Erfolgreiche Symbiose von David und Goliath

Von Gerit Schulze, Germany Trade and Invest

Mit kaum einer anderen Volkswirtschaft hat Deutschland so dynamische Handelsbeziehungen wie mit der Tschechischen Republik. Seit 25 Jahren stehen die Zeichen auf Wachstum, der Warenaustausch zwischen beiden Ländern hat in dieser Zeit um das 12fache zugelegt. Deutsche Unternehmen sichern hunderttausende Arbeitskräfte. Umgekehrt investieren immer mehr tschechische Firmen in Europas größter Volkswirtschaft. Bei Zukunftsthemen wie Industrie 4.0, Digitalisierung und Smart City arbeiten die beiden Nachbarländer eng zusammen.

Als die tschechoslowakische Regierung 1990 den Verkauf des Autobauers Škoda vorbereitete, lästerte das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel noch: „Materialmangel ist ein vertrautes Phänomen“ in der Fabrik, seit Jahren arbeite Škoda mit Verlust. In Westeuropa seien die Pkw nur verkäuflich, „weil der Wagen billiger angeboten als hergestellt wird.“ Als Fazit zitierte das Blatt einen Aufsichtsrat von Volkswagen: „Wir lassen uns da auf ein äußerst gefährliches Spiel ein.“

Wer heute in die Škoda-Bilanz schaut, kann über diese Skepsis nur schmunzeln. Der böhmische Fahrzeugbauer ist zum Vorzeigeprojekt für die deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen geworden. Über 1,2 Millionen Fahrzeuge mit dem bekannten Flügelpfeil wurden 2017 ausgeliefert – so viele wie nie zuvor in einem Jahr. Allein in Deutschland wurden im Vorjahr 173.000 Škoda-Pkw verkauft, also etwa so viel wie das Kombinat 1990 insgesamt produzierte.

Nicht nur für Volkswagen erwies sich der frühe Blick über die Gipfel des Böhmerwaldes als goldrichtig. Gerade für mittelständische Unternehmen war Tschechien in den 1990er Jahren die Rettung, um personalintensive Produktionsteile zu verlagern und so entscheidende Kostenvorteile für die einsetzende Globalisierung zu erlangen. Das hielt die Firmen international wettbewerbsfähig – und sorgte von Cheb bis Třinec für Arbeitsplätze. Die waren dringend nötig, als die überdimensionierten Kombinate auf Normalmaß schrumpften, Kohlegruben geschlossen wurden und Absatzmärkte in den RGW-Staaten wegbrachen.

Seit neun Jahren Handelsüberschuss mit Deutschland

Kein anderes Land in Europa ist heute so eng mit Deutschland verflochten wie Tschechien. Seit neun Jahren erzielt die kleine Volkswirtschaft im bilateralen Handel einen Positivsaldo, der nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) 2017 den Rekordwert von 4,6 Milliarden Euro erreichte. Insgesamt ist das Handelsvolumen mit Deutschland in den vergangenen 25 Jahren um mehr als das 12fache gestiegen: von 7,2 Milliarden Euro (1993) auf 88 Milliarden Euro (2017).

Für die großen Volumina sorgt in erster Linie die Autoindustrie mit ihrem weitverzweigten Zulieferernetz, die zwischen den deutschen Mutterwerken und den tschechischen Filialen enorme Warenmengen hin- und herschickt.

Doch im Alltag der Tschechen sind andere deutsche Marken allgegenwärtig. Wenn jeden Monat über 400.000 Bürger ihre Kassenbons bei der staatlichen Quittungslotterie registrieren, dann wickelt der Paderborner IT-Dienstleister Diebold Nixdorf diese Datenmengen ab. Beim Einkauf kommen die Böhmen und Mährer kaum an deutschen Supermärkten vorbei, denn die Schwarz-Gruppe und der Rewe-Konzern sind die beiden größten Handelsunternehmen im Land. Zusammen mit dem saarländischen Warenhausbetreiber Globus teilen sie sich etwa ein Sechstel der tschechischen Einzelhandelsumsätze. Die Drogeriemärkte dm und Rossmann, Obi- und Hornbach- Baumärkte oder der Textildiscounter Kik sind flächendeckend zwischen Plzeň und Ostrava vertreten.

Ein Glücksfall war der günstige Produktionsstandort vor der Haustür für die deutsche Spielzeugindustrie. Ravensburger, Simba-Dickie, Bruder und Playmobil sind heute mit eigenen Fertigungsstätten oder Logistikzentren in Tschechien vertreten und können so preislich wieder mit asiatischen Wettbewerbern konkurrieren.

Logistikbranche flächendeckend vertreten

Da viele deutsche Unternehmen ihre Logistiker mitgebracht haben, ist auch die deutsche Transport- und Lagerwirtschaft sehr aktiv. Von DHL über Schenker, von Geis bis zur Deutschen Bahn sind die Branchengrößen vor Ort vertreten. Ohne die tschechischen Logistikstandorte würde ein Teil des Onlinehandels in Deutschland zusammenbrechen. Amazon, Tchibo oder die Drogeriekette dm organisieren ihre Internetverkäufe an Standorten jenseits des Erzgebirges.

Der Hamburger Hafen ist für Tschechien das wichtigste Tor zu den Überseemärkten. Rund drei Millionen Tonnen Güter lässt es in der Hansestadt jährlich umschlagen. Vor allem der Import von Elektronik, Chemieerzeugnissen, Maschinen und Brennstoffen läuft über den Elbhafen. Umgekehrt verschifft Tschechien Autos, Kfz-Teile und Ausrüstungen über Hamburg in alle Welt. Jede Woche sind hundert Containerzüge zwischen der norddeutschen Millionenstadt und den Umschlagterminals in Tschechien und der Slowakei unterwegs und befördern fast eine halbe Million Container pro Jahr. Damit ist Tschechien für den Hamburger Hafen einer der wichtigsten Märkte in Mitteleuropa.

Längst laufen die Waren- und Kapitalströme erfolgreich in beide Richtungen. Chemnitz hat nagelneue Straßenbahnen in Plzen bestellt, in Dresden und Berlin stillt die Prager Fastfoodkette Bageterie Boulevard den Hunger der Einheimischen, in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier sichert Tschechiens Energiekonzern EPH tausende Jobs in der Braunkohleindustrie. Der halbstaatliche Stromriese ČEZ betreibt Windparks in Rheinland-Pfalz, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern und versorgt rund 100.000 deutsche Haushalte mit grüner Elektrizität. Creative Dock, ein Prager Inkubator für innovative Startups, unterstützt seit 2016 auch deutsche Jungunternehmen in München. Agrofert hat die Bäckereikette Lieken und die Stickstoffwerke Piesteritz übernommen. Der mittelböhmische Hersteller von Krankenhausbetten, Linet, fusionierte mit dem Wettbewerber Wissner-Bosserhoff und setzt in Deutschland ein Viertel seiner Produktion ab.

Tschechien profitiert seit Beginn der Transformationsphase von seiner Lage und der 817 Kilometer langen Grenze mit Sachsen und Bayern. Es punktet aber auch mit seiner Industrietradition, dem starken Maschinenbau und der Automobilbranche. Denn deutsche Unternehmen kaufen im EU-Ausland bevorzugt Produktionsausrüstungen und Vorleistungsgüter für den Fahrzeugbau ein. Und genau bei diesen Produkten hat Tschechien eine herausragende Position.

Deutsche Importe sorgen für 8 % der Wertschöpfung

Deshalb geht rund ein Drittel der Ausfuhren in die Bundesrepublik. Diese hohe Abhängigkeit von nur einem Absatzmarkt ist einmalig in der EU. Doch das Modell funktioniert und bringt erhebliche Vorteile, wie eine aktuelle Studie der Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zeigt. Demnach gewinnt Tschechien wie kein anderes Land durch die deutsche Importnachfrage. Sie sorgt für über 8 % der Bruttowertschöpfung. In Italien oder Frankreich – die viel mehr Waren nach Deutschland liefern – liegt dieser Wert bei unter 2 %; in der Slowakei und in Österreich bei rund 7 %.

Die Studie der Prognos AG hebt besonders den positiven Effekt für den Arbeitsmarkt hervor. Laut der Untersuchung ist fast jeder zehnte Erwerbstätige in Tschechien direkt oder indirekt mit der Produktion von Gütern beschäftigt, die nach Deutschland exportiert werden. Damit sichert die deutsche Importnachfrage 490.000 Arbeitsplätze.

Wenn Deutschlands Wirtschaft wächst, dann legt Tschechiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Regel doppelt so schnell zu. Das zeigen die Daten für die letzten 25 Jahre. Das deutsche BIP ist in dieser Zeit mit durchschnittlich 1,4 % pro Jahr gewachsen, das tschechische mit 2,7 %. Wenn Deutschlands Wirtschaft in die Knie geht – wie während der Finanzkrise 2009 – dann taucht auch Tschechiens Bruttoinlandsprodukt ab.

Deshalb ruft die hohe Abhängigkeit von der deutschen Konjunkturkurve in Prag zuweilen Unmut und Sorge hervor. Die Tageszeitung Lidové noviny bezeichnete Tschechien angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtung schon einmal als „17. Bundesland“. Mit diplomatischen Wirtschaftsmissionen in aufstrebende Länder und einem Ausbau der Auslandsbüros von CzechTrade versucht die Regierung, den Anteil Deutschlands am Außenhandel zu verringern. Bislang allerdings mit wenig Erfolg, weil vermeintliche Wachstumsmärkte wie Russland, China oder Indien den deutschen Lieferanten und Kunden kaum Marktanteile abnehmen konnten.

Enge Verflechtung begünstigt die Wettbewerbsfähigkeit

Die Wirtschaftsforscher der Prognos AG raten daher zur Gelassenheit. Die Ergebnisse ihrer Studie zeigten, „dass von einer wettbewerbsfähigen und wachstumsstarken deutschen Industrie keine Nachteile für die EU-Partnerstaaten ausgehen.“ Im Gegenteil: die östlichen Nachbarländer profitierten dank ihrer engen Handelsverflechtung von einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland.

Dabei waren Tschechiens Startbedingungen in die Marktwirtschaft nicht ideal. Der Privatsektor war im Sozialismus nahezu vollständig verdrängt worden und hatte einen Anteil von unter 4 % an der Wirtschaftsleistung. Der Außenhandel konzentrierte sich auf die Ostblockstaaten, die Anfang der 1990er Jahre vor dem ökonomischen Zusammenbruch standen.

Trotzdem hatte die Tschechoslowakei im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten einige Vorteile. So war der Konsumgütermarkt intakt und die Wirtschaft nicht einseitig auf die Schwerindustrie ausgerichtet. Auch der Dienstleistungssektor war relativ stark. In Prag setzten sich die Vertreter der Schocktherapie für den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft durch. Das bedeutete eine schnelle Privatisierung mittels Vouchern statt langwieriger Umstrukturierungen der Unternehmen. Die Bürger konnten für 1.000 Kronen Kuponhefte erwerben und wurden so zu Aktionären der einst volkseigenen Betriebe. Vier von fünf Tschechen nahmen an dieser Form der Privatisierung teil.

Zugleich hatte die Bevölkerung die Hauptlast der Reformagenda zu schultern. Denn um die Inflation im Zaum zu halten, wurden die Staatsausgaben stark begrenzt. Die Reformer ließen die Krone abwerten, gaben die Preise frei und hielten die Löhne niedrig. Bis heute liegt das Lohnniveau in Tschechien trotz Daueraufschwung nominal erst bei einem Drittel des deutschen Vergleichswertes. Gerechnet in Kaufkraftparitäten ist der Unterschied aber bereits geringer. Nach dieser Berechnungsmethode verdienen tschechische Beschäftigte laut OECD bereits halb so viel wie Arbeitskräfte in Deutschland (23.700 US-Dollar gegenüber 46.400 US-Dollar im Jahr 2016).

Schocktherapie beim Start in die Marktwirtschaft

Wichtig für den schwunghaften Anstieg des Warenverkehrs war, dass Prag für Importe keine Beschränkungen verhängte und die heimische Volkswirtschaft für ausländische Akteure öffnete. Als Prag und Bratislava ab 1993 eigene Wege gingen, hatte Tschechien die schlimmste Phase der Transformation schon hinter sich. Ohnehin war die Wirtschaftsleistung in Böhmen und in Mähren bei weitem nicht so stark geschrumpft wie in anderen Ländern im Osten des Kontinents.

Dazu beigetragen hat sicherlich die Nachbarschaft Deutschlands, das als riesiger Absatzmarkt und Investor wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung in Tschechien nimmt. Für viele kleine und mittelständische deutsche Unternehmen war Tschechien in den 1990er Jahren der erste Auslandsstandort. Häufig begann die Expansion mit einem Vertriebsbüro und mündete dann in eine eigene Produktionsstätte.

Ein Vorteil war, dass die Firmen vor Ort sehr gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem in technischen Berufen fanden. Da die Wirtschaft nie völlig kollabierte, blieben dem Land große Abwanderungswellen der besten Leute erspart. Die Verbundenheit zur heimischen Scholle ist bis heute stark.

Zwar hat sich die Zahl der tschechischen Berufspendler, die täglich zur Arbeit nach Deutschland fahren, nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in den letzten zwei Jahren auf 23.000 verdoppelt. Doch viel mehr Tschechen sind bei deutschen Firmen beschäftigt, die in den letzten 25 Jahren im Land investiert haben. Schätzungen der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer gehen von über 250.000 Arbeitsplätzen aus. Allein die VW-Tochter Škoda Auto beschäftigt rund 32.000 Menschen an den Standorten Mladá Boleslav, Kvasiny und Vrchlabí. Zusammen mit der Staatspost Česká pošta und dem Agrofert-Konzern sind die Wolfsburger der größte Arbeitgeber.

Noch mehr Jobs sichern die Handelskonzerne: Bei Kaufland arbeiten in 120 Verkaufsstellen, zwei Logistikzentren, einer Fleischfabrik und in der Zentrale 18.000 Menschen; bei Lidl in über 230 Supermärkten, vier Logistikkomplexen und in der Verwaltung rund 9.000. Die Rewe-Gruppe kommt mit ihren Formaten Billa und Penny Market auf 13.000 Beschäftigte.

Immer häufiger Investitionen in Forschung und Entwicklung

Doch auch in der Industrie ist die deutsche Wirtschaft stark präsent. Siemens hat in sieben tschechischen Fabriken, sechs Entwicklungszentren sowie im Handel und Service rund 11.000 Beschäftigte. Bei Continental Automotive Czech Republic arbeiten über 9.000 Beschäftigte in sechs Werken und einem Entwicklungszentrum. Mehrere Tausend Arbeitsplätze sichern außerdem Schaeffler und Bosch in Tschechien.

Nach Angaben der Nationalbank ČNB betrug der Bestand deutscher Direktinvestitionen Ende 2016 rund 16,3 Milliarden Euro. Damit war Deutschland mit einem Anteil von 14 % der zweitgrößte Auslandsinvestor. Auf dem ersten Platz liegen die Niederlande, die aufgrund von Steuervorteilen Firmensitz vieler internationaler Holdings und tschechischer Unternehmen sind.

Das Interesse deutscher Investoren lässt auch 25 Jahre nach Staatsgründung nicht nach. Für 2017 gibt die ČNB den Nettozufluss deutscher Direktinvestitionen mit fast 3,7 Milliarden Euro an. Ein Drittel davon waren reinvestierte Gewinne.

Immer häufiger fließen die Investitionen in Forschungseinrichtungen und Entwicklungszentren. Hier ist die Automobilindustrie ebenfalls Vorreiter. Die Fahrzeugbauer sorgen dafür, dass Tschechien beim Thema Industrie 4.0 in der ersten Liga mitspielt. Die Roboterdichte liegt mit 101 installierten Industrieautomaten je 10.000 Beschäftigten deutlich über dem globalen Durchschnitt von 74 (Zahlen für 2016, ermittelt von der International Federation of Robotics). Der dramatische Fachkräftemangel und die schnell steigenden Löhne verstärken den Trend.

Tschechien war 2015 das erste Land, mit dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu Industrie 4.0 vereinbart hatte. Ein Jahr später wurde in Prag ein deutsch-tschechisches Innovationslabor zur Mensch-Roboter-Kollaboration eingerichtet. Dort werden Verfahren zur Prozessoptimierung in Smart Factories und die Produktionsplanung in Echtzeit für Industrie 4.0 entwickelt.

Wachstumspotenziale bei smarten Zukunftstechnologien

Außerdem will die Regierung Tschechien beim Thema Smart Mobility zu einem führenden Standort machen. Dafür wurde ein Aktionsplan mit dem Branchenverband AutoSAP geschlossen. BMW plant bei Sokolov eine Teststrecke für selbstfahrende Autos samt Forschungsabteilung. Škoda hat mit seiner Strategy 2025 die Themen Elektromobilität, autonomes Fahren und Digitalisierung in den Fokus gerückt.

Wachstumspotenziale für die deutsch-tschechische Kooperation bieten die technologische Aufwertung der kommunalen Verwaltung (Smart City-Konzepte) und die Verbesserung der Energieeffizienz. Bei diesen Themen sind bereits zahlreiche tschechische Startups unterwegs, die gezielt die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen suchen.

Tschechien hat das Image der verlängerten Werkbank erfolgreich abgelegt. In Mittelosteuropa gehört es hinsichtlich der Forschungsausgaben schon jetzt zu den innovativsten Volkswirtschaften. Darüber allerdings hat „Der Spiegel“ noch nicht berichtet.

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