Interview mit Andre Eckholt, Co-Geschäftsführer von Hettich Tschechien

„Enormer Kostendruck entlang der Lieferkette“

Hettich ist einer der Marktführer in seiner Branche und produziert Technik für Möbelhersteller aus aller Welt, Schubkasten- und Führungssysteme, Scharniere oder Falt- und Schiebetürsysteme. Fast jeder dürfte Produkte von Hettich zu Hause haben. Das Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Familienunternehmen hat inzwischen 38 Tochterfirmen und 100 Vertretungen weltweit und beschäftigt rund 6.600 Mitarbeiter, davon 700 an seinem Standort in Tschechien. Dort – in Žďár nad Sázavou – ist Andre Eckholt Co-Geschäftsführer und leitet zudem am Hauptstandort in Kirchlengern als Geschäftsführer die Hettich Management Services GmbH. Mit ihm haben wir über Preissteigerungen, Lieferketten, den Vorteil von Familienunternehmen und auch Nachhaltigkeit gesprochen.

Herr Eckcholt, wie sind Sie mit Ihrem Hettich-Standort in Tschechien bisher durch die Pandemie gekommen, wie bewältigen Sie die vierte Welle?

Die Pandemie verlangt von uns allen, sowohl beruflich als auch privat, sehr viel ab. Die Form der Zusammenarbeit mit dem Kollegium hat sich sicherlich dahingehend auch nachhaltig geändert, als dass sich die persönlichen Begegnungen auf ein Minimum reduziert haben und wir nach wie vor virtuell in Meetings zusammentreffen. Auch das Arbeiten aus dem Mobile Office ist für uns gelebte Praxis geworden. Insofern unterscheidet sich die vierte Welle nicht sonderlich von den vorherigen Wellen. Es greift – leider – fast schon wieder die Routine aus den vergangenen 18 Monaten, aber wir sind daher auch sicherlich besser vorbereitet.

Die Lockdowns der Vergangenheit haben ja dazu geführt, dass Möbel auch in der Pandemie immer hoch im Kurs standen – wie steht es mit Ihren Bilanzen für 2020/21?

Im zweiten Quartal 2020 war sicherlich nicht absehbar, welchen Einfluss die Pandemie auf unsere Branche nimmt. Insofern haben auch wir uns aus der unternehmerischen Perspektive zunächst auf den wirtschaftlichen Erhalt des Unternehmens fokussiert und sind in all unseren Handlungen immer nur auf Sicht gefahren. Aber es ist offensichtlich, dass unsere Branche auch sehr schnell von den sich verändernden Arbeitswelten profitiert hat. Die Menschen sind weniger auf Reisen und verbringen wesentlich mehr Zeit zu Hause, das Home Office ist nach wie vor oftmals die erste Wahl.

Daraus hat sich eine äußerst positive Wechselwirkung für die gesamte Branche ergeben. Wir befinden uns als Unternehmen nach einem starken Einbruch in der ersten Jahreshälfte 2020 auf einem deutlich positiven Wachstumskurs. Auch die Prognose für das Geschäftsjahr 2022 ist entsprechend positiv.

„Shared Leadership“-Ansatz bringt viele Vorteile”

Mit Ihrem Kollegen Oldrich Pól bilden sie eine deutsch-tschechische Doppelspitze in der Geschäftsführung. Ein gutes Modell?

In jedem Fall, der „Shared Leadership“-Ansatz bringt viele Vorteile, die uns im operativen Tagesgeschäft weiterhelfen, vor allem aber auch in der strategischen Weiterentwicklung der Gesellschaft innerhalb unseres globalen Hettich Netzwerkes.

Auf der einen Seite ergänzen wir uns hervorragend in unseren jeweiligen Stärken, auf der anderen Seite können wir über die deutsch-tschechische Konstellation lokale und globale Netzwerkthemen inhaltlich sehr gut vereinen.


Hettich ist ein Familienunternehmen wie es im Buche steht, ein Paradebeispiel für das, was man auch international mit Respekt und ein bisschen Neid als „The German Mittelstand“ bezeichnet. Sie müssen Ihre Unternehmenspläne und Strategien nicht auf einer Anlegervollversammlung rechtfertigen, Sie haben freie Hand. Was ist der größte Nutzen dieser Freiheit?

Wir spüren jeden Tag in unserem Handeln das maximale Vertrauen der Unternehmerfamilie. Gleichzeitig stellen wir an uns Tag ein Tag aus hohe Ansprüche und stellen den Status Quo infrage, insbesondere was die strategische Ausrichtung des Unternehmens betrifft.

Von Vorteil ist sicherlich, dass wir unsere Organisation trotz unserer mittlerweile mehr als 6.600 Mitarbeiter global so aufgestellt haben, dass wir uns nach wie vor entsprechend flexibel und dynamisch auf die sich verändernden Rahmenbedingung einstellen können. Wenn nötig, fahren wir dann auch mal eben eine Zeit lang auf Sicht, verlieren hierbei aber niemals den langfristigen Erfolg des Unternehmens aus den Augen. In unserer heute so oft beschworenen und durch Covid angefeuerten VUKA-Welt ein Alleinstellungsmerkmal für den Mittelstand.

Familienunternehmen – also ein Vorteil auch in Pandemiezeiten?

In jedem Fall, JA!

Funktionieren Ihre Lieferketten derzeit reibungslos oder müssen Sie wie in der Autobranche Produktionen teilweise zurückstellen?

Unsere Lieferkette ist komplex und global gestreut, insofern ist die Situation auch innerhalb unserer Branche herausfordernd, insbesondere auch für die Produktionsplanung. Bis dato haben wir es glücklicherweise geschafft, die Lieferketten größtenteils aufrechtzuerhalten.

2018 haben Sie am Standort Tschechien ein Kompetenzzentrum für Zinkdruckguss in Betrieb genommen und sind alleiniger Lieferant von Zinkteilen für die gesamte Hettich-Gruppe. Gibt es hier Rohstoffprobleme oder läuft es nach Plan?

Wir haben im Rahmen eines größeren Verlagerungsprojektes zwischen 2017 und 2018 sukzessive die Zinkdruckgussaktivitäten innerhalb der Hettich Gruppe in Tschechien konsolidiert. Der Standort hat über die vorherigen Jahre hinweg sein Know-how in der Technologie weiterentwickelt und bietet vor allem auch durch die Faktorkosten „Lohn“ und „Energie“ im direkten Ländervergleich weiterhin attraktive Standortvorteile.

Mittlerweile verarbeiten wir mehrere Tausend Tonnen Zinkdruckguss pro Jahr. Da sind die Rohstoffprobleme natürlich auch an uns nicht spurlos vorübergegangen. Wenngleich die Herausforderungen bei weitem nicht so dramatisch waren wie aktuell im Bereich Magnesium und Aluminimum. Neben der generellen Verfügbarkeit der Rohstoffe ergibt sich aus der aktuellen Preisentwicklung natürlich auch ein enormer Kostendruck entlang der gesamten Lieferkette.

Oldřich Pól, Andre Eckholt (2. und 3. v.l.)

Wie sehr machen Ihnen also die Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie zu schaffen? Die Tschechische Nationalbank erhöht zudem stetig den Leitzins, so dass auch Unternehmenskredite teurer werden. Was bedeutet das auch für anstehende Investitionen z.B. in Digitalisierung, Automatisierung und nachhaltige Transformation?

Alle Themen, sei es Digitalisierung, Automatisierung, aber auch Nachhaltigkeit und der demografische Wandel haben sicherlich eine gewisse Relevanz in der weiteren strategischen Ausrichtung der Hettich Gruppe. Digitalisierung und Automatisierung helfen uns natürlich, Prozesse zu standardisieren, uns perspektivisch auch freizuschwimmen von demografischen Effekten. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht vergessen, unsere Mitarbeiter gezielt aufzuqualifizieren in Sachen Digitalisierung, sprich: Auch die Anforderungsprofile einzelner Tätigkeiten müssen perspektivisch angepasst werden. CO2- bzw. Klimaneutralität sind neben der Digitalisierung ein weiteres Querschnittsziel der Unternehmensgruppe. Die Herausforderung wird sein, entsprechende Maßnahmen in einen sinnvollen Einklang mit profitablem Wachstum und auch entsprechenden Preissteigerungen zu bringen.

Es gibt erhöhten Druck von Seiten der EU-Kommission, aber auch von Seiten der Kunden, nachhaltig zu produzieren, was Umweltstandards, grüne Technologien, Klimaneutralität, aber auch Human Ressources betrifft. Spüren Sie erhöhte Anforderungen, vielleicht sogar Druck, in Sachen nachhaltige Produktion von Seiten Ihrer Abnehmer, Ihrer Kunden?

Für Hettich als Familienunternehmen mit 133-jähriger Geschichte bedeutet Nachhaltigkeit, langfristig orientiert zu wirtschaften, profitabel zu wachsen und gleichzeitig nachhaltig zu handeln. Als Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie setzen wir langfristig auf ökologische, soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Langfristig möchten wir gemeinsam mit Kunden und Partnern möglichst nicht nur CO2-arme, sondern auch CO2-neutrale Produkte entwickeln und herstellen.

Haben Sie selbst Ihre Nachhaltigkeits-Anforderungen an die eigenen Zulieferer erhöht oder arbeiten Sie daran?

Wir gehen das Thema partnerschaftlich an! Hierbei ist uns bewusst, dass wir unser Ziel CO2-neutrale Produkte herzustellen nur gemeinschaftlich entlang der gesamten Lieferkette erfolgreich gestalten können! Vor diesem Hintergrund wollen wir gemeinsam mit unseren Lieferanten rechtzeitig die Weichen neu stellen. Ein positives Beispiel hierfür resultiert aus einer vielversprechenden Kooperation innerhalb unserer Lieferantenstruktur in Richtung „C02-armer Stahl“. Die ersten Kaltband-Coils, die wir erprobt haben, weisen gegenüber konventionell erzeugtem Stahl einen deutlich reduzierten CO₂-Fußabdruck auf. Über den gesamten Fertigungsprozess sind über 70 % weniger CO₂-Emissionen angefallen.

Hettich ist auch der DTIHK-Plattform #PartnersForSustainability beigetreten, das freut uns. Woran arbeiten Sie derzeit, um die Transformation in den kommenden Jahren zu bewerkstelligen?

In Summe sind wir hier sehr vielfältig unterwegs, angefangen von einer sich wandelnden Organisationsstruktur, neuen Arbeitswelten, gezielten Investitionen in Richtung Digitalisierung und Automatisierung, über ein verstärktes Employer-Branding in der jeweiligen Region bis hin zu konkreten Nachhaltigkeits-Maßnahmen. Unser Ziel heißt, wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischer, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.

Interview: Christian Rühmkorf

Fotos: © Hettich

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