Das geteilte Auto

In Deutschland seit Jahrzehnten ein Thema, muss es in Tschechien erst noch entdeckt werden.

Carsharing ist keine Autovermietung. Man bucht flexibel und gibt flexibel, meist ortsunabhängig, zurück. Angebote gibt es von kommerziellen Anbietern, Bürgerinitiativen oder Automobilkonzernen. Wohin die Reise in Tschechien mit dem geteilten Auto geht, darüber haben wir mit Stanislav Kutáček, Präsident des tschechischen Carsharing-Verbands, gesprochen.

In Tschechien sind über fünf Millionen Autos angemeldet. Ihr Verband vermeldet für dieses Jahr rund 350 „geteilte“ Autos. Was macht Sie so optimistisch?

Wir schätzen die Möglichkeiten bei Carsharing oder Sharing-Mobility auf etwa 100.000 Kunden. Wir gehen dabei von den Erfahrungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren Ländern mit einem ausgeprägten Carsharing-Markt aus. Ein Privatwagen wird im Schnitt nur fünf Prozent der Zeit genutzt, geteilte Autos bis zu 50 Prozent. Außerdem dürfte sich die Mobilität in den kommenden zehn Jahren so grundlegend ändern, dass sich gerade die Carsharing-Anbieter am besten darauf einstellen können: Gemeint ist das autonome Fahren. Der Markt dafür ist schwer zu schätzen, aber er dürfte sehr groß sein.

Das Auto wird in Tschechien weiter als Symbol für Erfolg gesehen. Und da gilt – im Übrigen auch für Wohnungen: „Was man hat, das hat man. Besser etwas Eigenes!“ Wie wollen Sie die Menschen hier zum Umdenken bringen?

Stimmt. In Tschechien kommt noch die „Macho“-Haltung dazu: ‚Autos und Frauen verleiht man nicht.‘ Das hört man immer wieder in Diskussionen über Carsharing in den Mainstream-Medien. Nicht wir bringen die Menschen zum Umdenken, es werden die Umstände sein, vor allem die wirtschaftlichen. Ein eigenes Auto wird nach und nach so teuer und unpraktisch, dass sich niemand mehr damit belasten will. Die meisten Leute werden dann Mobilität als Service bestellen, und es wird ihnen völlig normal vorkommen. Wenn Sie in Urlaub fliegen, dann ist es Ihnen doch auch egal, ob Sie im neuesten Airbus oder in der neuesten Boeing sitzen.

Sind Sie eine potenzielle Bedrohung für die klassischen Autohersteller?

Die Autohersteller, wie wir sie heute kennen, werden schon bald – bis in fünf Jahren – mit einem stark schrumpfenden Markt für Neuwagen kämpfen. Und wahrscheinlich bricht auch der Gebrauchtwagenmarkt schrittweise zusammen. Das liegt aber nicht am Carsharing, sondern am unaufhaltsamen Siegeszug selbstfahrender Autos mit Elektro-Antrieb. Wie sich E-Autos durchsetzen, können wir derzeit „live“ miterleben. Und das nicht nur im Carsharing. Aber Carsharing hat die große Chance, diesen Trend maximal zu nutzen und davon zu profitieren. Man sollte sich nur mal daran erinnern, wie phantastisch uns noch vor einigen Jahren all die Möglichkeiten der Smartphones vorkamen – und wie schnell das Normalität geworden ist …

Stanislav Kutáček, Präsident des tschechischen Carsharing-Verbands

Was brauchen Ihre Mitgliedsfirmen, um wachsen zu können?

In Tschechien ist den potenziellen Kunden das Carsharing-Konzept bisher kaum bekannt. Das bessert sich aber, und wird meiner Meinung nach die Grundlage für das Anwachsen des Kundenstamms sein. In einigen Jahren dürften wirtschaftliche Überlegungen überwiegen bei der Entscheidung für das Carsharing.

Welche Schritte fordern Sie von der öffentlichen Verwaltung?

Vor allem größere Städte können das Carsharing unterstützen, indem sie Parkplätze für geteilte Autos fördern. Das ist eine Win-Win-Situation, weil die Stadt damit zugleich das Pkw-Aufkommen reduziert. Ein geteiltes Auto ersetzt fünf bis zehn Privatautos. Und zugleich helfen sie den Bewohnern beim Übergang in die Zukunft des Individualverkehrs. Es wäre gut, wenn die Kommunen selbst mehr über das Carsharing aufklären würden. Sie können zum Beispiel auch die ÖPNV-Tarife mit dem Carsharing kombinieren. Carsharing und der öffentliche Nahverkehr ergänzen sich hervorragend.

Ihre Prognose: Wird das Carsharing die Zahl der Autos im Privatbesitz senken?

Ja, grundlegend. Aber nur indirekt. Den Haupteinfluss wird der Siegeszug des autonomen Fahrens haben, den die Carsharing-Firmen aber perfekt nutzen können. Noch nicht nächstes Jahr. Aber in zehn Jahren wird sich die Lage bereits dramatisch gewandelt haben.

Herr Kutáček, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Christian Rühmkorf

Quelle des Beitragsbildes: Asociace českého carsharingu

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