Interview mit Václav Nebeský, Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Tschechischen Bahn

Digitaler Wandel quer durch das ganze Unternehmen

Er war gerade einmal sechs Monate frischgebackener Chef des größten Verkehrsunternehmen des Landes, da kam der Corona-Lockdown. Was das für ihn und seine Arbeit bedeutete und wohin er als Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender die Tschechische Bahn lenken will, das berichtet Václav Nebeský im Gespräch mit der Plus.

Seit genau einem Jahr sind Sie Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Tschechischen Bahn (ČD). Mit welcher Vision sind Sie die neue Herausforderung damals angegangen?

Die Tschechische Bahn hat ein enormes Potential, aber sie muss auch modernisiert werden. Die Verwaltungsprozesse sind langwierig, und unser Fuhrpark wird nicht schnell genug erneuert, was natürlich auch am Auftraggeber selber liegt. Vor meinem Antritt fehlte hier auch eine klare Zukunftsstrategie. Es gab keinen Finanzplan, kein Konzept für den Kauf neuer Fahrzeuge – in dem zum Beispiel auch die Nutzung alternativer Antriebe berücksichtigt wird –, keine Strategie für die Entwicklung von Instandhaltungsstützpunkten. Und ich könnte noch mehr Punkte aufzählen. Trotz der Corona-Krise haben wir jetzt an diesen Dingen gearbeitet. Die neue Strategie bezieht sich auf die gesamte ČD-Gruppe.

Hätten Sie den Posten angetreten, wenn Sie vorher gewusst hätten, dass Corona kommt und die Zahl der Passagiere während der stricktesten Maßnahmen um 90 % zurückgeht?

Für mich ist das alles eine riesige Erfahrung. Die Leitung des Unternehmens habe ich im Herbst vorigen Jahres übernommen, und ein paar Monate später fand ich mich in einer Situation wieder, die keiner meiner Vorgänger jemals erlebt hat. Die Anzahl der Kunden und die Umsätze fielen rasant und führten uns sowohl beim Personen- als auch beim Güterverkehr in die Verlustzone. Aber man kann das alles nicht nur negativ sehen. Wir alle haben Lehren daraus gezogen, haben zusammengehalten, und einige Sachen haben dadurch erst Fahrt aufgenommen. Bei meinem Amtsantritt hatte ich die Vision, interne Prozesse zu digitalisieren – und genau das geschieht gerade. Auf einmal ist es sogar bei der konservativ eingestellten Tschechischen Bahn möglich, von zuhause aus zu arbeiten. Verhandlungen werden plötzlich per Videokonferenz geführt. Selbst Dispatcher operierten im Homeoffice, was sich ganz klar als Vorteil herausstellte. Wenn sie über die nötige Ausstattung verfügen, können sie bei größeren Zwischenfällen sofort ihren Dienst antreten. Dadurch entfallen die Fahrten in den Kontrollraum, wir gewinnen Zeit. Ähnliche Dinge werden bald auch im „Nicht-Corona-Modus“ zum Alltag gehören.

In den zurückliegenden Wochen und Monaten mussten Sie sich auch mit einigen schweren Unfällen im Schienenverkehr auseinandersetzen. Sind diese größtenteils auf Mängel oder auf Fehler im System zurückzuführen?

Das sind keine Systemfehler. Eine gemeinsame Ursache für diese Zwischenfälle haben wir nicht gefunden. Deshalb habe ich eine breit aufgestellte Expertengruppe einberufen, zu der unter anderem Biomediziner und Psychologen gehören. Zusammen suchen wir nach Möglichkeiten, was wir als Verkehrsunternehmen und Arbeitgeber besser machen können. Ein paar grundlegende Schritte haben wir auch schon beschlossen. Zum Beispiel verändern wir die Struktur der Ausbildung für Lokführer und nehmen neue Technologien in Betrieb.

„Durch umweltfreundliche Hybrid-Triebwagen ersetzen“


Was muss am dringendsten geändert oder modernisiert werden?

Modernisieren müssen wir den Fuhrpark und alles, was mit der Wartung der Fahrzeuge zusammenhängt. Dabei haben wir gute Chancen, über den nationalen Aufbaufonds (Recovery and Resilience Fonds, RRF) an EU-Gelder zu kommen. Mit dem Kauf neuer Züge wollen wir so schnell wie möglich unseren Service verbessern. Und um die Sicherheit zu erhöhen, implementieren wir den mobilen Teil des Europäischen Zugsicherungssystems. Der RRF gibt uns außerdem die Möglichkeit, in emissionsarme Fahrzeuge zu investieren. In diesem Zusammenhang kommen auch die modernen Technologien ins Spiel. Mehr als zuvor wollen wir Satellitensysteme nutzen. Die Mitarbeiter sollen mit neuen Mobiltelefonen und Tablets ausgestattet werden, die über entsprechende Apps verfügen. In den Sommermonaten haben wir zum Beispiel an einer App gearbeitet, die die Nebenstrecken sicherer macht. Allerdings erwarten uns auch strukturelle Veränderungen, die mit der Corona-Krise zusammenhängen. Und wir müssen Antworten auf die Liberalisierung des Bahnverkehrs finden.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Für die Infrastruktur war die Eisenbahn schon immer systemrelevant, und sie wird es wohl auch bleiben. Die langfristige Entwicklung ist eigentlich auf Ihrer Seite. Mit Lastwagen verstopfte Autobahnen und Parkplätze, strengere Abgasnormen für Pkw und Lkw und zu guter Letzt der Megatrend Nachhaltigkeit. Was ist zu tun und woran arbeiten Sie bereits, damit die Tschechische Bahn diese Situation so gut wie möglich nutzen – also die Anzahl der Fahrgäste und den Anteil beim Güterverkehr steigern – kann?

Wir sind in vierlei Hinsicht aktiv, um unsere Marktposition weiter zu stärken. An erster Stelle steht dabei die Modernisierung der Fahrzeuge. Wir haben eine Strategie dafür entwickelt und suchen nun gemeinsam mit unseren Partnern einen Weg, wie wir sie umsetzen können. Im kommenden Jahr werden wir von den Herstellern etliche Neufahrzeuge für den Regional- und Fernverkehr übernehmen. Und für die Zukunft rechnen wir damit, dass Diesel-Fahrzeuge allmählich durch teurere, aber dafür umweltfreundliche Hybrid-Triebwagen ersetzt werden. Uns steht hier noch viel Arbeit bevor, weil wir die Kunden der Transportdienstleister davon überzeugen müssen, mit uns gemeinsam in saubere Fahrzeuge zu investieren. Außerdem schauen wir uns nach Geschäftsmöglichkeiten im Ausland um. Wir können uns sogar vorstellen, ein Nicht-Eisenbahnunternehmen zu erwerben, wenn wir dadurch das breiteste Spektrum an Dienstleistungen anbieten können. Unsere größte Tochtergesellschaft ČD Cargo wickelt einen Teil ihrer Geschäfte bereits hinter den Landesgrenzen ab – mit Erfolg. Auf eigene Lizenz bietet sie ihre Dienstleistungen in allen Nachbarländern an – also in Polen, Österreich, Deutschland und der Slowakei. Das erhöht die Stabilität und Belastbarkeit der gesamten ČD-Gruppe.

Mobilität und Digitalisierung gehen immer enger Hand in Hand. Vor welchen weiteren Aufgaben steht die Tschechische Bahn bei diesem Thema? Sie selbst haben lange Zeit in der IT-Branche und bei ČD – Telematika gearbeitet …

Der digitale Wandel verläuft quer durch das ganze Unternehmen. Vom Betrieb über die Kundenbetreuung bis hin zur Verwaltung. Wir wollen nicht, dass die IT-Technik die Menschen erschreckt, sondern ihnen hilft. Wir haben etwas, worauf wir aufbauen können. Einige IT-Lösungen der ČD-Gruppe sind in der EU bekannt und beliebt. Zum Beispiel das Verbindungsabfrage-System IDOS oder die Systeme für den Verkauf und die Reservierung von Fahrkarten. Der nächste Schritt wird sein, sowohl die Fahrzeuge als auch das Personal mit der entsprechenden Technik auszustatten.

Inweit verändert sich die Branche durch den Wettbewerb mit privaten Anbietern? Und wobei wird die Tschechische Bahn die Konkurrenz immer hinter sich lassen?

Es ist nicht immer ein Vorteil, aber die meisten Menschen setzen „die Eisenbahn“ noch immer mit der „Tschechischen Bahn“ gleich. Im Bösen, aber auch im Guten. Und daraus sollten wir das für uns Beste machen. Die Transportunternehmen müssen sich durch den Wettbewerbsdruck größere Mühe geben, und das ist auch gut so. Die Tschechische Bahn hat eine sehr lange Tradition und ihr Familiensilber – die Mitarbeiter.

Interview: Christian Rühmkorf
Foto: České dráhy

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