Ich bin Ich, Martin Herrmann

Wie ein Top-Manager eine Vollbremsung macht, die geliehene Macht abgeben muss, dafür aber wieder Herr seines Kalenders wird.

Im Februar 2017 war Martin Herrmann auf dem ersten Titelbild der rundum erneuerten Plus zu sehen. In den letzten fünf Jahren erklomm er zielstrebig den Gipfel seiner beruflichen Karriere – seit April 2016 schließlich als Vertriebsvorstand der neu gegründeten RWE-Tochter innogy SE in Essen. Nebenbei – nicht zu vergessen – der Posten als innogy-CEO in Tschechien. Ein Manager mit Haut und Haaren, der aber vor einem halben Jahr von 180 auf null runtergefahren wurde. In „beiderseitigem Einvernehmen“, als innogy an E.ON ging. Eine spannende Ausgangssituation, um mit einem Ex-Top-Manager noch mal einen Blick zurück und einen Blick nach vorne zu richten.

Wenn Sie heute an diese Zeit 2015/16 zurückdenken, als innogy aus der Taufe gehoben wurde – war das für Sie überhaupt nicht zu ahnen, was drei Jahre später passieren wird?

Nein, absolut nicht. Es war unglaublich spannend ein Carve Out zu machen, mit einer neuen Brand-Einführung, mit einem Börsengang, mit dem Fokus auf die neue Energiewelt – im Bereich erneuerbare Erzeugung, Netzgeschäft und Vertrieb, mit der Aufgabe, vertriebliche Produkte zu entwickeln, die weitergehen als reines Energie-Commodity-Geschäft.

Die Auflage der EU-Kommission für den Deal zwischen E.ON und RWE war, das innogy Retail-Geschäft in Tschechien zu trennen und zum Verkauf zu stellen. Sie als CEO mussten also mit der Freigabe im September 2019 sofort aus dem Amt scheiden. Nur ein paar Wochen später fällt aber auch Ihr Vorstandsposten im Essener Konzern weg. Wie hat sich das für Sie angefühlt, was sie im Herbst beruflich erlebt haben? Wie Vollgas mit plötzlicher Vollbremsung?

Ja, das ist tatsächlich so. Wenn man in einer Position ist wie ich, in zwei Ländern mit Vorstandverantwortung, dann hat man einen Kalender, der sehr stark vordefiniert ist. Durch Vorstandssitzungen, durch Aufsichtsratssitzungen der eigenen und der Tochtergesellschaften, durch den Finanzkalender und das Reporting, durch Feedback-Gespräche mit seinen Mitarbeitern, durch Performance-Dialoge etc. Man muss nicht viel tun und der Kalender ist sehr sehr schnell voll. Dann hat man meist noch Aufgaben in Verbandsgremien, national und international, im tschechischen und im europäischen Gasverband, oder man sitzt in einem Gremium der „Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität“ in Berlin. Mit all dem ist auch sehr viel Reiserei verbunden. Das fällt dann alles ganz plötzlich weg. Der Kalender ist leer.

Und den schreibt auch niemand anderes voll!

Genau. Und dann muss man sich selber die Frage stellen, was will ich mit der gewonnenen Zeit jetzt anfangen? Das ist ein Thema, das mich im Augenblick noch umtreibt, aber wo ich zu ersten Schlussfolgerungen gekommen bin. Das ist ein Prozess, und der macht Spaß.

Plus Interview mit Martin Herrmann

Wie war es denn am ersten Morgen, nachdem Sie auch den Posten im Konzernvorstand nicht mehr innehatten, aufzustehen und in den Tag zu gehen?

Interessante Frage. Wir hatten ja in Essen eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung, in deren Rahmen wir – die anderen Kollegen und ich – von unseren Posten zurückgetreten sind. Ich habe mich dann am frühen Morgen wieder ins Auto gesetzt und bin zurückgefahren nach Prag, und hatte viel Zeit nachzudenken auf der Fahrt. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl. Insbesondere am nächsten Morgen in das Gebäude zu gehen, wo man bis zum Abend vorher noch Vorstand war. Und jetzt da sozusagen ohne Posten aufzuschlagen, auch wenn mein Dienstvertrag noch bis zum Jahresende gelaufen ist, das war schon interessant.

Manchmal ist es gut, dass eine Reise auch ein Ende hat .

Eher gut, eher schlecht?

Eigentlich gut. Es ist ja nicht ganz überraschend gekommen, und manchmal ist es gut, dass eine Reise auch ein Ende hat und dass man dann den Zauber des neuen Anfangs erleben kann.

Was ist denn jetzt der Zauber dieser Entschleunigung, dieses neuen Anfangs?

Dass man der Herr des eigenen Kalenders ist. Auch wenn man jetzt viele Dinge selber machen muss, für die man vorher sehr professionelle Unterstützung hatte, von der Assistenz bis zum IT-Support – ich kann meinen Tag jetzt selber bestimmen. Ich kann selber sagen, mit wem ich telefonieren will, warum und über welche Themen. Wenn ich jetzt zu Veranstaltungen gehe, repräsentiere ich nur noch mich. Ich bin ich. Um es mal ganz einfach zu sagen.

Und die Reaktion ihres Umfeldes? Ist das sehr unangenehm?

Eigentlich nicht. Die meisten erwarten, dass man traurig ist. Wenn man dann aber sagt, welche Freiheiten man jetzt hat, da sagen viele: „Ach, ich wäre auch gerne in so einer Situation.“ Tatsächlich, das haben sehr viele gesagt. Weil man aus diesem Hamsterrad herauskommt. Und man stellt auch fest, dass der Einfluss, den man hatte, geliehene Macht war, eben aufgrund der Rolle, die man ausgefüllt hat. Und man sieht dann auch die Reaktion der Menschen, ob die an einem persönlich interessiert waren oder eigentlich nur an einem als Repräsentanten des Unternehmens.

Als Top-Manager ist sicher alles auf den Erhalt der Vitalität ausgerichtet, Hobbys fallen da komplett weg, oder?

Alles ist darauf ausgerichtet, dass man alle Termine professionell untergebracht bekommt und funktioniert. Darunter leidet natürlich die Familie, weil im Zweifelsfall der berufliche Termin dem privaten Termin immer vorgeht. Ich hatte meinen Hauptarbeitsplatz in Essen und nicht hier in Prag. Das hieß montags morgens vielleicht noch im Prager Büro, dann zum Flughafen, Donnerstag oder Freitag wieder zurück. Und die Wochenenden sind dann auch ganz gut gefüllt, weil die Anzahl an Materialien, die ein Großunternehmen imstande ist für ihre Vorstandssitzungen und andere Meetings zu produzieren, doch erstaunlich ist. Und diese Materialien treffen im Regelfall am späten Freitagnachmittag oder -abend ein, so dass man das Wochenende durchaus mit Aktenstudium verbringen kann.

Alles ist darauf ausgerichtet, dass man … funktioniert

Wie haben Sie das Material und Ihre Bearbeitung für sich über die Woche abrufbar und verfügbar gehalten?

Man hat digitale Mappen. Alles andere wäre reisetechnisch auch nicht möglich. Man bekommt für die Vorstandssitzung alle Unterlagen, Beschlussvorlagen, Anlagen etc., man arbeitet sich da sorgfältig durch, macht sich seine Anmerkungen, Fragen, und in der Vorstandssitzung ist man gut vorbereitet, wenn das Thema aufgerufen wird. Man sollte die Unterlagen – so sie denn schon vorliegen – aber auch nicht mit zu großem zeitlichem Vorlauf vor den entsprechenden Sitzungen lesen, damit man die einzelnen Themen möglichst frisch im Gedächtnis hat. Die Woche war immer dann am intensivsten, wenn man mehrere solcher mehrstündigen, dokumentenlastigen Meetings zu absolvieren hatte. Aber das ist einfach so, das gehört zum Job eines Managers, und der ist ja frei gewählt.

Gibt es etwas, was Sie definitiv vermissen und etwas, was Sie definitiv nicht vermissen bei dieser Veränderung?

Was ich vermisse, sind schon die Kollegen, ganz tolle Kollegen, sowohl hier in Tschechen als auch international, die Gespräche, das fehlt mir schon ein bisschen. Dann fehlt mir natürlich der Support, den ich immer hatte, meine Assistenz und auch der IT-Support. Da kann man sich dran gewöhnen. Jetzt muss ich mich wieder selber damit auseinandersetzen, wie das eine oder andere Programm funktioniert. Was ich gar nicht vermisse ist eben dieses Hamsterrad und diese permanente Masse an Akten. Ich lese jetzt nur noch die Dinge, die mir wirklich Freude machen.

Martin-Herrmann im Plus Interview
Plus Interview mit Martin Herrmann

Sie haben 2002 angefangen bei Transgas in Tschechien, vor mittlerweile 18 Jahren. In der Rückschau: Top Manager damals und heute – großer Unterschied im Tempo, oder?

Sehr. Allein die Erwartung der Vorgesetzten in Sachen Erreichbarkeit war eine andere. Heute ist man rund um die Uhr erreichbar. Die Balance hinzubekommen ist schon schwierig. Da muss man als Vorgesetzter auch ein bisschen aufpassen, dass man nicht aus seiner Rolle heraus einem Mitarbeiter um 21 Uhr noch eine E-Mail schreibt und ihn unter Druck setzt. Alles ist deutlich schneller geworden. Es wird auch viel mehr gereist über die Jahre, mal schnell hierhin und dahin. Fliegen ist ja immer billiger geworden. Und heute kommt eine Information rein und jeder kommentiert es rechts und links schon, bevor man oder das Unternehmen darauf reagieren kann. Und wenn man eine Nachricht an eine WhatsApp-Gruppe schickt, bekommt man von denen ja auch permanent Antworten. Man muss viel mehr Kommunikation händeln in kurzer Zeit. Das alleine schafft ein viel hektischeres und stressigeres Umfeld.

Wenn wir über das Tempo im Business reden, dann reden wir auch über Überforderung. Haben Sie damit Erfahrungen gemacht bei den Mitarbeitern?

Ich kenne dazu keine Statistiken, aber mir ist schon aufgefallen, dass der ein oder andere am Rande des Burnouts stand oder steht. Man möchte immer allen gerecht werden, und es kommen immer mehr Themen und Projekte auf den Tisch, alles Bälle, mit denen man jonglieren muss.

Wie kriegt man das hin? Haben Sie da einen Tipp?

Das ist nicht einfach. Vor allen Dingen, wenn man eingeführt hat, dass die Response-Time auf E-Mails sehr schnell ist. Da wundert sich gleich jeder, wenn man mal nicht antwortet, und macht sich Sorgen, ob man verärgert ist oder ihn ignoriert. Dabei hat man es einfach zeitlich nicht geschafft. Ich glaube, man muss ganz bewusst im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten, und Manager haben ja Möglichkeiten, Regeln setzen und vorleben. Zum Beispiel: Ich schicke nach 19 Uhr abends keine E-Mails an meine Mitarbeiter, Punkt. Sich selber entschleunigen, das muss man willentlich tun. Habe ich das selber gemacht? Nein. Ich bin auch jemand gewesen, der im Urlaub erreichbar war und seine E-Mails abgearbeitet hat, damit die Mailbox nach zwei Wochen nicht überquoll. Mit den heutigen Tools ist man halt irgendwo und nirgendwo mehr.

„Sich selber entschleunigen, das muss man willentlich tun.

Und man ist ja eigentlich mit Haut und Haar Top-Manager?

Ja, ist man. Man wird sehr gut dafür bezahlt, und das ist dann eben auch ein bisschen der Preis, den man selber dafür bezahlt. Aber wie gesagt, der Job ist selbst gewählt. Und man sollte bei allem Stress die erfreulichen Momente in der Arbeit sehen, wenn Dinge gelungen sind, man einen guten Abschluss hat, eine erfolgreiche Akquisition, ein tolles neues Produkt, zufriedene Kunden und Aktionäre. Das vergisst man zu schnell. Ansonsten versuchen, die Dinge, die man ändern will und kann, dann auch zu ändern und sich nicht über die Dinge zu ärgern, die nicht zu ändern sind.

Die Wirtschaft wird Sie wiedersehen, wahrscheinlich als Business-Angel, oder?

Ja, das macht mir unglaublich Spaß. Mein Netzwerk, meine Kontakte zu nutzen und dem ein oder anderen auch was zurückgeben zu können.

Martin Herrmann

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Lenka Šolcová

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