Interview mit Thomas Schäfer, neuer Vorstandsvorsitzender von Škoda Auto

Ohne Frage ein echtes Mammutprogramm

Zwanzigzwanzig – was für ein Jahr für die tschechische Top-Marke Škoda Auto! Ein Motor für die ganze tschechische Wirtschaft, der im ersten Quartal noch auf Hochtouren schnurrte und im Februar übrigens auch den 7-millionsten Octavia vom Band rollen ließ, um dann aber mit einer Vollbremsung in den Corona-Modus zu gehen: Stillstand. Stillstand bei einem Unternehmen, dessen Kerngeschäft Mobilität ist! Dabei hätte es mit dem 125-jährigen Jubiläum ein ganz besonders gutes Jahr werden sollen. Ein spannendes, zukunftsorientiertes Jahr jedenfalls ist es ganz sicher: Von der Volkswagen Gruppe Südafrika kam Anfang August mit Thomas Schäfer ein neuer Vorstandschef mit neuen Plänen, der nur vier Wochen später das neue elektrische Flaggschiff des Traditionsunternehmens präsentieren durfte: den ersten rein batterieelektrischen SUV, den Enyaq iV. Im Grunde zu viel Gesprächsstoff für ein erstes Kennenlernen …

Herr Schäfer, erst einmal herzlich Willkommen im „Herzen Europas“, wie die Tschechen gerne sagen, und in einem Land, das gerade in Sachen Automotive zu einem der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands zählt. Mit welchem Gefühl haben Sie nach fünf Jahren in Port Elisabeth Ihre Koffer gepackt, mit welchem Gefühl sind Sie nach Mladá Boleslav aufgebrochen?

Südafrika ist in den vergangenen Jahren zu meiner Heimat geworden – beruflich wie privat. Da fällt der Abschied natürlich nicht leicht. Als ich aber im Flieger nach Europa saß, überwog die Vorfreude auf das Neue. Ich freue mich, Tschechien, die Menschen und die Kultur näher kennenzulernen. Und ich freue mich riesig auf die Aufgabe: Škoda ist eine fantastische Marke.


Wie haben Sie die ersten knapp zwei Monate erlebt?

Meine neuen Kolleginnen und Kollegen haben mir einen tollen Start bei Škoda ermöglicht. Ich habe die Zeit genutzt, Gespräche zu führen, viele Fragen zu stellen und vor allem zuzuhören. Was ich schon festgestellt habe und was mich sehr beeindruckt ist der Geist, der durch die Werkshallen und Büros weht. Da steht eine Mannschaft zusammen, die mit gesunder Neugier und großer Leidenschaft an die Arbeit geht – bodenständig, unaufgeregt, hands-on. Das gefällt mir, ich ticke genauso.

Worauf werden Sie in den kommenden Monaten ein besonderes Augenmerk legen, wenn wir über strategische Felder sprechen?

Für mich sind die Elektrifizierung und Digitalisierung des Autos der Schlüssel, damit Škoda auch in Zukunft bei seinen Kunden begehrlich bleibt. Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt eine wichtige Rolle. Mit unserer GreenFuture-Strategie haben wir uns ambitionierte Ziele entlang der gesamten Wertschöpfungskette gesetzt, um unseren Beitrag zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu leisten und sind auf dem besten Weg, diese auch zu erreichen. Bei allem, was wir in den kommenden Jahren anpacken, wird sich die Marke treu bleiben: Ein Škoda bietet immer etwas mehr Auto fürs Geld, überrascht positiv mit simply clever Ideen, überragendem Raumangebot, einfacher Bedienung und einzigartigem Design. Und ein Škoda ist und bleibt erreichbar – ganz gleich, ob wir junge Menschen, die junge Familie oder das ältere Ehepaar ansprechen. Das zeichnet die Marke aus, das macht sie stark. Das gilt auch für das Zeitalter der Elektromobilität: Am ersten September haben wir in Prag den Škoda Enyaq iV vorgestellt, unser erstes Elektrofahrzeug auf Basis des Modularen Elektrifizierungsbaukasten des VW-Konzerns. Das ist ein super Auto geworden und es entsteht im Herzen von Škoda, in Mladá Boleslav.

„Das gefällt mir, ich ticke genauso.“


Die Automobilindustrie geht durch eine Talsohle und steht vor riesigen Herausforderungen. Transformation hin zu nachhaltigen Antrieben, Digitalisierung, autonomes Fahren, Corona und die daraus resultierende Absatzkrise. Wie würden Sie die Automotive-Entwicklung der letzten fünf Jahre beschreiben bzw. auf den Punkt bringen?

Die Industrie fährt aktuell ein hohes Tempo. Sie haben die Themen bereits genannt. Das ist ohne Frage ein echtes Mammutprogramm. Allerdings sehe ich vor allem die Chancen: Wir haben die einmalige Möglichkeit, das Automobil und die Industrie nachhaltig zu verändern und auf ein neues Level zu heben. Das ist eine tolle Motivation und gleichzeitig eine große Verantwortung. Der wollen wir bei Škoda gerecht werden. Im Hinblick auf die Absatzkrise durch Corona bin ich übrigens nicht so pessimistisch. Unsere aktuellen Vertriebszahlen zeigen uns, dass das Jahr keineswegs verloren ist. Wir geben jetzt Vollgas, um das Beste herauszuholen.

Angesichts dieser Herausforderungen: Was braucht ein Topmanager in dieser Branche jetzt vor allem für Eigenschaften und Fähigkeiten?

Neben den üblichen Management-Qualitäten ist jetzt vor allem echtes Leadership gefragt: Vorangehen, mutig und entscheidungsfreudig sein und gleichzeitig einen kühlen Kopf bewahren. Ebenfalls wichtig: Zuhören, erklären, überzeugen. Ein Topmanager kann die Zukunft des Autos nicht alleine gestalten. Er muss die gesamte Mannschaft begeistern und auf dem Weg mitnehmen.

Der Automobilmanager Thomas Schäfer (*1970)

Der studierte Maschinenbauingenieur löste Anfang August 2020 Bernhard Maier als Vorstandsvorsitzenden von Škoda Auto ab
• seit 1991 bei der Daimler AG in leitenden Positionen in Deutschland, den USA und Südafrika
• seit 2002 als Technikvorstand Gründungsmitglied der DaimlerChrysler Malaysia
• seit 2005 bei der Daimler AG in Deutschland verantwortlich u.a. für Fahrzeugauslieferung sowie Kundencenter in Schwellenmärkten
• 2012 Wechsel zur Volkswagen AG. Mit Leitung der Konzern Produktion Ausland, xKD-Projekte sowie Verhandlungen über neue Produktionsstandorte betraut
• seit 2015 Chairman und MD der Volkswagen Group South Africa und verantwortlich für die Entwicklung der Konzernmarken Region Subsahara-Afrika

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: Škoda Auto

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