Tschechiens Autoindustrie im Umbruch

Während sich die Elektromobilität zu entwickeln beginnt, werden Geschäftsmodelle zur Wasserstoffmobilität noch gesucht. Eine systematische Förderung umweltfreundlicher Fahrzeuge fehlt.

Nach einem außergewöhnlich starken Jahresauftakt hat die Autoherstellung in Tschechien wieder an Tempo eingebüßt. Im 1. Halbjahr 2021 liefen nach Auskunft des Verbandes der Automobilindustrie AutoSAP gut 663.000 Pkw von den Bändern der drei Hersteller Škoda, Hyundai und Toyota. Das war ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum, aber ein Zehntel weniger als vor Corona.

Stop and Go durch Halbleitermangel

Es ist die weltweite Knappheit an Halbleitern, die die Branche seit Jahresbeginn in Atem hält, zu Unterbrechungen und weniger Schichten führt. Häufig verlassen unfertige Fahrzeuge die Werke und müssen später komplettiert werden, wenn die Komponenten vorliegen. Steigende Preise für Rohstoffe und Materialien sowie der Fachkräftemangel sind weitere Probleme. „Ohne das Chipproblem könnte die Produktion um circa 5 % höher liegen und den Vorkrisenzeiten näher sein“, schätzt Zdeněk Petzl, Geschäftsführer des Branchenverbandes. AutoSAP rechnet 2021 mit einer Produktion von circa 1,3 Millionen Pkw. Das wäre ein Ergebnis zwischen dem von 2019, als es über 1,4 Millionen waren und 2020 mit weniger als 1,2 Millionen Einheiten. 

Unabhängig von den Verzerrungen durch Pandemie und Halbleitermangel hat ein ganz grundsätzlicher Wandel eingesetzt: die unaufhaltsame Abkehr vom Verbrennungsmotor. Für das Autoland Tschechien, seine Kraftfahrzeughersteller und den breiten Zuliefersektor kommt das einem tektonischen Umbruch gleich. Im Rahmen des europäischen Grünen Deals haben sich die Mitgliedstaaten der EU das Ziel gesetzt, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Als Zwischenetappe sollen schon bis 2030 die CO2-Emissionen um mindestens 55 % unter ihr Niveau von 1990 fallen.

Verschärfte Klimaziele machen Druck

Um Nägel mit Köpfen zu machen, hat die Europäische Kommission im Sommer 2021 das Paket „Fit für 55“ vorgestellt. Es soll die Rechtsvorschriften zu Klima, Energie und Verkehr an dieses Ziel anpassen. Für die Autoindustrie lautet der Vorschlag für die Neuflottenproduktion:

  • bis 2030 Senkung der Emissionen von Pkw um 55 %
  • bis 2030 Senkung der Emissionen von Lkw um 50 %
  • ab 2035 nur noch emissionsfreie Neuwagen

Damit ist der Termin für das Auslaufen der Dieselfahrzeuge und Benziner in der EU gesetzt, auf die sich der tschechische Kraftfahrzeugsektor noch vorrangig konzentriert. Verbrennungsmotoren wären danach auf dem gemeinsamen Markt allenfalls für alternative Brennstoffe möglich. Schon 2026 soll der Straßenverkehr in das Emissionshandelssystem einbezogen werden. Das verteuert die Verschmutzung und setzt den Anreiz, umweltfreundlichere Kraftstoffe und Technologien zu nutzen.

Ein Zehntel der Produktion sind Elektroautos

Die Industrie muss sich daher neu definieren und hat begonnen, den Wachstumsmarkt emissionsarmer Antriebe zu ihrem eigenen zu machen. An vorderster Front sind das die Autohersteller selbst. Nach entsprechenden Investitionen werden seit 2020 in Tschechien erste rein batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) produziert. Škoda Auto fertigt im Stammwerk Mladá Boleslav den Enyaq iV, Hyundai in Nošovice den Kona Electric. Im 1. Halbjahr 2021 machte ihr Anteil an der tschechischen Gesamtproduktion 5,3 % aus. Unter Einschluss der Plug-in-Hybride (PHEV) waren es 9,6 %.

Und das ist erst der Anfang. Škoda Auto will bis 2030 mit mindestens drei weiteren rein elektrischen Modellen sein Portfolio erheblich elektrifizieren. Das ist ein wichtiges Signal, da zwei Drittel der in Tschechien gefertigten Pkw aus den Werken von Škoda Auto stammen. Je nachdem, wie sich der Markt entwickelt, plant Tschechiens größter Autobauer, den Anteil vollelektrischer Modelle an seiner Palette in Europa auf 50 bis 70 % auszubauen. Das soll dazu beitragen, die CO2-Emissionen der gefertigten Fahrzeugflotte um mehr als 50 % zu reduzieren. „Mit unserer neuen Next Level-Škoda Strategie 2030 geben wir konkrete Antworten, wie wir Škoda Auto erfolgreich durch den Transformationsprozess steuern und sicherstellen, dass das Unternehmen 2030 noch stärker aufgestellt ist als heute“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Thomas Schäfer. Den Heimatmarkt Tschechien will er zusammen mit Partnern zu einem Elektromobilitäts-Hub entwickeln.

Hoffnung auf eine Gigafactory

In der Wertschöpfungskette elektrischer Mobilität ergeben sich ganz neue Konstellationen. So will der staatliche Energiekonzern ČEZ seine Rolle in dieser Richtung ausbauen und hat dabei ein mögliches Ass im Ärmel. Der Energieversorger bereitet ein Lithiumabbau-Projekt in Cínovec im Erzgebirge vor und könnte sich dadurch nicht nur als Strom-, sondern auch als Lithiumlieferant einbringen.

Ende Juli 2021 unterzeichneten die tschechische Regierung und ČEZ ein Memorandum, welches den Boden für das Projekt einer Batteriezellenproduktion für Elektrofahrzeuge bereiten soll. Sie bezeichneten es als „weiteren Schritt zum Aufbau einer Gigafactory“ und als Voraussetzung für Vereinbarungen mit weiteren möglichen Investoren aus der Auto- oder Batterieindustrie. Das mit einer jährlichen Produktionskapazität von bis zu 40 Gigawattstunden angedachte Vorhaben erfordert eine Investition von 52 Milliarden Kronen (umgerechnet rund 2 Mrd. Euro).

Die Regierung steht mit zwei potenziellen Investoren in Verhandlungen. Einer ist Pressemeldungen zufolge der Volkswagen-Konzern, zu dem Škoda Auto gehört. Im Frühjahr hatte Volkswagen angekündigt, bis 2030 in Europa sechs Batteriezellenwerke für seine Elektroautos bauen zu wollen. Als weiterer Interessent wird der südkoreanische Elektronikkonzern LG gehandelt.

Auch der Zuliefersektor muss sich neu aufstellen

Ein solch strategisches Projekt mit seiner Wertschöpfungskette würde den Übergang der Fahrzeugbranche auf das neue, grüne Niveau unterstützen. Die Größe der tschechischen Autoindustrie ruft geradezu danach. Das Land war nach Angaben des Verbandes der europäischen Automobilhersteller ACEA 2020 drittgrößter Pkw-Hersteller in der EU, da Frankreich unter Corona schwächer abschnitt. Weltweit war es Rang zehn. Kraftfahrzeugproduzenten und Zulieferer leisten fast 10 % der tschechischen Bruttowertschöpfung. Von der Zukunftsfähigkeit der Branche hängt die hochindustrialisierte Volkswirtschaft ab.

Dabei kommt es auch auf den Zuliefersektor an. Die Daten aus dem Vor-Corona-Jahr, in dem die Kraftfahrzeugbranche ihre bislang besten Zahlen vorlegte, zeigen: Von 1,26 Billionen Kronen, die die Kraftfahrzeugindustrie umsetzte (rund 49,2 Mrd. Euro), entfiel mehr als die Hälfte auf die Herstellung von Motoren, Teilen und Zubehör. In der Zulieferdatenbank, die Tschechiens Investitionsförderagentur CzechInvest führt, sind über 900 Unternehmen erfasst.

63.340

produzierte Elektroautos in Tschechien

*1. Halbjahr 2021, inkl. Plug-in-Hybrid

Wasserstoff wird sich zuerst im Verkehr lohnen

Bei der Diversifizierung und als Chance für innovative Unternehmen kommt neben der Elektromobilität auch der Energieträger Wasserstoff ins Spiel. Die Wasserstoffstrategie der Tschechischen Republik sieht die Vorteile einer möglichen Produktion von Wasserstofffahrzeugen und Komponenten für die Transformation der Kraftfahrzeugindustrie. Sie geht davon aus, dass Wasserstoff sich zuerst im Verkehr als wettbewerbsfähige Alternative zu fossilen Treibstoffen rechnen wird, was etwa 2027 eintreten dürfte. Früher kann es dort der Fall sein, wo Wasserstoff in der Nähe seiner Produktionsstätte getankt werden kann, so dass die Transportkosten entfallen.

Um Produktion und Nachfrage möglichst effizient aufeinander abzustimmen, wird bei der Entwicklung des Wasserstoffverkehrs zunächst eine Unterstützung in den Segmenten Ferngüterverkehr, Eisenbahn und städtische Busverkehre angestrebt. Potenzial sieht die Strategie auch im individuellen Personentransport, bei innerbetrieblichen Transporten und kommunalen Fahrzeugen.

Erste Wasserstoff-Tankstellen im Aufbau

Noch 2021 könnte Wasserstoff in Tschechien erstmals öffentlich getankt werden. Die zum polnischen Mineralölkonzern PKN Orlen gehörende Gruppe Orlen Unipetrol baut mit EU-Hilfen Wasserstofftankstellen in sechs tschechischen Städten auf und arbeitet an einer H2-Wertschöpfungskette in Mitteleuropa. Geplant sind in Tschechien 22 weitere Tankstellen und eine Produktion grünen Wasserstoffs, der im Verkehrssektor zum Einsatz kommen soll. Aktuell ist Orlen Unipetrol Tschechiens größter Hersteller von grauem, das heißt aus fossilen Brennstoffen gewonnenem Wasserstoff.

Als größtes Hindernis für eine rasche Durchsetzung der Wasserstoffmobilität nennt die Strategie die hohen Kosten für Brennstoffzellenfahrzeuge und die fehlende Infrastruktur.

EU-Fördermittel finanzieren saubere Autos und Ladestationen

Obwohl die Elektromobilität einen Schritt weiter ist, ist auch sie wegen dieser beiden Faktoren – Kosten und Infrastruktur – bei tschechischen Unternehmen und Bürgern noch nicht richtig angekommen. Hier sollen frische Mittel aus verschiedenen EU-Fonds Anreize setzen. Als erstes dürfte der Nationale Aufbauplan Gelder für Projekte zur Elektro- und Wasserstoffmobilität bereitstellen. Er speist sich aus der Aufbau- und Resilienzfazilität des Programm NextGenerationEU. Nach dem grünen Licht der EU-Kommission erhielt Tschechien für seinen Plan Anfang September auch die Zustimmung der EU-Finanzminister. Das setzte die erste Tranche frei.

Für die Entwicklung einer sauberen Mobilität sind im Aufbauplan bis 2026 rund 192 Millionen Euro eingeplant. Da die Mittel an Reformen gebunden sind, hat eine Novelle der öffentlichen Beschaffungsregeln ergänzend Quoten für emissionsfreie Fahrzeuge eingeführt. Mit den Aufbaugeldern will Tschechien unter anderem den Kauf von mehr als 5.000 sauberen Fahrzeugen und 4.500 elektrischen Ladestationen unterstützen. Neben der öffentlichen Hand kommen Unternehmen zum Zuge. Speziell Ladevorrichtungen und dazugehörige Ausrüstungen unterstützt der Plan auch über das neue Gebäudeenergieeffizienz-Programm Nová zelená úsporám.

Die nationalen Ziele sind ehrgeizig: Bis 2030 will Tschechien 220.000 bis 300.000 Elektrofahrzeuge auf seinen Straßen haben (darunter 800 bis 1.200 Elektrobusse). Hinzu kommen 40.000 bis 50.000 Wasserstofffahrzeuge (800 bis 900 Busse). Um das Ruder in diese Richtung zu lenken, sollen weitere 625 Millionen Euro an Kohäsionsfondsmitteln für den Aufbau von Ladestationen und den Einkauf von Elektrofahrzeugen durch Unternehmen und den öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden. Das ist nicht neu. Schon bisher basierten Tschechiens Subventionen alternativer Antriebe auf EU-Fördermitteln und richteten sich an Firmen, Kommunen und Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs.

Systematische Hilfen erwünscht

Die Autohersteller wünschen sich mehr als das, um den Markt zu zünden. Der Verband der Autoimporteure SDA hat die Regierung im Sommer aufgefordert, den ökologischen Verkehr aktiver zu unterstützen. Tschechien liege bei der Anmeldung emissionsarmer Autos und mit einem im Schnitt über 15 Jahre alten Fahrzeugbestand weit hinter anderen Ländern. Obwohl die Registrierung von neuen Elektrowagen zunimmt, betrug ihr Anteil bei den Neuanmeldungen 2020 erst 2,6 %. Im EU-Durchschnitt sind es SDA zufolge 11,4 %.

Der Verband schlägt vor, den Kauf von neuen emissionsarmen Fahrzeugen zwei Jahre lang zu subventionieren – mit 200.000 Kronen (nicht ganz 8.000 Euro) für BEV und Wasserstoffautos sowie der Hälfte für PHEV. Auch soll die steuerliche Belastung für Arbeitnehmer gesenkt werden, die im Fall der privaten Nutzung eines elektrischen Dienstwagens höher ist als bei einem Diesel oder Benzin tankenden. Bestehende finanzielle Vorteile (kostenloses Parken in Städten wie Prag oder Ostrava, Befreiung von der Maut, Nachlass bei der Straßensteuer) reichten als Motivation weder für Privat- noch Firmenkunden aus.

Tschechiens Wasserstoffstrategie als Chance für die Industrie

Die tschechische Regierung hat am 26. Juli 2021 eine Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. „Es wird eine geförderte Branche sein, mit dem Ziel, Wasserstofftechnologien in Industrie, Energiewirtschaft und Verkehr zu bringen“, erklärte Vizepremier und Industrieminister Karel Havlíček, dessen Ressort für das Dokument verantwortlich zeichnet. Förderung kommt aus verschiedenen Programmen, die aus EU-Fonds oder nationalen Mitteln finanziert werden.

Die Strategie beruht auf vier Säulen: 1. Herstellung, 2. Nutzung von kohlenstoffarmem Wasserstoff, 3. Wasserstofftransport, 4. Technologieentwicklung.

Bei der Wasserstoffproduktion setzt Tschechien nicht nur auf erneuerbare Energien, sondern auch andere alternative Quellen: Erdgas mit Auffangen und Bearbeitung des entstandenen Kohlenstoffdioxids (CO2); Pyrolyse und Plasmavergasung von organischen Abfällen; Elektrizität oder Wärme aus Atomkraftwerken.

Zum Einsatz kommen soll Wasserstoff zu Beginn im Verkehr, aber auch in der Chemie. Mit sinkenden Preisen dürfte er dann für die Energiewirtschaft und andere Industriebetriebe lohnend werden.

Der Bedarf der Wirtschaft an CO2-armem Wasserstoff wird im Jahr 2050 auf 1,7 Millionen Tonnen geschätzt. Die Strategie rechnet nicht damit, dass dies aus nationaler Produktion zu leisten ist, was Importe nötig macht. Die Vorbereitung der Gasleitungen auf den Wasserstofftransport gelten als essenziell – auch um Tschechiens Stellung als Transitland zu sichern.

Bei Forschung und Entwicklung geht es um Komponenten für Wasserstofffahrzeuge und -infrastrukturen, um Fahrzeuge (Busse, Lkw, Pkw) und Anlagen zur Erzeugung (Elektrolyse, Pyrolyse). Daraus ergeben sich auch Chancen für eine Diversifizierung des stark auf den Kraftfahrzeugbau fokussierten verarbeitenden Gewerbes.

Text: Miriam Neubert, Germany Trade & Invest

Fotos: Škoda Auto

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