AI-Guru Pěchouček: „Über zwei Milliarden Arbeitsplätze verschwinden.“

Er ist ein internationaler Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Professor an der TU Prag (ČVUT), Leiter des Zentrums für künstliche Intelligenz, Vater mehrerer Startups und neuerdings Chief Technology Officer beim tschechischen Global Player Avast Software. Mit Michal Pechoucek über AI zu sprechen, heißt immer auch den Blick auf das große Ganze zu richten …

Nach dem Hype um Industrie 4.0 erleben wir gerade einen Hype um künstliche Intelligenz. Können Sie uns das erklären? Ist das Marketing oder etwas Reales? Kleinere und mittlere Unternehmen verlieren da die Orientierung …   

Hinter der künstlichen Intelligenz steckt sicher ein gewisser Hype. Sie ist zu einem Buzzword geworden, das etliche Leute benutzen, manchmal auch viel zu oft. Möglicherweise entstehen dann zu hohe Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Verglichen mit anderen Buzzwords wie Industrie 4.0 ist die künstliche Intelligenz aber als Wissenschaftsgebiet schon über 50, vielleicht auch 100 Jahre alt. Und ihr technologisches Backend entwickelt sich ständig weiter. An dem, was wir heute sehen und erleben, haben Forscher mehrere Jahrzehnte gearbeitet. Ein Beispiel ist die Gesichtserkennung: Die umstrittenste Technologie unserer Zeit konnte nur dadurch entstehen, weil sich Wissenschaftler 30 Jahre lang damit beschäftigt und sie immer wieder verbessert haben. Künstliche Intelligenz ist keine aktuelle Marketing-Erfindung, sondern das Ergebnis langer wissenschaftlicher Arbeit.

Was ist die wichtigste Aufgabe, die größte Herausforderung der künstlichen Intelligenz?

Wissenschaftler und Startups arbeiten im Bereich der künstlichen Intelligenz meistens mit Ergebnissen, die frei verfügbar sind und nur selten patentiert werden. Früher galt das Sammeln von Daten als wichtigste Aufgabe. Meiner Ansicht nach werden die Technologien dazu aber schon bald zur Handelsware und die Daten einfach verfügbar sein. Die Herausforderung ist, die Anwendungsmöglichkeiten für künstliche Intelligenz zu erkennen. Daran müssen Technologen und andere Wissenschaftler arbeiten – zusammen mit der Industrie. Die Praktiker aus der Industrie, die heute an etwas „basteln“, sind für die künstliche Intelligenz wegweisende „Gatekeeper“. Ohne sie wird die Weiterentwicklung nicht funktionieren. Startuper aus Stanford, die etwas in der Industrie bewegen wollen, kommen nicht ohne die Leute aus, die sich seit 40 Jahren mit Anwendungsfällen beschäftigen. Diese Zusammenarbeit ist für mich die größte Herausforderung, denn diese Anwendungsspezialisten in der Industrie sind skeptisch, machen sich Sorgen. Viele von ihnen wollen nicht von künstlicher Intelligenz ersetzt werden.

Droht ihnen das denn wirklich?

Aber sicher. Jeder zweite Arbeitsplatz wird wegfallen. Insgesamt werden über zwei Milliarden Arbeitsplätze verschwinden. Davon betroffen sind nicht nur manuelle, sondern vor allem intellektuelle Arbeiten, die eintönig sind und sich wiederholen. Und davon gibt es viele in der Industrie. Auf der anderen Seite wird es mehr kreative Jobs geben. Doch leider ist nicht jeder an einer kreativen Arbeit interessiert.  

Unserer Erfahrung nach sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU) für digitale Prozesse und künstliche Intelligenz schwer zu gewinnen. Werden wir in der Industrie bald nur noch Großunternehmen und Startups antreffen?

Der KMU-Sektor ist riesig – der wird nicht verschwinden. Wir müssen diesen Unternehmen besser erklären, wie die Zukunft aussehen könnte und sie darauf vorbereiten, damit sie den Zug nicht verpassen. Beim digitalen Wandel geht es darum, wer auf den Zug aufspringen kann und wer nicht mehr. Meiner Meinung nach herrscht zum Beispiel in der Automobilindustrie ein großer Nachholbedarf. Andere Länder unternehmen in Sachen Automatisierung und künstlicher Intelligenz mehr als wir.

Das Business in einigen Branchen und Prozessen wird teilweise von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Wird das auch auf die Cyber-Sicherheit zutreffen?

Ja. Künstliche Intelligenz steigert die Effizienz, automatisiert die Arbeit. Computer-Hacker sind eigentlich eine kostspielige Angelegenheit. Es gibt nicht allzu viele von ihnen, und sie sind gefragt. Sie müssen also ihre Effizienz steigern, also mehr Angriffe mit weniger Hackern ausführen. Und genau das macht die künstliche Intelligenz. Schon heute skaliert künstliche Intelligenz einen Angriff und erhöht dessen Wirkungsgrad. Dasselbe erleben wir bei der Abwehr solcher Cyber-Attacken. Auch dort führt der Einsatz von künstlicher Intelligenz zu mehr Effizienz, weil sie die Methoden der Automatisierung anwendet.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität? Was passiert mit dem Auto, das ebenfalls von künstlicher Intelligenz gesteuert wird? Bedeutet das im Grunde nicht den „Tod“ des klassischen Automobils?

Das Auto, wie wir es heute kennen, wird nicht überleben. Es wird sich weder als Statussymbol noch als Hobby halten können. Werte ändern sich. Technologie ist die eine Sache. Die andere Sache aber ist, wie die nachfolgende Generation über Mobilität denkt. In Großstädten in den USA, Europa, der Schweiz, Deutschland oder Norwegen nutzen junge Menschen bereits andere Verkehrsmittel und kaufen kein Auto. Ein Auto nervt da eher. Wer heute auf die Automobil-Industrie setzt, so wie wir sie kennen, der ist in zehn Jahren raus aus dem Geschäft.

Das wird gerade für Deutschland, Tschechien und die Slowakei enorme wirtschaftliche Auswirkungen haben …

Ja. Und es ist ein Fehler der tschechischen Politik, dass sie uns darauf nicht genügend vorbereitet. Ich halte es für den größten sozioökonomischen Wandel der letzten 30 Jahre. Das kann unser Land völlig verändern.

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Lenka Šolcová