Interview mit Milan Šlachta, Repräsentant Bosch Group CZ & SK

In allen Antriebsarten über Kompetenz verfügen

Mit seiner Automobilsparte, die im Jahr 2019 für 60 % des Konzernumsatzes verantwortlich war, ist die Robert Bosch GmbH der weltweit größte Automobilzulieferer. Und Milan Šlachta ist der erste tschechische Chef – offiziell „Repräsentant“ – der Bosch Gruppe in Tschechien und der Slowakei. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie das Unternehmen den Corona-Lockdown verkraftet hat, wie es mit der Zukunft der Verbrenner und der Stromer aussieht und wo sich im Bereich Mobilität neue Geschäftschancen abzeichnen.

Bosch hat in Tschechien sechs Niederlassungen, davon vier Produktionsstätten und rund 8400 Beschäftigte. Wie hat das Unternehmen den Lockdown gemeistert? Und wie bereiten Sie sich auf die zweite Jahreshälfte vor?

Die erste Phase haben wir erfolgreich hinter uns. Also den Schock zu Beginn der Pandemie und die schnelle Einführung präventiver Maßnahmen. Nun hat Phase zwei begonnen, die ich persönlich für noch anspruchsvoller halte – wir passen uns einer noch immer relativ unsicheren Situation an, vor allem aber bringen wir die Produktion wieder zum Laufen. In der ersten Phase kam die Produktion zwar nicht völlig zum Erliegen, aber die Aufträge und das Geschäft sind eingebrochen. Besonders in der Produktion haben wir das staatliche Hilfsprogramm „Antivirus“ in Anspruch genommen. Ein Teil der Beschäftigten blieb auf Abruf zuhause, und dort, wo es möglich war, haben wir Homeoffice genutzt. Sollte sich das Programm zu einer vollwertigen Version von Kurzarbeit entwickeln, wäre das bestimmt ein Schritt in die richtige Richtung. Im Gegensatz zur Produktion waren andere Geschäftsbereiche sogar relativ erfolgreich, vor allem da, wo der Online-Handel eine Rolle spielt, zum Beispiel Haushaltsgeräte und Elektrowerkzeuge. In den Betrieben nähern wir uns in der zweiten Jahreshälfte allmählich der Leistung des Vorjahres. Die Zahlen aus dem Jahr 2019 werden wir in diesem Jahr aber natürlich nicht erreichen. Wir wägen die Kosten sorgfältig ab und wollen auch weiterhin flexibel auf die Bedürfnisse unserer Kunden reagieren.

Und was hat jetzt aus Ihrer Sicht oberste Priorität?

Wir wollen in Tschechien weiterhin ein wichtiger Importeur und ein gefragter Zulieferer moderner Qualitätsprodukte und Dienstleistungen sein. Ganz wichtig sind die Konnektivität unserer Produkte und die mit ihr verbundenen Geschäftsmodelle. Wenn wir unsere starke Position als bedeutender Arbeitgeber und Exporteur behaupten wollen, müssen sich unsere Produktionsstätten darauf konzentrieren, die Kompetenzen der Mitarbeiter in den modernen Technologien und der Digitalisierung zu steigern. Auch deswegen investieren wir weiter in die Modernisierung unserer Betriebe und den Ausbau der Entwicklungsabteilungen. Die Konkurrenz ist stark – nicht nur extern, sondern auch intern innerhalb der Unternehmensgruppe. Aber wir glauben an uns. Selbst in der aktuellen Situation schaffen wir neue Arbeitsplätze für IT-Experten und Entwickler. Außerdem arbeiten wir an Projekten, die mit der Einführung neuer Technologien und Lösungen auf der Basis von künstlicher Intelligenz zusammenhängen. Ich glaube, dass wir wieder in die Wachstumsphase kommen. Wir dürfen uns nur nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, wir müssen weitermachen. Kompetenz, Digitalisierung und eine höhere Wertschöpfung sind die Schlüsselfaktoren.

Bosch steht bei Mobilitätslösungen mindestens auf zwei Beinen: mit Schlüsselprodukten für den Verbrennungsmotor sowie für die Elektromobilität. In welchem Verhältnis stehen die beiden Geschäftsbereiche prozentual zueinander und wie werden sich beide in den nächsten Jahren entwickeln?

Bosch geht vom Grundsatz der technologischen Neutralität aus. Es gibt keine einzige Antriebstechnik, die universell für alle Verkehrsarten geeignet wäre. Unser Vorteil besteht darin, dass wir in praktisch allen Antriebsarten über Kompetenz verfügen – vom effizienten Verbrennungsmotor über Batterietechnologie bis hin zu Wasserstoff-Brennstoffzellen. Ich werde jetzt keine prozentualen Anteile benennen, aber ich kann sagen, dass der Verbrennungsmotor neben dem Elektroantrieb immer noch seinen Platz hat und der moderne Diesel aufgrund der geringen CO2-Emissionen in vielerlei Hinsicht eine geeignete Antriebsart ist. Ob das auch noch in zwanzig Jahren der Fall sein wird, hängt vor allem davon ab, wie schnell die Entwicklung des Batterie- oder Wasserstoffantriebs voranschreitet. In diesem Zusammenhang spielt auch die Infrastruktur zum Aufladen oder Betanken eine Rolle. Neben den Antrieben befasst sich Bosch auch mit anderen Trends der Mobilität. Das betrifft zum Beispiel Car- und Bike-Sharing, autonomes Fahren und neue Services oder Unterhaltungsangebote während der Fahrt.

„Wir sehen großes Potenzial im Wasserstoff.“


Wo sehen Sie im Bereich der Mobilität noch neue Geschäftschancen?

Wir verfügen über Kompetenzen, die für innovative Konnektivitätslösungen gebraucht werden – Software, Sensoren, Service- und Geschäftsmodelle. Sie basieren auf dem Internet der Dinge. Zu den bekanntesten Aktivitäten von Bosch gehören mit Mercedes-Benz entwickelte Projekte zum autonomen und automatisierten Fahren. Im Gebäude des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart gibt es schon eine Lösung für autonomes Einparken. Sie steigen aus, das Auto findet selbständig einen Parkplatz und parkt ein. Später können Sie das Auto über eine App wieder zu sich rufen. Ein weiteres Beispiel ist ein Pilotprojekt in der kalifornischen Stadt San José. Dabei pendeln Roboter-Taxis zwischen einem Vorort und der Innenstadt. Wichtig sind auch die E-Bikes, die Bosch ständig verbessert. Dafür liefern wir immer effizientere Elektromotoren, Steuergeräte und immer öfter auch Antiblockiersysteme. Damit tragen wir erheblich zum Boom der Elektrofahrräder bei.

Spielt der Wasserstoffantrieb in Forschung & Entwicklung bei Bosch eine Rolle?

Bei der Umstellung auf Elektro gibt es neben der Batterie bei einigen Verkehrsarten noch weitere Lösungen. Das müssen wir uns bewusst machen. Batterien sind einfach zu schwer für Zugmaschinen, Schiffe und Flugzeuge. Aus diesem Grund sieht Bosch großes Potenzial im Wasserstoff. Der Vorteil an Wasserstoff besteht darin, dass er – sollte die Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen erfolgen – eine große Menge Energie speichern kann, die man ohne CO2-Emissionen zurückerhält. Bei den Antrieben werden Wasserstoff-Brennstoffzellen als Stromquelle für Elektromotoren dienen, oder Wasserstoff wird zur Grundlage für die Herstellung vieler synthetischer Brennstoffe. Mit dem schwedischen Unternehmen PowerCell versuchen wir gerade, Brennstoffzellen auf den Markt zu bringen. Und mit der Nikola Motor Company arbeiten wir an der Entwicklung einer wasserstoffbetriebenen Zugmaschine. Dabei geht es nicht nur um eine Studie. Nikola ist ein richtiges Fahrzeug und die ersten Bestellungen für ein Logistikzentrum eines amerikanischen Kunden sind bereits eingetroffen. Synthetische Treibstoffe bieten hingegen den großen Vorteil, dass der vorhandene Fuhrpark nicht ersetzt werden muss, da sie mit den bestehenden Technologien kompatibel sind und die Infrastruktur dafür schon existiert.

Bosch ist Partner beim DTIHK-TopThema #PartnersForSustainability. Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie Nachhaltigkeit die Geschäftstätigkeit von Bosch beeinflusst?

Bosch ist weltweit seit dem Jahr 2020 ein sogenanntes klimaneutrales Unternehmen. Das gilt auch für Tschechien. Wir nutzen Energie aus erneuerbaren Quellen und investieren in umweltfreundliche Technologien. Das neue Gebäude des Entwicklungszentrums in České Budějovice ist zum Beispiel energieautark, zum Heizen verwenden wir hier die Abwärme von Maschinen in den Prüflaboren. Im Werk in Jihlava sparen wir Energie, indem wir die Hallen mit der Abwärme von Maschinen beheizen. Außerdem setzen wir auf smarte Lichtsysteme: LED-Lampen leuchten nur dort, wo sich Menschen aufhalten. Wir kaufen auch erneuerbare Energie ein und installieren Solarmodule auf den Dächern unserer Gebäude. Und schon seit dem Jahr 2000 legen wir Ökodesign-Anforderungen für unsere Produkte fest.

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Bosch Group

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