„Dort sind sie hungriger als hier“

Können tschechische Ingenieure auch künftig im internationalen Umfeld bestehen?

MBtech Bohemia, Teil der globalen Gruppe AKKA Technologies, ist seit 1996 als Dienstleister und Entwickler in der Fahrzeug- und Motorenkonstruktion auf dem tschechischen Markt und ursprünglich eine 100%-ige Daimler-Tochter. Heute entwickeln sie für Dutzende weitere Unternehmen in der Mobilitätsbranche. Das Business brummt, doch COO Martin Novotný sieht erhebliche Defizite bei den Soft-Skills der Ingenieure, die die Zukunft des Investitionsstandortes gefährden.

Mehrere Male haben Sie die Auszeichnung „Arbeitgeber des Jahres“ bzw. „der Region“ gewonnen, zuletzt 2018. Wofür?

Das bedeutet mir sehr viel. Früher dachte ich, dass eine Jury sagt: Ah, die sind sympathisch, die Firma sieht gut aus und hat einen guten Namen. Nein, dahinter steht eine PWC-Methodik, die viele Zahlen berücksichtigt wie Investitionen in die Ausbildung der Mitarbeiter, Schulungstage usw. und alles im Verhältnis zur Größe. 2018 war für uns eine Herausforderung, weil wir gewachsen und in eine neue Kategorie aufgestiegen sind. Aber wir haben trotzdem sofort gewonnen.

Was haben die Mitarbeiter, die Sie suchen, für ein Profil?

Ich lege einen großen Wert auf Diversität. Nicht nur bei den Unternehmen und internationalen Partnern. Wir sind breit vertreten entlang der gesamten Entwicklungskette. Bei uns arbeiten mechanische Ingenieure aus verschiedenen Gebieten, Leute mit elektrotechnischer Ausbildung oder Programmierer und Developer. Wir decken alle Fakultäten ab.

In welchem Segment gibt es das größte Problem Leute zu bekommen?

An mechanische Entwickler und Konstrukteure kommen wir momentan gut ran. Aber aktuell suchen wir verstärkt Leute mit IT/Elektronik-Erfahrung. Vor allem da ist der Markt unheimlich umkämpft, auch wenn wir spannende Projekte zu bieten haben mit Fahrzeugen, die erst in 3-5 Jahren auf die Welt kommen. Aber die Progammierer sind sehr wählerisch geworden.

Schon vor fünf Jahren hieß es in diesem Magazin seitens MBtech, „dass gerade die sprachliche Qualifikation immer weniger den Anforderungen einer internationalen Industrie gerecht wird“. Geht es dabei um Deutsch oder Englisch?

Die meisten Projekte kommen von deutschen Unternehmen, und das ist auch die DNA unserer Firma. Viele können wir innerhalb weniger Stunden mit dem Auto erreichen. Wenn man uns vorort braucht – in der Werkstatt oder zu einer Besprechung bei der Prototypenentwicklung – dann sind wir flexibel. Deswegen spielt die deutsche Sprache weiterhin eine sehr wichtige Rolle, damit man beim Kunden richtig aufgenommen und integriert wird.

„Einen tschechischen Techniker aus der Balance bringen“

Was muss ein Ingenieur in einem internationalen Unternehmen in der Zusammenarbeit mit internen und externen Partnern heute können?

Er muss natürlich ein guter Techniker sein. Aber heutzutage reicht das einfach nicht mehr. Unsere Kunden müssen spüren, dass wir sie und ihre Projekte wirklich wollen, dass sie bei uns sehr gut aufgehoben sind. Heute muss ein Techniker – egal auf welchem Niveau, ob Junior oder Senior – über seine Arbeit sprechen können. In Deutschland sagt man: Tue Gutes und rede darüber. Und das ist essentiell für die Zukunft der technischen Berufe in Tschechien.

Das Problem sind also die Kommunikations- und Präsentationsskills?

Richtig, aber es geht nicht nur um Präsentationen vor einer größeren Gruppe. Ein Ingenieur präsentiert sich auch in normalen Tagessituationen, in jedem Gespräch, in jedem Telefonat, in der Werkstatt. Und natürlich auch in einem Konkurrenzumfeld, wenn der Kunde noch nicht ganz überzeugt ist, oder wenn einer im Team befürchtet, dass der tschechische Kollege die Arbeit nicht so gut macht. In diesen Situationen kann man einen tschechischen Techniker relativ leicht aus der Balance bringen. Es fehlen die Soft-Skills, die Fähigkeit zu argumentieren ohne sich gleich zu streiten oder – noch schlimmer – zu schweigen. Ich bin seit 20 Jahren mit deutschen Unternehmen in Kontakt. Da will man gleich an die Sache ran, und meine Erfahrung ist, dass man mit engangierten Diskussionen das Beste herausholen kann.

Das Business-Umfeld hat sich seit den 1990ern internationalisiert, aber bei den Soft-Skills scheint die Zeit etwas stehen geblieben zu sein. Wie kommt das?

Die Ursache dafür ist die Komfortzone. Es geht uns sehr gut, sogar zu gut und das schon zu lange. Es ist ein schleichender Prozess. Aus einer Komfortzone heraus zu kommen, das ist eine Kunst und erfordert viel Selbstbeherrschung. Ein Beispiel: Als ich angefangen habe in der Firma, bin ich 10 Stunden zum Kunden nach Deutschland gefahren. Wir saßen zu fünft im Škoda Fabia, es gab damals keine Autobahn, dafür aber Grenzübergänge. Heutzutage erreichen wir den Kunden in vier Stunden und trotzdem haben viele ein Problem einzusteigen und hinzufahren. Nach dem Motto: Wir sind doch hier und wir sind gut, sollen sie doch kommen. Das betrifft auch die Bereitschaft etwas Neues zu lernen. Wenn ich nur das mache, was ich schon kann, ist das der Weg in die Komfortzone.

An welchem Punkt in der schulischen Ausbildung in Tschechien hapert es bei den Soft-Skills?

Es fängt schon in der Grundschule an. Mit einfachen Methoden kann man Präsentation und Argumentation schon ab der 1. oder 2. Klasse trainieren. Die Kinder müssen lernen Feedback zu geben und auch zu fordern. Viele Leute sind aber schnell beleidigt, sobald ihnen jemand eine Rückmeldung gibt. Wenn man falsch beginnt in der Grundschule, kann man den Moment schnell verpassen. Aber die Lehrer haben langsam gemerkt, wie wichtig das ist, es bessert sich.

„Feedback geben und auch fordern“

Ist das ein tschechisches Problem?

Ich hab zumindest das Gefühl, dass die Welt um uns herum sich schneller entwickelt. Wir haben auch Niederlassungen in Rumänien, und in Moldawien war ich auch mal an der Universität. Die Kinder, die Schüler, die Studenten dort sind hungriger als hier. Und das gibt mir zu denken. Technisch sind sie dort mittlerweile auch vergleichbar mit uns.

Ihre Prognose: Wenn sich nichts bessert, was passiert dann in 5-10 Jahren?

Dann kann es sein, dass keiner mehr den tschechischen Techniker haben möchte. Das wäre das kritischste Szenario. Ein schlechtes Gefühl habe ich auch bei der Gehaltsspirale, die hat nichts mit steigender Effizienz zu tun. Wir schießen uns selbst in den Rücken, wenn wir jedes Jahr die Gehälter um 10% erhöhen. Ich überlege immer intensiver, wie man das alles ausbalanciert. Und ich weiß eben, dass hinter den Grenzen andere, hungrige Techniker warten. Was das Know-how angeht, da halten wir auf jeden Fall Schritt. Nur auf die Komfortzone müssen wir aufpassen, damit wir nicht zu träge werden.

Interview: Christian Rühmkorf

Foto: Jaromír Zubák