben wollen. Das wurde auf dem 20. Jahrgang der Konferenz zu Trends in der Automobillogistik TAL in Pilsen sehr deutlich, die im Februar 2020 stattfand und Digitalisierung zum Thema hatte. Sie ist in Tschechien die wichtigste Konferenz zu dem Thema und strahlt auch nach Deutschland aus. Ausgerichtet wurde sie von dem Beratungs- und Technologieunternehmen Aimtec und der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. Praxisbeispiele aus der Umsetzung hochkomplexer Logistikprojekte von BMW, Škoda Auto oder Hella Bratislava machten klar, dass dafür neben einer Vision viel zusammenkommen muss: digitales Leadership, das eine solche Investition befürwortet; ein Team, das neben der laufenden Arbeit ein solches Projekt stemmt; IT-Kompetenz im Unternehmen und eine gute Kooperation zwischen Auftraggeber und Anbieter; die Integration in bestehende Gebäude und mit bestehenden Anlagen. Einigkeit bestand darin, dass kein automatisiertes Lager und keine digitale Fabrik über Nacht entstehen. Um ihre späteren Wettbewertsvorteile erbringen zu können, müssen Digitalisierung und Automatisierung gerade bei einem Pilotprojekt mit Geduld, Augenmaß und Zeit erfolgen. Überzogene Erwartungen an Umsetzungsfristen und Investitionsrücklauf sollten vermieden werden.

Foto: Brose

Neue Anforderungen an Arbeitnehmer

Spezialisiert auf die Digitalisierung und Integration von Produktion und Logistik weiß Lösungsanbieter Aimtec aus 20jähriger Erfahrung um diese Komplexität. Einen realistischen Return on Investment bei großen Projekten setzt Verkaufschef Jakub Klíma bei zwei bis drei Jahren an. „Den größten Nutzen erzielt ein Unternehmen, dem es gelingt, seine Prozesse durch alle Abteilungen zu digitalisieren“, sagt er. Die steigende Nachfrage nach Digitalisierungsprojekten in der Automatisierung von Prozessen und nach Cloud-basierten Diensten lassen sich bei dem in Pilsen angesiedelten Unternehmen an den Erlösen ablesen. Diese nahmen 2019 um 15 % zu. Zu den Referenzkunden zählen deutsche Automobilzulieferer wie Continental oder Eissmann.

Ein wesentlicher Faktor in der digitalen Transformation bleibt der Mensch. Auf der einen Seite als Kunde, der personalisiert und mit einem Klick auf sein Handy bestellt, was sein Herz begehrt – worauf Logistik- und Fertigungsketten reagieren müssen. Auf der anderen als Mitarbeiter, der mit Informationstechnologien, Robotern, fahrerlosen Zügen, Handschuhscannern und vielem mehr in dem System einer digitalen Arbeitswelt zurechtkommen und mit dem Tempo der Veränderungen Schritt halten muss. Wie löst ein Unternehmen in der digitalen Transformation den wachsenden Bedarf an IT-Spezialisten und generell den neuen Anspruch an die Arbeitnehmer?

„Da sind zunächst Menschen aus unserem Werk, die Erfahrungen gesammelt haben, im IT-Thema stark waren und die sich etwa von einer Logistik- und Engineeringfunktion in klassische IT-Rollen hineinentwickelt haben“, beschreibt Niclas Pfüller die Erfahrung bei Brose CZ. Einige von ihnen sind heute Mitarbeiter in dem IT Servicecenter, das der Automobilzulieferer auf dem Gelände der Technischen Universität Ostrava eröffnet hat. Von ihrer Karriereentwicklung profitiert auch das Unternehmen. Nicht allein, weil es leistungsstarke Mitarbeiter mit solchen Berufsperspektiven eher halten kann. „Wir haben die wichtige Erfahrung gemacht, dass es gerade im IT-Bereich Menschen bedarf, die die Produktions- und Wertschöpfungsprozesse des Unternehmens verstehen“, sagt Pfüller zu einer Erkenntnis aus dem Digitalisierungsprozess. „Und wer könnte das besser, als jemand der einmal nah dran war?“

Um die gesamte Mannschaft ins digitale Zeitalter mitzunehmen, laufen bei Brose CZ viele Aktivitäten. Eine ist das Programm IT für Techniker, mit dem das Unternehmen die Einrichter in den Anlagen, Techniker und Ingenieure abholt. „Digitalisierung bringt Chancen für die Mitarbeiter und fürs Unternehmen“, ist Pfüller überzeut. „Es gibt viele bei uns, die nicht mehr in der reinen Montage oder körperlich schwer arbeiten wollen. Auch heute noch haben wir nicht genügend Mitarbeiter für die Montage und einfache administrative Tätigkeiten, und da sehe ich große Chancen in der Digitalisierung, die wir jetzt weitertreiben.“

Foto: Brose

Text: Miriam Neubert, Germany Trade & Invest
Titelfoto: Daimler AG

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