Interview mit Soňa Jonášová, Gründerin und Direktorin des Instituts für Kreislaufwirtschaft

Tschechien sollte sich noch etwas ins Zeug legen

Die Kreislaufwirtschaft stellt ein alternatives Modell zur gegenwärtigen Wegwerfgesellschaft dar. Das konventionelle Konzept – Entnahme, Herstellung, Entsorgung – erfordert nicht nur einen enormen Einsatz von Ressourcen, es wird auch viel Energie verschwendet. Das sind Synergien, die sie zum DTIHK-Kurs „Young Energy Europe“ brachten, wo sie in ihren Präsentationen nach Möglichkeiten suchte, wie sich Kreislaufwirtschaft mit Firmenkonzepten und effektivem Energiemanagement verbinden lassen. Für ein Unternehmen ist der Materialverbrauch ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor, so Soňa Jonášová. „Firmen geben für Material oft bis zu 40 % der Kosten des gefertigten Endprodukts aus. Und natürlich hängen damit auch die Kosten für die Verwertung des Materials zusammen“, sagt die Leiterin des INCIEN-Instituts für Kreislaufwirtschaft.

Was verbindet Sie mit dem Kurs „Young Energy Europe“ zur Energieeffizienz?

Uns ist es wichtig, dass die Themen nicht abstrakt sind, also nicht nur über sie gesprochen wird, sondern sie in den Unternehmen tatsächlich umgesetzt werden. Und das ist das Grundkonzept des gesamten Kurses. Die einzelnen Teilnehmer arbeiten an realen Projekten, die sie mit den Lektoren oder Organisatoren besprechen. Am Ende werden echte Ergebnisse präsentiert, die manchmal wirklich umwerfend sind. Denn die Projekte, auch wenn sie von Einzelpersonen stammen, haben oft eine sehr große Reichweite und Bedeutung. Es gibt nur wenige Kurse dieser Art, in denen wirklich Ergebnisse präsentiert werden und die Teilnehmer ihr Know-how auch untereinander weitergeben. Häufig entwickeln sie die Projekte in den Unternehmen weiter, nicht zuletzt durch Eigeninitiative.

Woran liegt es, dass das Bewusstsein für Ihr Thema, die Kreislaufwirtschaft, immer noch gering ist?

Die Kreislaufwirtschaft ist ein relativ neues Thema, obwohl die Grundlagen für das Konzept aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Heute ist sie in der europäischen Gesetzgebung verankert und Bestandteil des „European Green Deal“. In Tschechien muss noch viel getan werden, um den Menschen dieses Thema näherzubringen. In den Unternehmen kümmert sich der Betriebsökologe oder für die Entsorgung Verantwortliche um das Material bzw. den Abfall, die Produktion spielt dabei selten eine Rolle. Der Umgang mit Abfall, der recycelt und nicht verbrannt oder auf Deponien entsorgt wird, bringt auch finanzielle Vorteile mit sich. Der Kostenfaktor spielt bei der Integration von Umweltaspekten für die Unternehmen eine große Rolle und das ist auch bei der Kreislaufwirtschaft der Fall.

Also eine Win-win-Situation – die Umwelt und gleichzeitig auch den Geldbeutel schonen. Wodurch kann die Öffentlichkeit, neben Kursen wie „Young Energy Europe“, besser mit dem Thema der Kreislaufwirtschaft vertraut gemacht werden?

Eine sehr bedeutende Rolle spielen die Medien. Die Leute verfolgen auch gern die guten Nachrichten. Wichtig sind Good-Practice-Beispiele und wie sie funktionieren. Ein energieautarkes Dorf wie das mittelböhmische Kněžice, wo organische Abfälle aus der Umgebung in einer Biogasanlage verarbeitet werden, kann sich zum Beispiel jeder gut vorstellen. Genauso wichtig ist es, Firmen zu zeigen, die auf lokaler Ebene neue Arbeitsplätze schaffen, weil sie verantwortungsbewusst mit Abfällen umgehen und diese an andere Verarbeiter weitergeben. Sie selbst haben von einer Win-win-Situation gesprochen. Was für den einen Abfall ist, kann für den anderen eine Ressource sein. Genau solche Beispiele müssen ständig gezeigt werden und dazu konkrete Anleitungen, wie man so etwas angeht. Wir begrüßen es, wenn in Wettbewerben oder in den Medien Good-Practice-Beispiele von Unternehmen auftauchen. Damit können die Leute etwas anfangen. Meistens steht dabei eine neue Technologie oder ein neuer Ansatz im Mittelpunkt, aber oft sind es einfach Ideen, die etwas nachahmen, was in der Natur schon lange funktioniert. Die Natur kennt keinen Abfall und verschwendet kein Material, sie kennt geschlossene Kreisläufe.


„Die Natur kennt keinen Abfall“


Den YEE-Kurs hat Jan Bílek von der Firma Preol mit einem großartigen Projekt zur Energieeffizienz gewonnen. Wie kann zum Beispiel ein solches Projekt den Trend befeuern?

Überrascht hat mich die Detailliertheit des Projekts mit modernsten Technologien und einer sehr gründlichen Recherche. Man konnte die Begeisterung einer Person sehen, die das Thema verinnerlicht hatte und sich damit perfekt auskannte. Wenn es gelingt, in tschechischen Unternehmen junge Menschen auszubilden und ihnen zu ermöglichen, sehr komplexe Projekte umzusetzen, sehe ich eine große Chance, dass Tschechien anderen europäischen Ländern zeigen kann, dass wir über sehr interessante und vielseitige Lösungen verfügen. Und oft geht es dabei um Einsparungen von sechs- oder siebenstelligen Beträgen. Es hilft auch immer, wenn die Unterstützung von oben kommt. Wenn Unternehmen im Umweltmanagement bestimmte Klimaziele oder messbare Aktionspläne aufgestellt haben.

Ganz allgemein, wie motiviert sind tschechische Unternehmen, ihre CO2-Bilanz oder Energieeffizienz zu verbessern?

Ich denke, Tschechien sollte sich noch etwas mehr ins Zeug legen. Zwar können tatsächlich einzelne Unternehmen mit ihren Good-Practice-Beispielen überall auf der Welt Schule machen. Auf der anderen Seite sind die legislativen Bestimmungen des „Green Deal“ für Europa in Tschechien wenig bekannt, dabei ist das ein Konzept, das immer mehr Konturen annimmt und die Ausrichtung der gesamten EU für die nächsten Jahrzehnte bestimmen wird. Das liegt auch daran, dass Umweltthemen von der tschechischen Regierung nur wenig beachtet werden. Oft fällt diese Rolle direkt den Unternehmen zu, die auf eigene Faust versuchen, an Informationen zu gelangen. Gegenüber anderen europäischen Staaten, insbesondere den westlichen, sind wir gerade dabei, den Zug in dieser Hinsicht zu verpassen. Aus Gesprächen mit unseren Partnern aus den Niederlanden oder Skandinavien wissen wir, dass jedes Unternehmen dort schon eine gewisse Priorisierung von Umweltaspekten vorgenommen hat. Zum Beispiel können sie ihren CO2-Ausstoß berechnen. Tschechische Firmen fangen oft gerade erst an, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Das ist schade, denn so etwas könnte uns weiterbringen. Wir haben hier eine Reihe von anwendbaren technologischen Lösungen im Bereich Wasserwirtschaft, Energie- oder Materialmanagement, aber wir reden kaum darüber. Und oft haben wir das Gefühl, dass uns das nichts angeht.


„…dann nicht mehr konkurrenzfähig“


Kurz und konkret: Warum geht es uns denn etwas an?

In dem Moment, wo ganz Europa auch nach der Corona-Krise den Weg zur „Green Recovery“ beschreitet und Tschechien vorgibt, davon nicht betroffen zu sein, kann es passieren, dass wir zum Beispiel bei öffentlichen und privaten Auftragsvergaben nicht mehr auf die neuen Umweltkriterien anderer Staaten oder Unternehmen reagieren können. Wir sind dann nicht mehr konkurrenz- und handlungsfähig.

Mit welchen Hindernissen kämpfen Sie als dritter Marktakteur, der zwischen Unternehmen und Regierung steht, und gleichzeitig um Aufklärung und Veränderung bemüht ist?

Oft kämpfen wir gegen eine sehr starre Gesetzgebung an. Zum Beispiel dauert es sehr lange, um Raum für Pilotprojekte zu schaffen, für die es in Tschechien keine Referenzen gibt. Um Vertrauen in ein bestimmtes Konzept zu bekommen, es in der Praxis überprüfen und anwenden zu können, führen wir viele Pilotprojekte unter der Schirmherrschaft von Ministerien durch. Das betrifft zum Beispiel die Verwendung von Sekundärrohstoffen oder neuen Quellen wie Biomethan aus Klärschlamm, das in das Gasnetz eingespeist oder für den Antrieb von Bussen verwendet wird. Das entsprechende Projekt haben wir in Brünn durchgeführt. Hier war es sehr wichtig, vom Umweltministerium unterstützt zu werden. Wir konnten das ganze Pilotprojekt durchplanen, obwohl wir gegen eine Reihe von bürokratischen Hürden zu kämpfen hatten. Wenn wir über den Inhalt von Recyclaten sprechen, müssen wir manchmal zwingend die Norm ändern – schnell, effizient und mit hoher Fachkompetenz. Das betrifft etwa die Baubranche. Bauschutt muss recycelt und in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden. Wir müssen verhindern, dass er auf Mülldeponien landet, weil es sonst zu Materialengpässen kommt. Die Bauindustrie steht aller Voraussicht nach vor einer gewaltigen Krise. Wir brauchen normative Änderungen für ein effektiveres Baustoff-Recycling. Auch andere Hürden müssen überwunden, althergebrachte Strukturen aufgebrochen werden. Bei privaten und öffentlichen Ausschreibungen in Tschechien dominieren oft nach wie vor quantitative Kriterien wie der Preis. Wir versuchen, alles so billig wie möglich zu bekommen, aber rechnen überhaupt nicht die Kosten für die gesamte „Lebensdauer“ durch.

Welche Rolle spielen dabei die Verbraucher, also die Kunden?

Viel zu oft reflektieren wir nicht, was die Verbraucher denken. Sie befürworten zum Beispiel ganz klar den „Green Deal“. Das gilt auch für Tschechien. Zwei Drittel der Tschechen glauben, dass er einen positiven Beitrag zum Umweltschutz leisten wird.

Interview: Tereza Šťastná
Foto: INCIEN

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