HOME OFFICE = Ende der Unternehmenskultur? (Teil 2)

Petr Jahoda, General Manager logistic Services, Sony DADC Czech Republic

Das Home-office zerstört etablierte Prinzipien der unter-nehmenskultur, vor allem in Büro-Positionen. Meine Beobachtungen:

1. Früher gehörte das Home-office zu den Benefits, heute ist es oft ein eigener Arbeitsplatz im Büro.
2. Für viele ist es schwierig, sich jeden Tag voll ihrer Arbeit zu widmen, vor allem wenn sie länger im Home-Office arbeiten. Oft vermissen die Mitarbeiter sogar die Kontrolle durch Kollegen oder den Vorgesetzten.
3. Früher waren die meisten kurz nach acht am Arbeitsplatz. Beim Home-Office vergewissere ich mich lieber vorher, ob ich „schon“ um neun anrufen kann.
4. Konferenzgespräche klingen nicht so förmlich wie früher – weil wir uns abseits davon nicht mehr ungezwungen mit Kollegen unterhalten können.
5. Je länger wir zuhause arbeiten, umso weniger sind wir bereit, uns für die Arbeit zurechtzumachen: nach dem Business- kommt das Polohemd und irgendwann der Schlabberpulli.

Pavel Přikryl, co-founder Opero

Die Pandemie wird abklingen, aber einige Lehren bleiben. Eine davon wird sein, wie wir auf die Büroarbeit blicken. Die meisten Firmen haben bereits herausgefunden, dass es möglich ist, in hybriden Teams zu arbeiten. Aber jetzt beginnen sie zu verstehen, dass Home-Office keine Dauerlösung ist. Der persönliche Kontakt ist für die Kreativität im Team unabdingbar, ebenso für das Lernen von Kollegen, für neue Ideen, die sich aus spontanen Interaktionen ergeben, und für den Erhalt der Unternehmenskultur. Trotz der Pläne einiger Firmen wie Twitter oder Facebook wird das Home-Office nicht zum Standard. Unternehmen werden ihren Mitarbeitern gestatten, freier zu arbeiten – ihnen auch die Wahl zwischen Büro, Coworking und Home-Office überlassen. Gleichzeitig aber werden sie Interesse an einer persönlichen Interaktion der Mitarbeiter haben, auch wenn diese nur einen Teil der Arbeitszeit ausmacht.

Hedvika Holá, Personaldirektorin ING

Unser „Orange Code“ lebt weiter, auch wenn wir im Home-Office arbeiten. Es hilft uns, dass wir schon vor der Pandemie ein eingeschweißtes Team waren und viel Zeit in die Unternehmenskultur investieren. Wir haben die Art der Kommunikation geändert. Sie läuft jetzt schnell ab, kommt viel häufiger vor, ist kürzer und informell. Einmal in der Woche verschicken wir Info-Mails an alle Mitarbeiter, unser CEO drehte wöchentliche Videos, wir haben neue Nachrichten-Formate im Intranet. Während der Pandemie haben wir das Programm #WeAreING ins Leben gerufen. Es soll dabei helfen, Körper und Geist fit zu halten. Außerdem bleibt darüber der Kontakt zur Firma bestehen. Unsere Botschaft lautet: ING sind wir, nicht das Gebäude. Das Büro der Zukunft ist für uns ein Ort der Begegnung und der kreativen Arbeit. Seine Arbeit kann man von jedem Ort aus erledigen, an dem es einem gut geht.

Martin Malo, Direktor Grafton Recruitment & GiGroup

Wir rechnen nicht damit, dass viele Arbeitsplätze entstehen, bei denen ein reines Home-Office möglich ist. Dass die allermeisten Arbeitnehmer im Büro erscheinen, hatte und wird auch weiterhin Sinn haben. In einigen Firmen kann die Arbeit am heimischen Schreibtisch für bestimmte Positionen ausgebaut werden, aber alles in allem kann das nur wenige Prozent der Beschäftigten betreffen. Die Unternehmenskultur wird also in keinster Weise gefährdet. Dennoch müssen ihr die daran beteiligten Abteilungen, allen voran das HR Management, in Zukunft mehr Beachtung schenken. Schließlich gehört die Unternehmenskultur zu den Grundpfeilern des Geschäftserfolgs. Laut einer unserer früheren Umfragen ist knapp die Hälfte (45 %) der tschechischen Firmen der Ansicht, dass sowohl die Atmosphäre am Arbeitsplatz als auch die Betriebskultur ganz entscheidend sind für die Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Titelfoto © pexels-ken-tomita-389818

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