Was ich nicht anfasse, das hab‘ ich nicht

Interview mit Minister Havlíček

Am 10. April wurde bekannt gegeben, dass der Präsident der Mittelstandsvereinigung Karel Havlíček neuer Minister für Industrie- und Handel wird. Keine 24 Stunden später saßen wir mit ihm an einem Tisch und sprachen über seine Pläne. Ein für die Unternehmen zentrales Thema war auch die Verbesserung der praktischen Berufsausbildung.

Herzlichen Glückwunsch zum Amt als neuer Industrie- und Handelsminister Tschechiens. Wie sehen Ihre ersten Schritte im neuen Amt aus?

Zuerst werden wir die Kommunikation des gesamten Ressorts neu aufstellen. Es muss klar definiert sein, wie wir im Land und wie wir ins Ausland kommunizieren. Das Ressort ist das Aushängeschild unserer Industrie, unserer Technologien – das muss sichtbar sein. Wir müssen Tschechien selbstbewusst präsentieren, als Land der Zukunft und intelligenter Lösungen, als Land, in dem es nicht nur billige Arbeitskräfte gibt, sondern das an der Spitze steht. Und genauso müssen wir innerhalb Tschechiens auftreten. Jeder Einzelne – sei es der kleine Gewerbetreibende, der mittelständische Unternehmer oder der Konzernrepräsentant – muss wissen und das Gefühl haben, dass das sein Ministerium ist und er nicht als Bittsteller zu uns kommt. Er soll Rückhalt und einen perfekten Service bekommen.

Welchen Themen werden Sie sich danach widmen?

Als nächstes kümmern wir uns um Produktthemen. Für die kleinen Firmen ist es enorm wichtig, dass wir endlich das „Paket für Gewerbetreibende“ auf den Weg bringen, denn eine Million Selbstständiger warten auf vereinfachte Regelungen. Außerdem müssen wir ein Energiekonzept vorbereiten und das bestmögliche Modell finden. An der Atomkraft kommen wir nicht vorbei, das steht fest. Aber es geht nicht nur um den Ausbau der Kernenergie. Wir müssen festlegen, wie unser Energieverbrauch in den Jahren 2030-40 aussehen wird und welchen Anteil daran Atomkraft, erneuerbare Energien, Erdgas und eventuell Kohle haben sollen. Auf dieser Grundlage bauen wir dann die erforderliche Infrastruktur auf.

„Modell für die Einführung dualer Elemente zu Ende führen“

Ein anderes Thema, das Tschechien und wohl jeden Verbraucher bewegt, sind die Preise für mobiles Internet.

Die gegenwärtige Situation ist unhaltbar! Mobile Daten kosten bei uns ein x-Faches mehr als in Polen oder Österreich. Wir müssen ein Gesetzespaket schnüren und einen bestimmten Grad von Regulierung zwischen den Netzbetreibern und ihren Distributionspartnern, virtuellen Anbietern schaffen. Außerdem müssen wir die Ausschreibungskriterien für einen vierten Mobilfunkanbieter vorbereiten.

Sie haben sich viel vorgenommen …

Geben Sie mir noch fünf Minuten. 🙂 Im Grunde gibt es keine „wichtigsten“ und „weniger wichtigen“ Themen. Eine für mich ganz wichtige Sache habe ich überhaupt noch nicht erwähnt: Wie machen wir mit CzechTrade, CzechInvest und „Czech-Weitere“? Ich habe dafür schon eine revolutionäre Lösung, verrate sie aber noch nicht. Lange könnte ich auch noch über die Strukturfonds reden …

Den Unternehmen mangelt es an Mitarbeitern, künftig werden vor allem diejenigen mit technisch-digitaler Kompetenz fehlen. In Tschechien wiederum fehlt ein praxisorientiertes Berufsbildungsystem. Wie sieht Ihrer Meinung nach ein modernes Ausbildungssystem aus? Und welche Rolle spielen darin die Betriebe und die Schulen?

Wir wollen die Berufsausbildung nicht revolutionieren, aber Feedback ermöglichen und dazu beitragen, dass die Ansichten der Arbeitgeber respektiert werden. Ich sage nicht, dass die Unternehmen das letzte Wort haben sollten, aber sie müssen ihren Part beitragen. An dieser Stelle muss man sich nichts Neues ausdenken. Die Kinder, die Schüler schließen die Schule ab und kommen auf den Arbeitsmarkt. Wenn der nicht lukrativ genug ist oder sie dort keine passende Stelle finden, dann gehen sie weg. Das Ziel – und das haben wir schon in die Innovationsstrategie einfließen lassen – ist es, die Kenntnisse in der polytechnischen Ausbildung zu verbessern, das betrifft einen Mix aus den Bereichen Umwelt, Technik und Naturwissenschaft. Wir haben bereits ein fertiges Konzept und sogar schon das komplett ausgearbeitetes neue Unterrichtsfach „Technik“ für die zweite Stufe der Grundschulen (Klassenstufe 6 bis 9, Anm. d. Red.). Es kombiniert praktische Fertigkeiten und neue Technologien. Es wird – und das ist entscheidend – ein eigenständiges Plichtfach sein.

Da brauchen Sie einen langen Atem …

Selbst wenn wir es noch heute verabschieden, würde das Fach frühestens in fünf bis sechs Jahren in den Lehrplan aufgenommen werden. Allerdings starten wir schon ab diesem Herbst ein Pilotprojekt. An 60 bis 100 ausgewählten Schulen wird das Fach „Technik“ unterrichtet. Der zweite Schritt – und der ist ist von zentraler Bedeutung – betrifft die berufsbildenden Mittelfachschulen. Dort wird das Modell für die Einführung dualer Elemente zu Ende geführt. Ich gehe davon aus, dass die Verhandlungen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden und das Vorhaben im Gesetz verankert wird. Auch die Hochschulen sollen stärker mit der Praxis und dem Geschäftsleben verbunden werden, vor allem solche, die sich mit hochentwickelten Technologien beschäftigen. Der Staat kann das mit Steuererleichterungen, Investitionsanreizen für Forschung und Entwicklung oder speziellen Programmen unterstützen.

Sie haben schon die Innovationsstrategie angesprochen, die Sie im Februar vorgestellt haben. Die kann aber ohne eine Reform des Bildungssystems nicht aufgehen. Richtig?

Das denke ich nicht. Die Innovationsstrategie ist eine Vision, die uns zeigt, welche Richtung wir einschlagen – ein Rahmen für eine ganze Reihe von Ressorts. Deshalb haben wir darin auch die Säule der polytechnischen Ausbildung eingebaut. Wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, werden wir dafür in 10, 15 Jahren die Quittung bekommen. Denn dann fehlen uns Leute mit einem Bezug zur Technik. Nicht jeder muss Techniker sein, es geht eher darum, Interesse zu wecken und ein bisschen den Widerstand gegen etwas zu brechen, das vielleicht anspruchsvoller ist als Kommunikation. Fremdsprachen zu können ist klasse. Aber was bringen uns Menschen, die sich in mehreren Sprachen ausgezeichnet verständigen, aber ein elementares technisches Problem nicht lösen können. Dabei denke ich nicht an Stemmeisen, Feile, Hammer, oder ob jemand etwas bohren kann, sondern an präzises Denken. Ich sage immer: Respekt gegenüber dem Material wecken. Beim Material fängt alles an. Ich bin 30 Jahre Unternehmer und weiß: Was ich nicht anfasse, das hab ich nicht.

„Ich weise zurück, dass wir ein schlechtes Schulwesen haben.“

Studien und Analysen zur Ausbildung gab es schon zur Genüge, alle aber mehr oder weniger ohne Ergebnisse, die in die Praxis eingeflossen wären. Woran ist das bisher immer gescheitert?

Wir stehen nicht so schlecht da. Vor kurzem habe ich das Czech-German Innovation Festival in Berlin besucht. Auf der Konferenz hat ein Top-Manager eines der besten tschechischen Unternehmen gesprochen, ein junger und unglaublich kluger Mann. Er meinte, unser Schulwesen sei katastrophal und absolut hinter dem Mond. Da hab´ ich mich aufgeregt und zu ihm gesagt, er selbst sei der Beweis dafür, dass unser Schulwesen gut ist. Wenn es nicht so wäre, wäre er heute nicht da, wo er ist. Sicher, unser Schulwesen weist eine ganze Reihe von Defiziten auf, und natürlich gibt es Länder, die da besser aufgestellt sind. Es stimmt, dass wir einen stärkeren Praxisbezug brauchen, eine bessere Kommunikation auf Schulebene, mehr Selbstbewusstsein und einen Fokus auf die Dinge, in denen wir gut sind. Diese Sachen kann man stetig verbessern. Ich weise aber zurück, dass wir ein schlechtes Schulwesen haben. Schließlich bin auch ich sein „Produkt“. 🙂

Alles ist „Work in progress“, und man muss flexibel auf Trends wie die Digitalisierung reagieren. Wann wird das Bildungssystem Ihrer Meinung nach auch in dieser Hinsicht gut aufgestellt sein?

Wenn die Innovationsstrategie nicht in der Schublade verschwindet und wir sie durchbringen, könnten wir die ersten Ergebnisse schon bis 2025 haben. Bis dahin haben sie mich sicher schon aus dem Amt verjagt. (lacht) Mein Ziel ist es, das gut aufzustellen und umzusetzen, dass mein Nachfolger damit arbeiten kann. Das ist eine Frage der Finanzierung von Untersuchung und Einführung der polytechnischen Ausbildungsfächer. Bis dahin sollten sich auch schon Ergebnisse zeigen bei der Digitalisierung und der Organisation unserer neuen Forschungszentren. Das dürfte sich dann auch schon bei den Patenten zeigen, die uns voranbringen sollen. Auf jeden Fall muss es aber schon ein bisschen zur Visitenkarte der Tschechischen Republik gehören, ein Land der Zukunft und nicht der Vergangenheit zu sein. Für all das brauchen wir ein paar Jahre, und erst dann lässt sich das bewerten. Jetzt ist es noch zu früh.

Interview: Christian Rühmkorf

Fotos: Tomáš Železný